ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert: Schlusswort
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LNSLNS Wir begrüßen das lebhafte Echo auf unseren Artikel, zumal wir die Diskussion über das Krankheitsbild der DIS für dringend erforderlich halten.

Evidenz des posttraumatischen Modells
Der Zusammenhang von Trauma und Dissoziation hat hohe wissenschaftliche Evidenz. Er ist durch retrospektive Studien (auch durch 1 im Leserbrief Wölk), Metaanalysen sowie prospektive und longitudinale Studien (siehe auch 3, 15, 18 und 22 unseres Beitrages sowie [1–3]) gestützt. Zusätzlich zum Trauma sind weitere Risikofaktoren – hoher posttraumatischer Stress sowie verminderte Möglichkeiten der Affektregulation – (4) erforderlich, um dissoziative Symptome zu entwickeln. In der Debatte über neurologische Korrelate stimmen die Befunde abnorm kleiner Hippocampi bei DIS-Patientinnen (5, 6) mit der posttraumatischen Genese der Erkrankung überein.
Eine lineare Korrelation zwischen sexueller Gewalterfahrung und der späteren Entwicklung einer DIS (Leserbriefe Straeter et al. sowie Wölk) wird von uns nicht beschrieben, vielmehr ein Diathese-Stress-Modell. Als Stressoren werden allerdings extrem häufig – in über 90 % der Fälle – Angaben zu traumatischen Erfahrungen in der Kindheit in Form von schwerer Vernachlässigung sowie seelischer, körperlicher und sexueller Misshandlung gefunden.

Abweichungen von den Diagnosemanualen
Die Darstellung in der ICD 10, DIS sei selten und möglicherweise iatrogen und soziokulturell bedingt, ist veraltet. Bei allen durchgeführten klinischen Prävalenzstudien fand man circa 1 bis 5 % DIS-Fälle, und zwar in den kulturell verschiedenen Ländern (USA, Kanada, Niederlande, Schweiz, Norwegen, Deutschland, Türkei; siehe 5, e2–e14 unseres Artikels. Tatsache ist zudem, dass keine einzige überzeugende Studie als Beleg darüber vorliegt, dass das Symptomspektrum einer DIS von Therapeuten iatrogen hervorgerufen werden kann. Der Begriff der „iatrogenen DIS“ ist daher irreführend und sollte wegen fehlender wissenschaftlicher Fundierung nicht verwendet werden, zumal er die Gefahr eines Generalverdachtes der Fehlbehandlung gegen Psychotherapeuten beinhaltet, die mit DIS-Patienten arbeiten.
Hiervon abzugrenzen ist das Problem von Fehldiagnosen, die zu Beginn der Etablierung einer Diagnose vermehrt auftreten können und dem man am sichersten mit Information und Fortbildungen entgegenwirkt. „Aktives Erfragen“ von Symptomen ist übliche Praxis einer jeden Diagnostik und darf nicht mit „suggestivem Fragen“ verwechselt werden.

Evidenz der vorgestellten Therapieempfehlungen
Unsere Therapieempfehlungen stützen sich auf die Richtlinien der International Society for the Study of Dissociation (www.dissoc.de/issd/issd-r0.html), die von internationalen Experten verschiedener Schulrichtungen erarbeitet wurden. Hierin werden sowohl das Phasenmodell, der schulenübergreifende Ansatz als auch das aktive Einbeziehen der dissoziierten Persönlichkeitsanteile empfohlen. Kontrollierte Behandlungsstudien sind notwendig und werden zurzeit durch die holländische Regierung finanziert.

Wahrgenommene und gemessene Prävalenz der DIS
Die Diskrepanz zwischen wahrgenommener und gemessener Häufigkeit von DIS mag damit zusammenhängen, dass auch in der professionellen Vorstellung ein eher schrilles Image über das Krankheitsbild existiert. Simulationen, Imitationen und histrionische Komorbidität kommen vor, sind jedoch selten. Die meisten DIS-Patienten imponieren primär mit Depressionen, Angsstörungen, gelegentlich auch als Persönlichkeitsstörungen und zeigen nur diskrete Hinweise für die dahinterliegende schwere dissoziative Symptomatik.

