ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2007Interoperabilität von IT-Systemen: Mehr Kommunikation – weniger Aufwand

THEMEN DER ZEIT

Interoperabilität von IT-Systemen: Mehr Kommunikation – weniger Aufwand

Dtsch Arztebl 2007; 104(16): A-1078 / B-958 / C-912

Bursig, Hans-Peter; Wein, Berthold B.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Beim jährlich veranstalteten Testlauf, dem Connect-a-thon, zeigt sich, ob die Systeme unterschiedlicher Hersteller tatsächlich miteinander „kommunizieren“. Fotos: ZVEI Frankfurt/Main
Beim jährlich veranstalteten Testlauf, dem Connect-a-thon, zeigt sich, ob die Systeme unterschiedlicher Hersteller tatsächlich miteinander „kommunizieren“. Fotos: ZVEI Frankfurt/Main
Integrating the Healthcare Enterprise (IHE): Nur der konsequente Einsatz von Standards fördert die direkte Kommunikation zwischen medizinischen Computersystemen.

Wie oft stehen Ärzte vor der Frage: Wie kann ich die von meinem Patienten erhobenen Daten rasch in mein eigenes Computersystem überführen und für die effekti-ve, umfassende Behandlung nutzen? Und wie kann ich die Daten und Computersysteme optimal für meine Arbeit einsetzen?
Medizinische Daten werden überall angefordert und erhoben, sei es im Labor, bei Fachärzten, in Krankenhäusern oder durch automatisierte Telemonitorsysteme. Schwierig ist allerdings bisher die Überführung der Daten unmittelbar in die Systeme, die die tägliche Arbeit vereinfachen sollen und dem Arzt eine Gedächtnis- und Entscheidungshilfe sein wollen: die individuellen Patientenverwaltungssysteme.
Für viele Ärzte sieht der Alltag immer noch so aus, dass sie mit verschiedenen Computersystemen umgehen und die Daten per Hand von einem System ins andere übertragen müssen. Die Daten des Patienten werden im Krankenhaus- oder Praxisinformationssystem, im klinischen Informationssystem, beim datenerzeugenden Untersuchungsgerät und beim elektronischen Archiv immer wieder neu erfasst. Oft werden die Daten von einem Computerausdruck oder einem handgeschriebenen Zettel übernommen, und fast jedes Mal ist die Eingabemaske anders aufgebaut.
Fehler und zeitaufwendige Korrekturen sind da programmiert. Wer hat nicht schon einmal die Voruntersuchung des Patienten „Meier, Andreas“ gesucht, um sie viel später als die Daten des Patienten „Meyer, Andreas“ zu finden.
Offene Plattform
Hier zeigt IHE (Integrating the Healthcare Enterprise), eine seit 1998 bestehende gemeinsame Initiative von Anwendern und Herstellern von Computersystemen in der Medizin, einen effektiven Weg, um Computersysteme sicher miteinander kommunizieren zu lassen.
IHE bietet eine offene Plattform, auf welcher Anwender und Hersteller von IT-Lösungen im Gesundheitswesen gemeinsam sogenannte Integrationsprofile entwickeln. Diese beschreiben typische Abläufe der täglichen Routine und die Anforderungen an eine reibungslose Unterstützung durch IT-Systeme. IHE entwickelt dabei keine eigenen Standards, sondern beschreibt die exakte und eindeutige Anwendung etablierter und in der Praxis benutzter Standards, wie etwa HL7 oder DICOM. Mit IT-Systemen, die IHE-Integrationsprofile implementieren, lässt sich der Arbeitsablauf ohne Medienbrüche, ohne Zettelwirtschaft und ohne Eingabefehler organisieren.
Integrationsprofile
Das Integrationsprofil „Geplanter Arbeitsablauf“ („Scheduled Workflow“) zum Beispiel stellt sicher, dass die Patientendaten, die bei der Aufnahme erhoben werden, beim untersuchenden Arzt elektronisch verfügbar sind, selbst wenn er mit einem anderen System arbeitet. Diese Daten werden weiter übertragen, wenn der Arzt eine weiterführende Untersuchung bestellt, zum Beispiel eine CT-Untersuchung. Beim CT sind die Daten nicht nur im Ra-
diologie-Informationssystem gespeichert, sondern sie sind auch schon an das CT-Gerät übertragen, mit dem die Untersuchung durchgeführt werden soll. Sobald die Untersuchung abgeschlossen ist, werden die Bilder im PACS (Picture Archiving and Communication System) abgelegt, und der Radiologe wird automatisch informiert, dass er die Aufnahmen befunden kann. Sobald der Befund mit den Aufnahmen im PACS abgelegt ist, wird der überweisende Arzt informiert, dass Untersuchungsergebnisse und Befund vorliegen.
Entsprechende Integrationsprofile gibt es nicht nur für die Radiologie, sondern für verschiedene klinische Anwendungsgebiete. Egal ob im Krankenhaus, in der Arztpraxis oder im Medizinischen Versorgungszentrum: Die Zeit von der Aufnahme des Patienten bis zum Ergebnis der Untersuchung verkürzt sich drastisch. Die Zahl der Fehler sinkt deutlich. Und falls der Patient „Meier, Andreas“ schon eine Akte als „Meyer, Andreas“ hat, können beide mit wenigen Befehlen zusammengeführt werden.
Herstellerübergreifend
