ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Oberarzt-Einstufung: Kriterien erstmals klar geregelt

POLITIK

Oberarzt-Einstufung: Kriterien erstmals klar geregelt

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1127 / B-1007 / C-959

Fritsche, Lutz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Caro
Foto: Caro
Der Tarifvertrag für die Ärzte an der Charité definiert genauer als die bisherigen Tarifverträge, welche Eigenschaften einen Arzt zum Oberarzt machen.

Oberärztinnen und Oberärzte sind in den Krankenhäusern traditionell eine der tragenden Säulen des Betriebes. Das aktuelle Tarifsystem trägt dieser Stellung jedoch bisher nicht Rechnung. In der zunehmend ökonomisierten Medizin nimmt die Bedeutung der Oberärzte, die zumeist sowohl die Einnahmenseite über die medizinische Leistungserbringung als auch die Ausgabenseite über die Steuerung eines sparsamen Umgangs mit den teuren personellen und materiellen Ressourcen entscheidend beeinflussen, weiter zu. Die zunehmende Spezialisierung in der Medizin steigert die Bedeutung der Oberärzte zusätzlich, da die aktuellen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden kaum noch von einer einzelnen Person beherrscht werden können und daher gute Fachabteilungen zunehmend ihr Spektrum durch eine Gruppe von Spezialisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten abbilden – auch diese Spezialistenrolle wird ganz überwiegend von Oberärzten wahrgenommen.
Wer ist Oberarzt?
Eine breite Diskussion über die Rolle des Oberarztes im deutschen Gesundheitssystem hat dennoch bisher nicht stattgefunden und war damit längst überfällig. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass mit der Ablösung des Bundesangestelltentarifvertrags die Rolle des Oberarztes erstmals Gegenstand ausdrücklicher tariflicher Regelungen wurde. Während der wegen seiner ungenügenden Berücksichtigung der ärztlichen Situation kritisierte Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst noch keine explizite Regelung für Oberärzte enthält, finden sich in den vom Marburger Bund mit der Tarifgemeinschaft der Länder und den kommunalen Arbeitgebern ausgehandelten Tarifverträgen für Ärzte (TV-Ä) erstmals Entgeltgruppen, die ausdrücklich nur Oberärzten vorbehalten sind. Daraus ergibt sich die Frage: Wer ist Oberarzt, und wie wird man zum Oberarzt?
Die Regelung der TV-Ä zur Definition des Oberarztes ist schlicht: Wer Oberarzt ist, bestimmt der Arbeitgeber. Dies hat in den letzten Wochen zu erheblichen Konflikten geführt, weil einige Arbeitgeber diese Definitionshoheit ausgenutzt haben – bis hin zum Extremfall, in dem Krankenhäuser ganz ohne Oberärzte auskommen sollten. Eine derartige Behandlung der Oberärzte – sie werden einzig als Kostenfaktor und nicht als ein wesentlicher Erfolgsfaktor betrachtet – ist für einen modernen Krankenhausbetrieb auf Dauer nicht tragfähig. Die Charité Universitätsmedizin Berlin, die mit dem Marburger Bund einen eigenen Tarifvertrag für ihre Ärzte verhandelt, hatte daher in der aktuellen Verhandlungsrunde das ausdrückliche Ziel, eine klare Regelung, welche Eigenschaften einen Arzt zum Oberarzt machen, zu vereinbaren.
Statuserhebung
In Vorbereitung auf die Tarifverhandlungen wurde daher an der Charité eine Expertengruppe von Oberärzten unter Beteiligung der Personalleiterin mit der Erarbeitung einer entsprechenden Regelung beauftragt*. Um die verschiedenen Interessenlagen abzubilden, wurden Oberärzte aus verschiedenen Bereichen (konservativ, operativ, mit langjähriger Oberarzterfahrung, frisch berufen sowie ein Oberarzt aus dem Personalrat und einer aus der Ärzteinitiative) in diese Expertengruppe berufen.
In moderierten Diskussionsrunden wurden zunächst alle Kriterien, die die Oberarztrolle definieren können, zusammengetragen. Dabei zeigte sich zunächst, dass schon allein der Begriff Oberarzt einer genaueren Eingrenzung bedarf, da sich in den unterschiedlichen Kliniken der Charité ganz unterschiedliche Bezeichnungen entwickelt hatten (unter anderem Leitender Oberarzt, Geschäftsführender Oberarzt, Funktionsoberarzt, Oberarztvertreter). Entsprechend wurde von der Expertengruppe zunächst eine Sollstruktur definiert, in der sich neben dem Stellvertretenden Klinikdirektor höchstens noch pro Standort ein Oberarzt als Leitender Oberarzt heraushebt, aber eine weitere Differenzierung verschiedener Oberarztrollen ansonsten nicht stattfindet.
Damit war geklärt, dass eine Zusammenstellung der Kriterien zu unterschiedlichen Gruppen nicht erforderlich ist. Andererseits muss damit die Oberarztdefinition einem relativ breiten Spektrum von Aufgaben gerecht werden.
Systematische Entwicklung von Kriterien
Aus den identifizierten Kriterien wurden von den Gruppenmitgliedern in Metaplantechnik die wesentlichen ausgewählt. Dabei wurde klar, dass eine einfache Auflistung von Kriterien nicht ausreicht, um den teilweise gegenläufigen Interessen von Unternehmen und Arbeitnehmern hinreichend gerecht zu werden. Es wurden daher drei Stufen von Kriterien festgelegt (Kasten):
- Notwendige Voraussetzungen: Diese müssen vorhanden sein.
- Hauptkriterien: Dabei handelt es sich um wesentliche Oberarzteigenschaften – sind diese alle vorhanden, ist der Arbeitnehmer zweifelsfrei als Oberarzt einzustufen.
- Hilfskriterien: Weist ein Arzt nicht alle Hauptkriterien auf, ist er trotzdem Oberarzt, wenn zusätzliche Hilfskriterien erfüllt sind.
Diesen Stufen wurden die entsprechenden Kriterien zugeordnet. Dieses auf den ersten Blick recht komplizierte Regelwerk ist nach Ansicht der Expertengruppenmitglieder und letztendlich auch der Tarifpartner notwendig, um den komplexen Funktionen und Einsatzbereichen von Oberärzten an einem Krankenhaus der Maximalversorgung gerecht zu werden.
Mit den erarbeiteten Kriterien wird klar, dass der Oberarzt eine wichtige Führungsrolle in der Krankenversorgung hat. Allein ein altgedienter Spezialist zu sein rechtfertigt demnach nicht mehr den Titel und auch die Vergütung eines Oberarztes. Andererseits tragen diese Regeln den auch innerhalb eines Klinikums sehr heterogenen Verhältnissen Rechnung und ermöglichen auch in kleineren Kliniken die Besetzung von Oberarztstellen.
Auf den ersten Blick überraschend mag die „Soziale Kompetenz“ als notwendige Voraussetzung für die Einstufung als Oberarzt sein. Mancher wird meinen, dass dies doch selbstverständlich ist. Die Experten der Charité waren aber der Meinung, dass dies selbstverständlich werden sollte, aber es bisher keineswegs ist. Mit der ausdrücklichen Anforderung wird unterstrichen, wie wichtig die sogenannten „soft skills“ für die erfolgreiche Arbeit eines Oberarztes sind. Die Charité wird es nicht allein bei dieser grundlegenden Forderung belassen, sondern sieht dies als Einstieg in eine aktive Förderung des Führungsnachwuchses. Hier werden dann einerseits die Vermittlung dieser Kompetenzen (unter anderem durch spezielle Fortbildungen) als auch angemessene Verfahren zum Nachweis (Assessments, Kollegialbeurteilung et cetera) entwickelt werden.
Für eine Universitätsklinik beachtlich ist die Tatsache, dass ausdrücklich auch dann eine Tätigkeit als Oberarzt erfolgen kann, wenn (noch) keine wissenschaftlichen Leistungen vorliegen, aber die Verantwortung für die Abläufe der Klinik sehr deutlich vorliegt. Dies ist sicherlich ein Zugeständnis an eine zunehmende Spezialisierung auch in dieser Hinsicht: Der hervorragende Kliniker und Wissenschaftler virchowscher Prägung wird nicht mehr überall zu finden sein.
Oberarzt als Lebensstellung – an der Charité sollen die Karrierewege an die modernen Gegebenheiten angepasst werden. Foto: Caro
Oberarzt als Lebensstellung – an der Charité sollen die Karrierewege an die modernen Gegebenheiten angepasst werden. Foto: Caro
Neben der Einstufungsdefinition von Haupt- und Hilfskriterien, die in dem abgeschlossenen Tarifvertrag für die Ärzte an der Charité als sogenannte Tätigkeitsmerkmale Vertragsbestandteil sind und eine tarifrechtliche Überprüfung der Eingruppierung ermöglichen, wurde von der Expertengruppe der Ablauf der Ernennung neuer Oberärzte klar beschrieben und auch eine Lösung für den Übergang vom bisherigen zum neuen System gefunden. Da die Bezeichnung „Oberarzt“ oft auch eine wichtige Bedeutung für das Selbstverständnis der entsprechenden Ärzte hat, werden alle derzeit schon als Oberarzt benannten Mitarbeiter diesen Titel auch weiterhin führen dürfen – die Bezahlung richtet sich jedoch in Zukunft nach den tarifvertraglichen Eingruppierungsregelungen.
Ausblick
Die Charité und ihre Ärzte haben damit bewusst einen weiteren Schritt zur Modernisierung des Berufsbildes gemacht und arbeiten auch weiterhin daran, die Karrierewege der Ärzte an die modernen Gegebenheiten anzupassen. Mit dem neuen Tarifvertrag wird unterstrichen, dass neben den klassischen Karrierewegen (Facharztweiterbildung am Krankenhaus – Niederlassung oder Facharzttätigkeit am Krankenhaus – Oberarzt – Chefarzt) weitere attraktive Wege entstehen. Einer dieser Wege sieht die Position als Oberarzt an einem Universitätsklinikum als Lebensstellung vor, die sich bei entsprechender Übernahme von Verantwortung für den Unternehmenserfolg mit einer auch auf längere Sicht attraktiven Vergütung verbindet. Aus Sicht der Charité ist dies ein gutes Mittel, um Leistungsträger für eine dauerhaft hohe Qualität und Effizienz in der Krankenversorgung und ein breites Spektrum an hoch spezialisierten Kompetenzen zu halten. Andererseits bleibt der Oberarzt eine Stufe auf dem Weg zur Chefarzt-Position. Die explizite Anforderung an der Charité, als Oberarzt Führungsverantwortung zu übernehmen und damit Führungserfahrung zu erwerben, wertet die Zeit als Oberarzt als Ausgangsposition für den nächsten Karriereschritt auf und macht die Position des Oberarztes an der Charité damit auch für ambitionierte Mitarbeiter attraktiver. Die weitere Entwicklung wird zeigen, inwieweit andere in Deutschland diesem Weg folgen oder brauchbare Alternativen hierzu entwickeln.
PD Dr. med. Lutz Fritsche MBA
Stellv. Ärztlicher Direktor, Charité
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
E-Mail: Lutz.Fritsche@charite.de



