SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Doktorarbeit

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): [72]

Böhmeke, Thomas

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Never treat your own family – so der Rat erfahrener Kollegen an den Nachwuchs, die unmittelbaren Angehörigen vor wohlgemeinten Fehldiagnosen zu schützen. Leider treten aber in der Verwandtschaft auch mal Malaisen auf, die einen zum Konsil zwingen.
Mein Bruder aus München ruft an, frisch angetraut mit einer Kollegin. Das junge Glück ist jedoch durch eine spezifisch ärztliche Erkrankung überschattet: das Schreiben einer Doktorarbeit. „Ich will ja gar nicht wissen, wie du zu deinem Doktortitel gekommen bist, aber muss das denn wirklich sein“, so beklagt er sich bei mir, „jeden Abend, jedes Wochenende rechnet sie an ihren Tabellen herum, macht Literaturrecherche und feilt an Texten, die außer ihr wahrscheinlich niemand lesen wird . . .“ Ich versuche ihm zu erläutern, dass der Doktortitel in weiten Kreisen der Bevölkerung immer noch untrennbar mit der Ausübung der ärztlichen Kunst verbunden ist und damit höhere Weihen . . . „Du brauchst nicht satirisch zu werden, mein lieber Thomas, ich wollte nur fragen, ob man dieses Leiden nicht verkürzen kann?“ Damit aktiviert er mein Helfersyndrom, selbst in ausweglosen Lagen Lösungen zu bieten, die auch mal nicht ganz leitliniengerecht sind. Neben den legalen Promotionshilfen kann man auch Doktortitel kaufen, dafür muss man gar nicht weit in die Ferne schweifen, Doktortitel gibt es an europäischen Universitäten bereits für 3 000 Euro, Professorentitel kosten da schon etwas mehr, so ungefähr 9 000 Euro. Dies ist doch geradezu ein Schnäppchen, wenn man die Mühsal und Leiden einer Promotion oder gar Habilitation in Betracht zieht, von den Nebenwirkungen auf Familie und Gesundheit mal ganz abgesehen. Insofern müsste man nicht nur aus betriebswirtschaftlicher, sondern auch aus ärztlicher Sicht dringend zu diesem Wege raten . . ., aber mein Bruder ist davon nicht ganz überzeugt. „Das ist doch sicherlich nicht ganz legal, oder?“ Ich beruhige ihn, dass zwar der § 134 a StGB den Missbrauch akademischer Grade scharf regelt, dass dem aber nur bei begründetem Verdacht nachgegangen wird und ausländische Universitäten, die derartige Titel gegen Cash vergeben, kaum angreifbar sind. Er müsse das wie bei einer Medizin betrachten: Die schlimmen Nebenwirkungen aus dem Beipackzettel treten tatsächlich nur sehr selten auf, aber die Wirkung ist da, weil man ja auch viel Geld dafür bezahlt. Mein Bruder ist immer noch skeptisch. „Sag ehrlich: Braucht man diese Titelei überhaupt?“ Ich winde mich wie ein Kolonadenom, das der Polypektomieschlinge entwischen will. Wenn man beispielsweise seinen Doktortitel beim Kauf eines Autos angibt, fallen die Rechnungen höher aus, werden Rabatte gar nicht gewährt. Weite Kreise der Bevölkerung sind schließlich immer noch der Meinung, wir Ärzte würden viel zu viel Geld verdienen. „Dann lohnt sich das doch gar nicht, für den Doktortitel zu schuften, oder?!“ Ich quäle mich wie eine peristaltische Welle um ein entzündetes Kolondivertikel und gebe zu, dass führende Professoren auf Kongressanmeldungen ihre Titel bereits weglassen . . . Süffisant meint mein Bruder: „Bei so viel unerwünschten Nebenwirkungen solltet ihr Doctores euch gegenseitig krankschreiben, wenn ihr trotzdem promoviert!“
Ich hasse es, wenn auch noch die bucklige Verwandtschaft satirisch wird.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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