Eine weitere Besonderheit von IHE liegt darin, dass die Initiative hersteller- und systemübergreifend arbeitet. Die Integrationsprofile beschreiben, wie die Geräte unter-schiedlicher Hersteller zu einem in der Praxis relevanten, umfassenden System mit gemeinsamem Konzept integriert werden können. Ein Krankenhaus- oder Praxissystem von Hersteller A kann mit einem PACS von Hersteller B, einem CT von Hersteller C und einem Röntgenfilm-Drucker von Hersteller D kombiniert werden. Vergleichbares gilt selbstverständlich in anderen klinischen Anwendungsbereichen. Der Anwender kann deshalb in vielen Fällen seine bereits eingesetzten Geräte weiter nutzen und durch gezielte Investitionen ergänzen.
IHE hat sich deshalb in den letzten fünf Jahren rasant entwickelt. So sind bereits mehr als 50 Integrationsprofile in zehn Anwendungsbereichen (unter anderem Kardiologie, Labormedizin, Radiologie, Informationstechnologie, Augenheilkunde, Patientensysteme, Patientenlogistik) erarbeitet, getestet und zum Einsatz gebracht worden. Damit werden durch genaue Definition von Infrastrukturen innerhalb der Anwendungsgebiete bis hin zum Austausch klinischer Dokumente zwischen Leistungserbringern zahlreiche Arbeitsabläufe der Gesundheitsversorgung abgedeckt. Die Profile werden in einem jährlichen Entwicklungszyklus weiterentwickelt und um neue Anwendungsfälle erweitert.
Entwickler und Anwender von ITSystemen tüfteln gemeinsam an praktikablen, benutzerfreundlichen Lösungen.
Entwickler und Anwender von ITSystemen tüfteln gemeinsam an praktikablen, benutzerfreundlichen Lösungen.
Die Mitwirkung der Anwender stellt dabei sicher, dass die entwickelten Integrationsprofile für die Routine tatsächlich nutzbar sind. Es wird nicht das entwickelt, was tech-nisch machbar ist oder am „grünen Tisch“ reizvoll aussieht, sondern etwas, von dem Ärzte, technische Assistenten und Pflegepersonal in der täglichen Arbeit einen Nutzen haben.
Für die Anwender derartiger Systeme wird die korrekte Umsetzung der Integrationsprofile durch die Hersteller in ihren Produkten in einem jährlichen Testlauf, dem „Connect-a-thon“, unter realen Bedingungen getestet.* Dieses neuartige Testverfahren erfordert, dass durch direkte Kommunikation mit dem jeweiligen Partner auf Anwendungsebene gezeigt werden muss, dass das eigene Produkt mit dem des Partners vollständig kommuniziert. Erst nach der erfolgreichen Teilnahme an dieser Prüfung ist das Unternehmen berechtigt, für das jeweilige Produkt ein „IHE Integration Statement“ auszustellen. Für den Anwender ist dadurch der Funktionsum-fang eines Produkts klar erkennbar und seine fehlerfreie Mitwirkung in einem größeren System von Anfang an sichergestellt. Diese gezielten Informationen sind für den Anwender sowohl Bestätigung der gewünschten Funktionalität als auch ein wertvolles Instrument bei Ausschreibungen und Kaufentscheidungen.
Der Nutzen von IHE für die Anwender liegt auf der Hand: Relevante medizinische Informationen stehen unmittelbar zur Verfügung, selbst wenn sie von verschiedenen Systemen kommen. Dies wirkt sich zunächst auf die internen Arbeitsabläufe aus. Hier kann jeder Anwender für sich kurzfristig die schnellsten Erfolge erreichen. Zusätzlich legt er damit auch die Grundlage dafür, dass er künftig mit anderen Ärzten und Krankenhäusern sinnvoll Informationen auf elektronischem Weg austauschen kann.
Für die Zukunft werden vor allem die jüngsten Integrationsprofile zum Austausch klinischer Dokumente (XDS – Cross-Enterprise Document Sharing) und zur Koordinierung der Patientenbetreuung (XDS-MS – XDS Medical Summary) von besonderem Interesse sein. XDS ermöglicht es, definierte Informationen über einen Patienten in Form von klinischen Dokumenten für andere Nutzer verfügbar zu machen. XDS definiert hierzu strukturierte Dokumente und Computersystem-Architekturen, welche die relevanten medizinischen Informationen enthalten. XDS-MS schreibt exakt vor, wie eine sichere inhaltliche Übertragung von relevanten Patientendaten über System- und Bereichsgrenzen hinweg möglich ist. Hierzu ist auch eine Integration von Notfalldaten (zum Beispiel letzte Diagnosen, Allergien, Medikationen) vorgesehen.
Sektorübergreifend
Mit XDS und XDS-MS bietet IHE Integrationsprofile an, die geeignet sind, die ärztliche Arbeit in Praxisnetzen und den Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Arztpraxen zu unterstützen. Hierbei spielt auch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und des Heilberufsausweises als Sicherheitskomponente eine wichtige Rolle. So werden aus Informationsinseln zusammenhängende Informationsnetzwerke, die dem behandelnden Arzt einfach und schnell relevante medizinische Daten zur Verfügung stellen und ihn unterstützen.
Informationen über IHE sind im Internet unter www.ihe-europe.org oder beim Verein IHE Deutschland e.V., Stresemannallee 19, 60596 Frankfurt/ Main, erhältlich. n
Hans-Peter Bursig, Berthold B. Wein

Anschrift für die Verfasser
Hans-Peter Bursig, IHE Deutschland e.V.,
c/o Stresemannallee 19, 60596 Frankfurt
am Main, E-Mail: bursig@zvei.org
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema