ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Endokarditisprophylaxe weitgehend obsolet

AKTUELL: Akut

Endokarditisprophylaxe weitgehend obsolet

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1126 / B-1006 / C-958

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Menschen mit Herzklappenerkrankungen müssen in Zukunft vor Zahnarztbesuchen oder anderen Eingriffen, bei denen geringe Mengen von Bakterien ins Blut eindringen könnten, keine Antibiotikaprophylaxe mehr betreiben. Das sehen die neuesten Leitlinien der American Heart Association (AHA) vor, die in Circulation (2007; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.106. 183095) publiziert wurden. Vor 52 Jahren hatte sich die AHA erstmals für eine Antibiotikaprophylaxe ausgesprochen. Diese Empfehlungen beruhten lange Zeit einzig auf Expertenmeinungen und Plausibilitätsüberlegungen.
Bakteriämie auch beim Zähneputzen
Zweifellos sei es richtig, dass bei Zahnextraktionen, Endoskopien oder bei Harnwegsuntersuchungen Bakterien in die Blutbahn gelangen, schreibt die Gruppe um Walter Wilson von der Mayo Clinic in Rochester. Dies sei jedoch auch beim Zähneputzen der Fall. Die Leitlinien zitieren die Berechnungen eines britischen Dentalforschers, wonach zweimaliges tägliches Zähneputzen innerhalb eines Jahres mit einem 154 000-fach höheren Risiko einer Bakteriämie einhergeht als eine Zahnextraktion (Pediatr Cardiol 1999; 20: 317–25). Es gebe kaum – wenn überhaupt – Beweise, dass die Gabe von Antibiotika eine infektiöse Endokarditis verhindern könne, so die Leitlinien-Autoren.
Weiterhin als notwendig wird sie betrachtet bei Menschen mit künstlichen Herzklappen, mit einer infektiösen Endokarditis in der Anamnese, gewissen schweren angeborenen Herzerkrankungen, bei nicht oder nicht ausreichend reparierten zyanotischen Herzvitien, bei reparierten Herzfehlern mit residualen Defekten und bei Herztransplantierten mit Klappenproblemen. Das sind alles Ausnahmesituationen, während Herzklappenfehler, die in den letzten Leitlinien von 1997 noch als klare Indikation betrachtet wurden, in der Bevölkerung sehr viel häufiger sind. Die AHA schätzt, dass ein bis 2,5 Prozent der Bevölkerung einen Mitralklappenprolaps (MVR) hat. Andere Schätzungen gehen bis zu 20 Prozent, je nachdem, welcher echokardiographische Befund bereits als MVR gedeutet wird. Bisher galt bei einem MVR die Empfehlung zur Antibiotikaprophylaxe.
In Zukunft können Menschen mit MVR darauf verzichten; wie auch Patienten mit rheumatischer Herzerkrankung, Bicuspidalklappenerkrankung, verkalkter Aortenstenose, Ventrikel- oder Vorhofseptumdefekt. Auch Patienten mit hypertrophischer Kardiomyopathie müssen nach den neuen Leitlinien keine Antibiotikaprophylaxe mehr betreiben. Rüdiger Meyer
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