ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Neues intrathekales Analgetikum: Mit Schneckengift gegen Schmerzen

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Neues intrathekales Analgetikum: Mit Schneckengift gegen Schmerzen

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-1041

Weiss, Maria

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LNSLNS Mit dem neuen nicht opioiden Analgetikum Ziconotid (Prialt®) gibt es eine Alternative für Patienten mit chronischen starken Schmerzen, die auch auf die intrathekale Opioidgabe nur unzureichend ansprechen. Bei Ziconotid handelt es sich um das synthetische Äquivalent eines körpereigenen Gifts der Kegelschnecke, die im Pazifischen Ozean lebt.
„Circa 20 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen erreichen unter den bisher verfügbaren Therapiemöglichkeiten mit systemisch oder intrathekal applizierten Opioiden beziehungsweise mit anderen konventionellen Substanzen keine ausreichende Schmerzreduktion“, sagte Prof. Michael Zenz (Universität Bochum) in Berlin. Ziconotid sei die erste Innovation seit mehr als 20 Jahren im Bereich der intrathekalen Analgesie.
Wirkmechanismus des für Fische tödlichen Toxins sei die selektive Hemmung von neuronalen N-Typ-Calciumkanälen. Würden diese Kanäle im Hinterhorn des Rückenmarks gehemmt, bleibe der spannungssensitive Ca2+-Einstrom aus, wodurch die Freisetzung von exzitatorischen Neurotransmittern und damit die Schmerzweiterleitung inhibiert würden, erklärte Prof. Kay Brune (Universität Erlangen). Im Gegensatz zu Morphin trete daher keine Toleranzentwicklung auf. Selbst eine abrupte Unterbrechung der Therapie führe nicht zu einem Entzugssyndrom.
Da bei systemischer Gabe – ähnlich wie bei den Fischen – schwere sympatholytische Nebenwirkungen bis hin zum Tod drohen, darf Ziconotid ausschließlich als kontinuierliche intrathekale Infusion mittels externer oder implantierter Mikroinfusionspumpen appliziert werden. Bei lokaler intrathekaler Applikation verbleibt das Protein im Liquorraum, und Nebenwirkungen sind auf das zentrale Nervensystem beschränkt.
Die analgetische Wirksamkeit und Sicherheit der intrathekalen Ziconotidtherapie sei in drei klinischen Studien bei Patienten mit Tumorschmerzen und nicht tumorbedingten Schmerzen belegt worden, berichtete Brune. Als Nebenwirkungen seien vor allem ZNS-Symptome (Verwirrtheit, Desorientiertheit, Sprachstörungen, Angstzustände) beobachtet worden, die bei Dosisreduktion beziehungsweise Therapieabbruch reversibel seien. Vorsicht sei bei Patienten mit Depressionen und Psychosen geboten, da diese Symptome verstärkt werden könnten. Opioid-typische Nebenwirkungen wie Obstipation und Atemdepression träten unter Ziconotid nicht auf.
Von eigenen Erfahrungen mit Ziconotid bei 21 Patienten berichtete Dr. Arm Ver Donck (Brügge). Es sollte mit einer niedrigen Anfangsdosis von 2,4 µg/d begonnen werden, die bis maximal 21,6 µg/d gesteigert werden könne. Die Titrationsschritte sollten 1,2 µg/Tag nicht überschreiten und in Abständen von mindestens 48 Stunden vollzogen werden. Bei den meisten Patienten liege die maximal benötigte Dosis unter 9 µg/d. Die ersten analgetischen Effekte träten nach circa vier Tagen ein – bis zu einer stabilen Einstellung dauerte es im Schnitt sechs Monate.
Bestimmte Indikationen, Patienten oder Schmerztypen, die besonders gut auf die Therapie ansprechen, konnten bisher nicht festgestellt werden. Hier müsse man nach dem Prinzip „trial and error“ vorgehen, sagte die Schmerztherapeutin.
Maria Weiss

Pressekonferenz „Ziconotid – Eine Innovation in der Schmerztherapie“ anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses in Berlin, Veranstalter: Eisai
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