ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Doppelte Facharztschiene: Vorfahrt für den fairen Wettbewerb

POLITIK

Doppelte Facharztschiene: Vorfahrt für den fairen Wettbewerb

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1130 / B-1010 / C-962

Rieser, Sabine

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LNSLNS Dass ein umfassendes Angebot an Fachärzten in der ambulanten und stationären Versorgung das Gesundheitswesen teuer macht, lässt sich nicht beweisen. Das Gegenteil aber auch nicht, denn es fehlen aussagekräftige Daten.

Gern wird in der gesundheitspolitischen Diskussion behauptet, die sogenannte doppelte Facharztschiene sei ein wichtiger Grund für Ressourcenvergeudung und Unwirtschaftlichkeit. Die zweifache Vorhaltung von Fachärztinnen und -ärzten im ambulanten wie im stationären Bereich führe dazu, dass in Deutschland zu viele Fachärzte praktizierten und Untersuchungen unnötig doppelt vorgenommen würden, heißt es. Einem Gutachten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung GmbH (IGES) zufolge lässt sich diese Auffassung nicht untermauern.
Die Autoren konstatieren zwar eine vergleichsweise hohe Arztdichte für Deutschland. So kommen auf 1 000 Einwohner rein rechnerisch 3,4 Ärztinnen und Ärzte, die tatsächlich in der Versorgung tätig sind. Die Anzahl der Fachärzte beträgt jedoch nur 1,6 je 1 000 Einwohner. Würde man auf Fachärzte im ambulanten Sektor ganz verzichten, ergäbe sich mit 0,9 eine weit unterdurchschnittliche Facharztdichte.
Somit liegt Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. „Deutschland fällt also nicht durch eine besonders hohe Facharztdichte auf, auch nicht im ambulanten Bereich“, sagte Prof. Dr. Bertram Häussler, Vorsitzender der IGES-Geschäftsführung, bei der Vorstellung des Gutachtens am 17. April in Berlin. Die OECD beispielsweise sei zu anderen Daten gelangt, was nach seiner Darstellung daran liege, dass sie auch Krankenhausärzte ohne abgeschlossene Weiterbildung als Fachärzte gezählt habe. Der Untersuchung zufolge wird für die ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland vergleichsweise weniger ausgegeben als in anderen Industrienationen. Auch im stationären Bereich bewegten sich die Pro-Kopf-Ausgaben nur im Mittelfeld. Vergleichsdaten allein für die fachärztliche Versorgung finden sich in der Untersuchung allerdings nicht.
Insgesamt lässt sich der IGES-Studie zufolge nicht belegen, dass die „doppelte Facharztschiene“ zu unnötigen Doppel- und Mehrfachuntersuchungen führt. Dies liege aber in erster Linie daran, dass bislang kaum Daten für eine solche Auswertung zur Verfügung stehen, betonte Häussler. Im Rahmen des Gutachtens wurde deshalb lediglich anhand einer Stichprobe von 1,2 Millionen Versichertendaten überprüft, wie häufig bestimmte Röntgenuntersuchungen beziehungsweise computer- oder magnetresonanztomographische Untersuchungen wiederholt wurden. Demnach stellen solche Wiederholungen insgesamt „ein seltenes bis sehr seltenes Ereignis“ dar, so das IGES. Auch seien beispielsweise neuerliche Röntgenuntersuchungen häufig notwendig, um die Heilung einer Verletzung zu überprüfen.
Prof. Dr. Bert Rürup, Mitautor des Gutachtens, verwies ebenfalls auf die eingeschränkte Datenlage: „Es gibt keine objektiven Effizienzmaßstäbe, um die Güte des Systems zu belegen.“ Solange man aber nur wenig über Existenz und Ausmaß möglicher Ineffizienzen infolge der „doppelten Facharztschiene“ wisse, müssten sich Gesundheitspolitiker versorgungsformneutral verhalten. Sie sollten weder die Leistungserbringung in der Praxis noch im Krankenhaus bevorzugen, riet der Darmstädter Gesundheitsökonom. Auf Dauer sei eine Harmonisierung der Vergütungssysteme von Klinik und Praxis notwendig.
Auftraggeber der Studie ist der Deutsche Facharztverband. „Das Gutachten trägt zur Versachlichung der Diskussion über die ambulante ärztliche Versorgung bei“, sagte dessen Bundesvorsitzender Dr. med. Thomas Scharmann. Nun ließen sich Fachärzte in Klinik und Praxis nicht mehr gegeneinander ausspielen. Nach Scharmanns Auffassung riskiert es eine Gesundheitspolitik, die einseitig das Krankenhaus bevorzugt, ineffizient zu werden. „Die Politik muss das kostengünstige Gleichgewicht aus ambulantem Haus- und Facharzt einerseits wie der Klinik andererseits bewahren“, ergänzte er.
Sabine Rieser
Foto fotolia/appler [m]
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