Fazit
In der Politik setzt sich zurzeit die pragmatische Einstellung durch, dass das gesellschaftliche Nicht-Be-Handeln von Vernachlässigung und Gewalt gegen Kinder – Phänomene, die in Deutschland nicht selten sind – langfristig teuer ist. Dies gilt auch für das Nicht-Be-Handeln von traumatisierten Kindern, die später unter anderem DIS-Patienten werden. Hier sind Kostenträger, Gutachter im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie, Medizinische Dienste der Krankenkassen sowie Versorgungsämter bei der Klärung eventueller Ansprüche im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes besonders gefordert, weil sie über Kosten den Rahmen für die Behandlungsmöglichkeiten traumatisierter Kinder und Erwachsener abstecken. Wünschenswert wäre ein intensiverer Dialog zwischen Klinikern, Forschern, Gutachtern und Kostenträgern, um auch in Zeiten knapper Kassen faire Lösungen für die Betroffenen zu finden.


PD Dr. med. Ursula Gast
Evangelisches Krankenhaus Bielefeld
Graf-von-Galenstraße 58
33619 Bielefeld
E-Mail: Ursula.Gast@evkb.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Diseth TH: Dissociation following traumatic medical treatment procedures in childhood: a longitudinal follow-up. Dev Psychopathol 2006; 18: 233–51. MEDLINE
2.
Macfie J, Cicchetti D, Toth SL: The development of dissociation in maltreated preschool-aged children. Dev Psychopathol 2001; 13: 233–54. MEDLINE
3.
Ogawa JR, Sroufe LA, Weinfield NS, Carlson EA, Egeland B: Development and the fragmented self: longitudinal study of dissociative symptomatology in a nonclinical sample. Dev Psychopathol 1997; 9: 855–79. MEDLINE
4.
Briere J: Dissociative symptoms and trauma exposure: Specificity, affect dysregulation, and posttraumatic stress. J Nerv Ment Dis 2006; 194: 78–82. MEDLINE
5.
Karl A, Schaefer M, Malta LS, Dorfel D, Rohleder N, Werner A: A meta-analysis of structural brain abnormalities in PTSD. Neurosci Biobehav Rev 2006; 30: 1004–31. MEDLINE
6.
Vermetten E, Schmahl C, Lindner S, Loewenstein RJ, Bremner JD: Hippocampal and amygdalar volumes in dissociative identity disorder. Am J Psychiatry 2006; 163: 630–6. MEDLINE
1. Diseth TH: Dissociation following traumatic medical treatment procedures in childhood: a longitudinal follow-up. Dev Psychopathol 2006; 18: 233–51. MEDLINE
2. Macfie J, Cicchetti D, Toth SL: The development of dissociation in maltreated preschool-aged children. Dev Psychopathol 2001; 13: 233–54. MEDLINE
3. Ogawa JR, Sroufe LA, Weinfield NS, Carlson EA, Egeland B: Development and the fragmented self: longitudinal study of dissociative symptomatology in a nonclinical sample. Dev Psychopathol 1997; 9: 855–79. MEDLINE
4. Briere J: Dissociative symptoms and trauma exposure: Specificity, affect dysregulation, and posttraumatic stress. J Nerv Ment Dis 2006; 194: 78–82. MEDLINE
5. Karl A, Schaefer M, Malta LS, Dorfel D, Rohleder N, Werner A: A meta-analysis of structural brain abnormalities in PTSD. Neurosci Biobehav Rev 2006; 30: 1004–31. MEDLINE
6. Vermetten E, Schmahl C, Lindner S, Loewenstein RJ, Bremner JD: Hippocampal and amygdalar volumes in dissociative identity disorder. Am J Psychiatry 2006; 163: 630–6. MEDLINE

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Avatar #697232
Sinaly12
am Montag, 16. März 2015, 22:36

Opferentschädigung?

Wie jederman weiß, ist das Opferentschädigungsgesetzt, der Neuzeit in keinster Weise angepasst. Die lehnen in einem solchen fall ab!! Alles Sugestion, obwohl es mehrer Unabhängige Gutachten gibt, sollen die Patienten Rede und Antwort stehen.
Dies ist aber häufig in der gewünschten Form nicht möglich. gerichtsverfahren gibt es ebenso häufig nicht, wegen der Verjährungsfristen. Diese Patieneten kommen aber erst sehr spät an Details, die für Richter und Versorgungsämter relevant sind. Dabei finde ich, der Schaden ist da. Wie er entstanden ist spielt dann bei der Entschäigung nur eine untergeordnete Rolle, da jeder weiß, dass die grausamkeit extrem gewesen ist, um eine solche Störung hervorzurufen.
Mit freundlichen Grüßen
S. Fitzner