Der CharitÉ-Ansatz

Die notwendigen Voraussetzungen müssen gegeben sein. Werden alle Hauptkriterien erfüllt, folgt daraus die Einstufung als Oberarzt. Werden nur drei von vier Hauptkriterien erfüllt, müssen für die Einstufung als Oberarzt zudem das Hilfskriterium Organisationsverantwortung und ein weiteres Hilfskriterium erfüllt sein. Werden nur zwei Hauptkriterien erfüllt, müssen sämtliche Hilfskriterien erfüllt sein.

Notwendige Voraussetzungen
- Facharztanerkennung
- soziale Kompetenz: Ein Oberarzt muss Fähigkeiten zur Förderung der fachlichen und sozialen Weiterentwicklung von Mitarbeitern haben,
er muss zu konstruktiver Kritik und zur Durchführung von Mitarbeitergesprächen befähigt sein und Techniken zur Schlichtung und Lösung von Konflikten der Mitarbeiter untereinander und von Konflikten der Mitarbeiter mit Mitarbeitern anderer Bereiche und Patienten beherrschen. Das Kriterium der sozialen Kompetenz kann erst nach Etablierung geeigneter Weiterbildungsangebote und evaluierter Prüfkriterien angewendet werden.

Hauptkriterien
- fachliche Aufsicht über Assistenz- und Fachärzte: Dieses Merkmal ist erfüllt, wenn die klinische Arbeit von Ärzten im direkten Verhältnis überwacht wird, deren Entscheidungen bestätigt oder korrigiert werden und inhaltliche Weisungen bezüglich der Patientenversorgung erteilt werden. Typische Tätigkeiten in diesem Sinne sind die Leitung von Visiten und die Korrektur der von den beaufsichtigten Ärzten verfassten Arztbriefe.
- Bereichsverantwortung: Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn zum Aufgabengebiet des Stelleninhabers die unmittelbare Verantwortung für einen abgegrenzten Bereich einer Klinik beziehungsweise eines Institutes (zum Beispiel Station, Ambulanz, Funktionsbereich et cetera) gehört und der Stelleninhaber in diesem Bereich tätige Mitarbeiter anleitet und beaufsichtigt sowie die Verantwortung für die in diesem Bereich im Tagesgeschäft getroffenen Entscheidungen trägt.
- herausgehobene klinische Kompetenz: Der Stelleninhaber betreut verantwortlich die schwierigen Fälle und/oder führt regelmäßig komplexere Prozeduren und Operationen in seiner Klinik durch.
- wissenschaftliche Qualifikationen: Der Stelleninhaber ist habilitiert oder hat nach der Promotion mindestens fünf Publikationen in peer-reviewed Journals als Erst- oder Letztautor veröffentlicht.

Hilfskriterien
- Organisationsverantwortung: Dieses Kriterium
ist erfüllt, wenn der Stelleninhaber in seiner Klinik beziehungsweise Institut administrative Aufgaben erfüllt, inbesondere die Freigabe von Bestellungen und Sachbedarfs-Anforderungen und die Einbindung in Maßnahmen zur Einhaltung von Teilbudgets oder die Gestaltung organisatorischer Abläufe (Dienstpläne, Behandlungspfade, SOPs).
- Ausbildungsfunktion: Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn der Stelleninhaber regelmäßig und in erheblichem zeitlichen Umfang Weiterbildungsassistenten unterweist und einen aktiven Beitrag zu deren Erfüllung der Weiterbildungsanforderungen der Ärztekammer leistet.
- Hintergrunddienst: Dieses Kriterium ist erfüllt, wenn der Stelleninhaber regelmäßig mehrmals monatlich Hintergrunddienste versieht, bei denen er die medizinische Verantwortung für die Tätigkeit von im Vordergrund tätigen Ärzten trägt oder eine Bereitschaftsdienstgruppe aus mehreren Ärzten leitet.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema