ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2007Interview zur sexualisierten Kriegsgewalt mit Ingeborg Joachim, Traumatherapeutin: Traumaarbeit – Ins Schweigen getrieben

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview zur sexualisierten Kriegsgewalt mit Ingeborg Joachim, Traumatherapeutin: Traumaarbeit – Ins Schweigen getrieben

Dtsch Arztebl 2007; 104(16): A-1074 / B-956 / C-910

Meyer, Petra

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Die Hilfsorganisation medica mondiale hilft Opfern sexualisierter Kriegsgewalt. Im Vordergrund stehen dabei nicht die Beschwerden der betroffenen Frauen und Mädchen, sondern deren noch vorhandene Stärken.

Frau Joachim, Sie haben für medica mondiale im Kosovo mit Frauen und Mädchen gearbeitet, die während des Krieges sexualisierte Gewalt erlitten haben. Was haben die Betroffenen berichtet?
Joachim: Es gab Muster, die sich wiederholten: Armeeangehörige oder Paramilitärs kamen in die Dörfer, trennten Männer und Frauen, töteten die Männer sofort oder deportierten sie. Die Frauen wurden oft vergewaltigt. Einem anderen Muster zufolge sind Polizisten, Soldaten oder Milizen in Wohnungen eingedrungen und haben Geld, Schmuck oder sonstige Wertgegenstände erpresst. Den Frauen drohte Vergewaltigung und Gewalt gegen die Kinder. Manchmal wurden Frauen auch in bestimmten Häusern festgehalten und tage- oder wochenlang missbraucht. Allen Mustern gemeinsam ist, dass die Frauen gedemütigt, beschimpft, verhöhnt, von einzelnen oder mehreren Männern vergewaltigt und darüber hinaus oft schwer verletzt wurden.

Wie wirken sich die Gewalterfahrungen körperlich und psychisch auf die Betroffenen aus?
Joachim: Sexualisierte Gewalt ist extrem destruktiv. Bei einer Vergewaltigung werden massiv körperliche und psychische intime Grenzen überschritten. Die Frauen erleben diese Gewalt als Entwertung und Zerstörung ihrer Persönlichkeit. Rein körperlich kann es zu vielfachen Verletzungen, psychosomatischen und gynäkologischen Störungen kommen. Bleibende Schäden sind keinesfalls selten. Die psychischen Folgen gehen oft weit darüber hinaus, was als posttraumatische Belastungsstörung (PTSB) beschrieben ist. Da sind vor allem Depressionen und psychosomatische Beschwerden zu nennen sowie Suchtverhalten in Form von Tabletten, Alkohol oder Drogen.

Sie sprechen auch von einer sozialen Dimension der psychischen Verletzung. Was meinen Sie damit?
Joachim: Vergewaltigte Frauen gelten in vielen Gesellschaften als entwertet. Die zerstörerische Kraft sexualisierter Kriegsgewalt ist ja eng verbunden mit der patriarchalen Auffassung, dass Männer das Recht haben, die weibliche Sexualität zu kontrollieren. Und das Ansehen der Frau hängt davon ab, wie gut den Männern diese Kontrolle gelingt. Die „Schande“ wird aber den vergewaltigten Frauen und nicht den Tätern zugeschrieben. Nicht wenige Frauen begehen sogar Selbstmord, weil sie sich so beschmutzt und entwertet fühlen. Hinzu kommt auch, dass sie nach einer Vergewaltigung in der Familie nicht mehr so funktionieren wie früher, nicht mehr so belastbar sind.
Die soziale Bewertung ist dafür verantwortlich, dass das Thema so stark tabuisiert ist. Vor diesem Hintergrund werden die Frauen ins Schweigen und in die soziale Isolation getrieben. Das ist ein großes Problem, denn es verbaut ihnen den Zugang zu Hilfsangeboten.

Wann spricht man von einer posttraumatischen Belastungsstörung?
Joachim: Nach einem traumatischen Ereignis kann es zu allen möglichen Symptomen kommen, die auch bei PTBS auftauchen: Albträume, starke Angstzustände, Zittern und Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, das vegetative System ist nicht mehr im Gleichgewicht. Betroffene dissoziieren stark, sind zum Beispiel nicht mehr in Kontakt mit den eigenen Gefühlen und stehen neben sich. Bei den meisten Leuten klingt das nach ein paar Tagen oder Wochen ab. Wenn die Symptome nach Monaten noch da sind, sprechen wir von einer PTBS. Dabei unterscheiden wir drei Gruppen von Symptomen. Erstens die intrusiven Symptome wie Panikattacken, Albträume oder Flashbacks. Zweitens diejenigen Symptome, die deutlich machen, dass die Betroffenen alles meiden, was an das traumatische Ereignis erinnert. Oft ist dies verbunden mit einem sozialen Rückzug. Als dritte Gruppe gibt es die Symptome der Übererregung. Betroffene können sich nicht mehr konzentrieren, werden reizbar oder auch aggressiv.

Warum greift das Konzept der PTBS bei sexualisierter Kriegsgewalt zu kurz?
Joachim: Erst allmählich werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Reaktion auf solche Erfahrungen erforscht. Darüber hinaus kann man davon ausgehen, dass sexualisierte Gewalt im Kontext von Krieg zusätzlich zu vielen anderen traumatischen Ereignissen erfahren wird, wie Mord, Deportation, Bombenangriffen oder Bedrohung über einen langen Zeitraum hinweg. Das hat dann nicht mehr den Charakter eines Einzelereignisses, auf das die Diagnose PTBS zugeschnitten ist. Lang andauernde Traumatisierung ruft viel massivere Störungen hervor, als in den drei Symptomgruppen beschrieben ist, wie beispielsweise massive Persönlichkeitsveränderungen.

medica-kosova- Beraterin Fehmije Luzha betreut eine Klientin. Die 29- Jährige musste während des Krieges mitansehen, wie ihr Mann erschossen wurde. Sie wurde mehrmals vergewaltigt. Seit ihrer Flucht kann sie sich nicht mehr bewegen. Das kann psychologische Ursachen haben. Foto: medica mondiale e.V.
medica-kosova- Beraterin Fehmije Luzha betreut eine Klientin. Die 29- Jährige musste während des Krieges mitansehen, wie ihr Mann erschossen wurde. Sie wurde mehrmals vergewaltigt. Seit ihrer Flucht kann sie sich nicht mehr bewegen. Das kann psychologische Ursachen haben. Foto: medica mondiale e.V.
Wie groß ist das Risiko einer Retraumatisierung, wenn betroffene Frauen ärztlich untersucht werden?
Joachim: Eine Retraumatisierung ist nicht immer vermeidbar, denn die Auslöser sind ja unbekannt. Es können Geräusche, Stimmen, Gerüche oder Berührungen sein, die an das traumatische Ereignis erinnern und die Symptome auslösen. Das kann ganz plötzlich passieren. Besonders natürlich beim Arztbesuch, denn notgedrungen werden durch die Untersuchung manchmal Grenzen überschritten, finden Berührungen statt. Das beste Mittel, um einer Retraumatisierung entgegenzuwirken, ist, im Kopf zu haben, dass es passieren kann. Denn dann wird man die Patientin in ihren Reaktionen genau beobachten. Sehr hilfreich ist es, wenn die Patientin bei der Untersuchung so viel wie möglich mitbestimmen und ihre Grenzen setzen darf.

Warum ist eine genaue Anamnese nach sexualisierter Gewalt so wichtig?
Joachim: Wird die Gewalterfahrung nicht belegt, werden Folgesymptome nicht in ihrem Zusammenhang erkannt, zum Beispiel bei psychosomatischen Störungen. Wenn die ärztlichen Untersuchungen keinen organischen Befund ergeben, werden die Symptome oft abgetan oder irgendwie behandelt. Die betroffene Frau bleibt aber letztlich mit ihrer Erfahrung, ihren Ängsten und Symptomen allein und auch mit der zusätzlichen Angst, dass eine schwere organische Erkrankung nur noch nicht erkannt ist.
Wichtig ist zudem der forensische Aspekt der Anamnese. Vergewaltigungen können nur kurze Zeit nach der Tat forensisch ermittelt werden, was allerdings im Krieg oft kaum möglich ist. Selbst im deutschen Gesundheitswesen gibt es hier noch großen Nachholbedarf, beispielsweise nach häuslicher Gewalt. Denn die forensischen Befunde dienen als Beweismaterial, um die Täter verurteilen zu können.

Was ist besonders wichtig, wenn es um die Arbeit mit Überlebenden sexualisierter Gewalt geht?
Joachim: Für medica mondiale ist Parteilichkeit ganz wichtig: Die professionellen Helferinnen stehen ganz klar auf der Seite der betroffenen Frauen. Der Ansatz unserer Arbeit ist zudem immer ressourcenorientiert: Wir pathologisieren die Frauen nicht, indem wir nur auf ihre Beschwerden schauen, sondern richten unseren Blick auf ihre noch vorhandenen Stärken. Die Frauen sollen in die Lage versetzt werden, ihr Leben in allen Aspekten selbst in die Hand zu nehmen. Dazu gehören auch kleine Schritte: So ermutigen wir sie, bei der medizinischen Behandlung und therapeutischen Begleitung Stopp zu sagen, wenn ihnen etwas unangenehm ist. Des Weiteren setzen wir auf Transparenz und Klarheit. Die Frauen sollen wissen, wie Trauma und Symptome zusammenhängen. Viele Frauen denken ja beim Auftauchen der Beschwerden, dass sie verrückt sind oder dass organisch etwas nicht in Ordnung ist. Hier ist Aufklärung wichtig. Und last but not least: Vertraulichkeit, auch dem Ehemann und der Familie gegenüber und manchmal gegen das Interesse der eigenen Organisation, die Taten zu dokumentieren.

Wie gefährdet sind Hilfeleistende selbst, ihr psychisches Gleichgewicht bei der Arbeit mit Traumapatienten zu verlieren?
Empathie ist eine wichtige Voraussetzung, um mit Traumatisierten gut arbeiten zu können. Die Belastung durch die Arbeit ist daher gar nicht zu vermeiden. In diesem Kontext kann es somit leicht zu Burn-out und stellvertretender Traumatisierung kommen. Ganz wichtig ist daher die Selbstfürsorge, das heißt Grenzen setzen, Ausgleichsmöglichkeiten im Privatleben schaffen, Abstand zur Arbeit suchen. Aber das ist nicht immer einfach.
Die Fragen stellte Petra Meyer


Fortbildung

Weitere Informationen:
medica mondiale e.V., Karin Griese (Hrsg.): Sexuelle Kriegsgewalt und ihre Folgen, Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern.
2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Mabuse Verlag, 2006
456 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 3-935964-48-X
Fortbildungen zur Traumaarbeit für verschiedene Zielgruppen des Gesundheitswesens, des sozialen und juristischen Bereichs sowie der humanitären oder Entwicklungshilfe: www.medicamondiale.de
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