ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2007Ferndiagnosen vom Online-Doktor: Rascher Rat per Mausklick

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Ferndiagnosen vom Online-Doktor: Rascher Rat per Mausklick

Dtsch Arztebl 2007; 104(16): A-1119 / B-999 / C-951

Althoetmar, Kai

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Foto: ddp
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Nicht alle Internetangebote trennen sauber zwischen Redaktion und versteckter PR.

Der Siegeszug des Internets hat das Verhältnis von Arzt und Patient gewandelt. „Der Patient ist interessierter und informierter als früher“, sagt Klaus Greppmeir vom NAV-Virchow-Bund. Medizinische Beratung verlagere sich teilweise ins Internet, meint Martin Trinkaus, Leiter des Gesundheitsportals Lifeline – „aber der Arzt vor Ort wird nie ganz ersetzt werden“. Generell sei es positiv, „wenn der Arzt nicht mehr alles erklären muss“. Das sehen nicht alle Ärzte so. Längst stöhnen manche unter dem Google-Trieb wohlinformierter Patienten, die bereits zu wissen glauben, an welcher Krankheit sie leiden und welche Therapie notwendig ist.
Die hierzulande verbreiteten medizinischen Onlinedienste haben in der Regel eines gemeinsam: Sie suggerieren individuellen Rat, ziehen sich im Kleingedruckten aber auf die Formel zurück, die Angaben stellten nur „allgemeine Informationen“ dar und dienten der „unverbindlichen Unterstützung“ des Kranken. Zudem ist nicht immer auf Anhieb ersichtlich, wer hinter welcher Website steckt. Mal sind es profitorientierte Internetfirmen, mal mischen Pharmaunternehmen, Selbsthilfegruppen, Kliniken oder Verlage mit.
Wie ein virtueller Gesundheitsladen kommt der „NetDoktor“ der Münchner NetDoktor.de GmbH daher. Ein Lexikon informiert über Symptome, Eingriffe und Medikamente, in der Rubrik „Diskussion & Selbsthilfe“ teilen sich Nutzer zu Themen wie „Rauchstopp“ oder „Haarausfall“ mit. Wer sich zum Kleingedruckten scrollt, liest: „Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden.“ Die NetDoktor-Inhalte dürften nicht verwendet werden, „um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen“. NetDoktor setzt somit voraus, der Surfer trenne scharf zwischen „Beratung“ und „Information“. Eine Gefahr, dass Patienten den Arztbesuch durch den virtuellen Besuch beim Webdoc ersetzen, sieht NetDoktor-Geschäftsführerin Silke Haffner nicht. Das könne allenfalls „in Einzelfällen vorkommen“, etwa bei Nichtkrankenversicherten oder Patienten, die die Praxisgebühr scheuen, „oder weil die Hürde, einen Arzt aufzusuchen, sehr hoch ist“.
Konkurrent Qualimedic versteht sich als „einziges Beratungsportal von Ärzten für Patienten“. Pressesprecher Sven-David Müller-Nothmann betont, der Service verstehe sich als Ergänzung, nicht als Ersatz zum Arztbesuch. Seit 1999 betreibt die Kölner Arzt-AG das Portal. 8 000 bis 10 000 registrierte Nutzer beraten die 62 Online-Docs in 68 Sprechstunden monatlich. Der Dienst finanziert sich „über Banner und andere Werbemaßnahmen“. Auch Qualimedic warnt in den Nutzungsbedingungen, dass die Informationen keinen Ersatz für eine professionelle Beratung durch ausgebildete Ärzte darstellten. Und: Die Ärzte-AG haftet nicht für Schäden, die durch die Verwendung der Informationen entstehen.
Zu den Marktführern unter den Online-Docs zählt auch der Internetdienst Lifeline, betrieben von der Berliner BMSO GmbH. Seit 1997 ist Lifeline online, finanziert durch Werbung und den Verkauf redaktionellen Inhalts. Die Seite widmet sich zahlreichen Krankheiten und hat kostenfreie Online-Sprechstunden eingerichtet. Angeschlossene Fachärzte aus dem ganzen Bundesgebiet antworten auf Patientenfragen. Wieder gilt: Alle Lifeline-Ärzte geben nur „generelle und unverbindliche Stellungnahmen“. Lifeline-Chef Trinkaus versichert: „Bei uns gibt der Arzt nur eine Empfehlung, wenn er ganz sicher ist.“ Vor Selbstmedikation wird auf der Webseite ausdrücklich gewarnt.
Woran nun sollen Patienten erkennen, ob Medizinseiten im Netz seriös sind? „Nicht alle Internetangebote trennen sauber zwischen reiner Redaktion und versteckter PR“, sagt NetDoktor-Geschäftsführerin Haffner. Qualimedic-Sprecher Müller-Nothmann rät deshalb, auf die Logos der beiden Qualitätszertifizierer AGFIS und HON zu achten. Die unabhängige Schweizer Organisation Health on the Net Foundation (HON) vergibt Gütesiegel für medizinische Homepages. Im Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (AGFIS) haben sich Ärzte- und Patientenverbände, Internetportale, Kassen und wissenschaftliche Institute zusammengeschlossen.
Was Patienteninformationen wert sind, untersucht wissenschaftlich das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin, eine gemeinsame Einrichtung von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (www.pa tienten-information.de).
Das ÄZQ regt per Checkliste Fragen an wie: „Ist klar, wer die Informationen geschrieben hat?“, „Sind die Ziele der Webseite klar?“, „Auf welche Quellen stützt sich die Webseite?“, „Wie aktuell ist die Information?“, „Ist die Information ausgewogen und unabhängig?“. Wichtig auch, so Online-Redakteurin Dr. Sylvia Sänger: Werden mögliche Untersuchungen und Behandlungen genau beschrieben? Welche Alternativen gibt es? Zu beachten sei dabei, „wer der Betreiber oder Sponsor der Seite ist und welche Interessen er hat“. Größte Skepsis sei angebracht, wenn Geld verlangt werde oder persönliche Daten abgefragt würden. Vorsicht sei geboten „bei Sensationsberichten und Berichten über Wunderheilungen“. Sänger: „In den meisten Fällen – vor allem dann, wenn damit Werbung gemacht wird – ist das nicht seriös.“
Kai Althoetmar
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