ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2007Weiterbildung: Wiedergeburt des Allgemein-Internisten

POLITIK

Weiterbildung: Wiedergeburt des Allgemein-Internisten

Dtsch Arztebl 2007; 104(16): A-1057 / B-941 / C-897

Korzilius, Heike

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Karriere im Krankenhaus: Der künftige Allgemein- Internist dürfte vor allem in Krankenhäusern gebraucht werden, die nicht alle Schwerpunkte vorhalten können. Foto: Eckel
Karriere im Krankenhaus: Der künftige Allgemein- Internist dürfte vor allem in Krankenhäusern gebraucht werden, die nicht alle Schwerpunkte vorhalten können. Foto: Eckel
Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer wird dem 110. Deutschen Ärztetag im Mai vorschlagen, den Internisten ohne Schwerpunkt wieder einzuführen. Das EU-Recht erfordert eine Änderung der erst 2002 beschlossenen Weiterbildungsnovelle.

Wir brauchen eine Entscheidung“, sagt Dr. med. H. Hellmut Koch. „Einigen wir uns nicht, wäre das eine Bankrotterklärung für die ärztliche Selbstverwaltung.“ Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer wird dem 110. Deutschen Ärztetag Mitte Mai in Münster vorschlagen, den Facharzt für Innere Medizin ohne Schwerpunkt wieder einzuführen. Das Thema hat bereits einige Deutsche Ärztetage beschäftigt und für zum Teil hoch emotionale Debatten gesorgt. Erst 2002 hatte der Deutsche Ärztetag in Rostock beschlossen, den Allgemein-Internisten in seiner bisherigen Form abzuschaffen. Die Internisten sollten künftig neben ihrer Grundkompetenz in der Inneren Medizin immer auch eine fachärztliche Schwerpunktkompetenz erhalten. Die hausärztliche Versorgung sollte der Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin übernehmen. Der Deutsche Ärztetag in Köln hat im Jahr 2003 diesen von vielen Internisten als schmerzlich empfundenen Kompromiss nochmals bestätigt.
Nun erfordern veränderte europarechtliche Vorgaben eine erneute Änderung der Weiter­bildungs­ordnung. Die EU-Kommission kritisiert zum einen, dass die vom Ärztetag beschlossene (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung in den Lan­des­ärz­te­kam­mern nicht einheitlich umgesetzt wurde. Denn fünf Ärztekammern hatten abweichend vom Rostocker Kompromiss beschlossen, den Facharzt für Innere Medizin beizubehalten. Kann Deutschland aber keine einheitliche Form für die Notifikation der Facharztbezeichnung „Innere Medizin“ auf EU-Ebene vorlegen, droht die Denotifizierung des Facharztes für Innere Medizin. Für Deutschland sei im Rahmen der gegenseitigen Anerkennung von Berufsqualifikationen nach wie vor die „allgemeine“ Fachspezialisierung für Innere Medizin gelistet, heißt es vonseiten der EU-Kommission. Deshalb müsse gewährleistet sein, dass Fachärzte in Innerer Medizin unabhängig vom Weiterbildungsangebot weiterhin in allen Bundesländern tätig sein könnten. Das gelte auch für ausländische Internisten. Koch: „Das Hauptproblem ist allerdings, dass die EU-Kommission die Vereinbarung, wonach ein Internist mit Schwerpunkt in einem anderen Mitgliedstaat wählen kann, ob er als Internist oder in seinem Schwerpunkt tätig werden kann, nicht mehr aufrechterhält.“
An der einheitlichen Qualifikation für den Hausarzt ändere sich durch den BÄK-Vorschlag nichts, betont der Weiterbildungsexperte. „Wir verlassen die Grundsatzbeschlüsse von Rostock und Köln damit nicht.“ Das bezweifelt der Deutsche Hausärzteverband. „Wir geraten erneut in eine grundsätzliche Auseinandersetzung über eine einheitliche Hausarztqualifikation“, warnt dessen Bundesvorsitzender Rainer Kötzle. „Ich halte den Beschluss des BÄK-Vorstandes für einen Fehler.“ Die EU-Kommission fordere zwar eine einheitliche Regelung der Facharzttitel in Deutschland, sie gebe aber keine Richtung vor. „Die Konsequenz aus der EU-Kritik ist nicht, dass zwölf Ärztekammern, die die Rostocker Beschlüsse eins zu eins umgesetzt haben, jetzt den fünf Abweichlern folgen.“ Der Deutsche Ärztetag müsse vielmehr versuchen, diese dazu zu bewegen, sich der Beschlusslage der Mehrheit der Kammern anzupassen.
Die Angst der Hausärzte vor der „alten“ Konkurrenz zwischen Allgemeinärzten und Allgemein-Internisten hält BÄK-Vorstand Koch für zwar emotional verständlich, aber unbegründet. Denn der Internist ohne Schwerpunkt erwirbt nach der geplanten Weiterbildungsnovelle im Rahmen seiner fünfjährigen Weiterbildung keine hausärztliche Kompetenz. Er kann mithin auch nicht als Hausarzt tätig werden. Gebraucht werden dürfte er vor allem in Krankenhäusern, die nicht sämtliche Schwerpunkte vorhalten können. Dieses Argument hatte der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) schon zu Beginn der Diskussion um die Verschmelzung der Fächer Innere und Allgemeinmedizin ins Feld geführt. Der Verband hatte bis zuletzt erbitterten Widerstand gegen die Abschaffung des internistischen Generalisten geleistet. Entsprechend erleichtert ist man dort über die neue Entwicklung. „Die Vorlage des BÄK-Vorstandes findet unsere ungeteilte Zustimmung“, sagt BDI-Präsident Dr. med. Wolfgang Wesiack. Er hoffe beim Ärztetag in Münster auf eine kurze, zielorientierte Diskussion. Das Weiterbildungsmodell besteche durch seine Vielseitigkeit, denn auch der Allgemein-Internist habe ja immer noch die Möglichkeit, eine zusätzliche hausärztliche Qualifikation oder eine Schwerpunktkompetenz zu erwerben. Selbst als Allgemein-Internist habe er als Oberarzt im Krankenhaus seine Karrierechance. Das bezweifelt der BDA-Vorsitzende Kötzle: „Für die jüngeren Kollegen ist der neue Facharzt für Innere Medizin eine Sackgasse.“ Für die Arbeitgeber in den Krankenhäusern sei der in fünf Jahren weitergebildete Generalist attraktiv, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Die betroffenen Ärzte dagegen könnten weder auf eine spätere Niederlassung hoffen noch auf eine erfolgreiche Karriere im Krankenhaus. Die bleibe den Schwerpunktinternisten vorbehalten. „Das Problem wird sich beim Ärztetag sicher nicht formal lösen lassen. Das Thema ist so wichtig, dass sich eine grundsätzliche Auseinandersetzung lohnt.“
Eine weitere Grundsatzdebatte hat es noch nicht auf die Tagesordnung des Deutschen Ärztetages geschafft. Dabei geht es um die Frage, wie bindend dessen Beschlüsse für die Lan­des­ärz­te­kam­mern sind. Denn der Ärger mit der EU-Kommission wäre vermeidbar gewesen, wenn alle die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung bundesweit einheitlich umgesetzt hätten. „Wir brauchen eine Diskussion über den Föderalismus“, sagt deshalb H. Hellmut Koch. „Föderalismus bedeutet nicht, dass jeder macht, was er will.“ Es gehe vielmehr darum, eine gemeinsame Entscheidung zu vertreten. Eine Kommission, die sich mit dem Thema beschäftigt, hat die BÄK bereits eingerichtet.
Heike Korzilius
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