ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007E-Health in Europa: Euro-Piloten für Gesundheitsdienste

POLITIK

E-Health in Europa: Euro-Piloten für Gesundheitsdienste

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1132 / B-1011 / C-963

Krüger-Brand, Heike E.

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Will die strukturierte Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten bei der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung weiter ausbauen: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt. Fotos: GVG e.V. Germany
Will die strukturierte Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten bei der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung weiter ausbauen: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt.
Fotos: GVG e.V. Germany
Die europäischen Mitgliedsstaaten wollen ihre Gesundheitssysteme künftig stärker vernetzen und gemeinsam grenzüberschreitende elektronische Gesundheitsdienste entwickeln.

Europa gelingt gemeinsam“ – der Leitgedanke der deutschen EU-Ratspräsidentschaft lässt sich programmatisch auch auf die vielfältigen Telematikaktivitäten in Europa übertragen und ergab so das Motto für die europäisch ausgerichtete „eHealth Konferenz 2007“ in Berlin*. Rund 800 Teilnehmer, darunter knapp 160 Delegierte aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten, diskutierten darüber, wie Telematik im Gesundheitswesen zu einer besseren, patientenorientierten Versorgung über Landesgrenzen hinweg beitragen kann. „Die Gesundheitsversorgung in Europa muss mit der steigenden Mobilität der Menschen Schritt halten. Die Bürger erwarten zu Recht eine Gesundheitsversorgung, die nicht an innereuropäischen Grenzen endet“, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt in ihrer Eröffnungsrede. Voraussetzung dafür sei, dass für das Gesundheitswesen sichere Kommunikationswege aufgebaut würden, die die eigenen Systeme mit denen anderer Staaten verbinden, „so wie wir das von den Straßennetzen kennen“.
Sämtliche Gesundheitssysteme innerhalb Europas stehen vor ähnlichen Herausforderungen: die demografische Entwicklung, die wachsende Zahl chronisch Kranker, auf die der Löwenanteil (rund 80 Prozent) der Gesundheitsausgaben entfällt, der zunehmende Kostendruck auf die Sozialsysteme, die wachsende Mobilität beispielsweise von Arbeitnehmern, Urlaubern oder Rentnern, die ihren Ruhestand im Ausland verbringen.
Wachsende Ansprüche
Hinzu kommt: Der Zugang der Bevölkerung zu den Informations- und Kommunikationstechnologien steigt weltweit. So hat die Zahl der Internetnutzer 2005 eine Milliarde überschritten. Die Vernetzung im Gesundheitsbereich hingegen – national und erst recht grenzüberschreitend – ist bislang nur ansatzweise verwirklicht. Die Unzufriedenheit der Patienten mit ihren fragmentierten Gesundheitssystemen wachse, betonte Martine Durand, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „E-Health als Werkzeug für die Erneuerung der Gesundheitssysteme ist heute unverzichtbar“, folgerte sie, warnte aber zugleich: „E-Health ist kein Wundermittel und kann nicht alles heilen, was in den nationalen Gesundheitssystemen schiefläuft.“
Qualitätsverbesserung
Von einer elektronischen Vernetzung verspricht man sich vor allem eine Verbesserung der Versorgungsqualität und -kontinuität durch den schnelleren Zugriff auf medizinische Informationen sowie eine Verringerung der Kosten durch Effizienzsteigerungen und Prozessoptimierungen. In vielen Ländern werden neue Behandlungskonzepte für die Versorgung chronisch Kranker und multimorbider älterer Patienten entwickelt und erprobt, die nicht mehr einrichtungszentriert funktionieren, sondern die Versorgungsprozesse am Patienten und dessen Krankheitsgeschehen ausrichten. Ein solcher patientenzentrierter Ansatz erfordert ein hohes Maß an Zusammenarbeit der Behandler, an Dokumentationstätigkeit und an fach-, einrichtungs- und sektorübergreifender Kommunikation – undenkbar ohne IT-Unterstützung.
Vor diesem Hintergrund haben viele europäische Länder inzwischen mit dem Aufbau einer nationalen Tele­ma­tik­infra­struk­tur für das Gesundheitswesen begonnen. Es sei wichtig zu wissen, was in anderen Ländern entwickelt werde, um diese Erfahrungen für den Aufbau einer gemeinsamen europäischen Telematikplattform zu nutzen, betonte Jan Andrzej Rys, Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherschutz bei der EU-Kommission. Bislang sind Telematikkonzepte, Lösungsarchitekturen und Umsetzungsgrad von Land zu Land jedoch sehr unterschiedlich, denn die Gesundheitssysteme unterscheiden sich teilweise erheblich hinsichtlich politischer, rechtlicher, organisatorischer und kultureller Gegebenheiten. Hinzu kommt, dass Gesundheit zu den Bereichen zählt, in denen die EU nur eine begrenzte Zuständigkeit hat, weil die Länder nach dem Subsidiaritätsprinzip für die Organisation der Gesundheitssysteme und der medizinischen Versorgung selbst verantwortlich sind. So gibt es Mitgliedsstaaten, die sich für eine chipkartenbasierte Tele­ma­tik­infra­struk­tur entschieden haben, wie etwa Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Slowenien, wohingegen andere Länder, wie beispielsweise Dänemark, Großbritannien und die Niederlande, technische Lösungen einsetzen, die ohne Karten auskommen.
Vielfalt herrscht auch in der technischen Ausgestaltung datenschutzrechtlicher Anforderungen. „Datenschutz ist zunehmend ein Wettbewerbsargument, nicht nur ein Verhinderungsinstrument“, betonte Prof. Dr. Christian Dierks, Berlin. Die Anpassung des gesetzlichen Rahmenwerkes an den zunehmenden Telematikeinsatz im Gesundheitswesen benötige jedoch Zeit, so der Rechtsexperte.
Europäische E-Health-Piloten sollen nationale Lösungen harmonisieren und zum Aufbau einer gemeinsamen europäischen Tele­ma­tik­infra­struk­tur beitragen, erläuterten Klaus Theo Schröder (BMG) und Jan Andrzej Rys (EUKommission).
Europäische E-Health-Piloten sollen nationale Lösungen harmonisieren und zum Aufbau einer gemeinsamen europäischen Tele­ma­tik­infra­struk­tur beitragen, erläuterten Klaus Theo Schröder (BMG) und Jan Andrzej Rys (EUKommission).
Um die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Gesundheitstelematik voranzubringen und die Chancen für einen expandierenden europäischen Gesundheitsmarkt zu verbessern, hatte die EU-Kommission bereits Anfang 2004 einen europäischen E-Health-Aktionsplan beschlossen. Dieser fordert die Mitgliedsstaaten zur Erarbeitung nationaler E-Health-Strategien auf und räumt der Einführung elektronischer Gesundheitsdienste einen hohen Stellenwert ein. Derzeit bereitet die EU-Kommission europäische E-Health-Pilotprojekte („large scale pilots“) vor, die noch im ersten Halbjahr 2007 im Rahmen des EU-Programms für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) ausgeschrieben werden sollen. Ziel ist es, nationale Lösungen zu harmonisieren und die länderübergreifende Interoperabilität und Standardisierung der Systeme zu fördern. „Die Piloten sollen auf den nationalen Telematikprojekten aufbauen und diese so zusammenfassen, dass man zu kompatiblen europäischen Lösungen kommt“, erläuterte Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im BMG, das Vorhaben.
Durch dieses pragmatische Vorgehen will man vermeiden, dass Länder, die bereits fortgeschrittene Lösungen implementiert haben, gezwungen sind, diese aufwendig zu modifizieren oder gar aufzugeben. Vielmehr sollen über eine zu entwickelnde zusätzliche Integrationsplattform bestehende Infrastrukturen interoperabel gemacht werden. Die Piloten werden jeweils mit bis zu maximal zwölf Millionen Euro durch die EU-Kommission gefördert, wobei die Projektteilnehmer diesen Betrag nochmals selbst einbringen sollen. Bis zum Herbst läuft die Bewerbungsphase für die Projekte, die von 2008 bis 2010 geplant sind. Ein erstes Länderkonsortium, bestehend aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, der Tschechischen Republik und Deutschland, hat sich bereits zusammengefunden und während der Konferenz eine Grundsatzvereinbarung für die gemeinsame Bewerbung um einen Piloten unterzeichnet.
Zwei Anwendungen stehen dabei zunächst im Vordergrund: die elektronischen Notfalldaten beziehungsweise der als „patient summary“ bezeichnete medizinische Basisdatensatz einerseits sowie das elektronische Rezept einschließlich einer IT-gestützten Arzneimitteldokumentation andererseits – beide als erste Schritte hin zu einer elektronischen Patientenakte. Weitere Schwerpunkte der Piloten sind die Themen Patientensicherheit und Patientenidentifikation, die für grenzüberschreitende Gesundheitsdienste eine zentrale Rolle spielen.
E-Health-Deklaration
In einer gemeinsamen Erklärung der EU-Mitgliedsstaaten und weiterer Mitglieder des europäischen Wirtschaftsraums wurde darüber hinaus eine koordinierte und strukturierte Zusammenarbeit bei europaweiten elektronischen Gesundheitsdiensten vereinbart (Kasten). Dies sei ein weiterer „Schritt hin zu einem europäischen Informationsraum im Gesundheitsbereich“, unterstrich Staatssekretär Schröder. Dabei könne Deutschland wichtige Impulse geben. Als Land mit den meisten Außengrenzen in Europa setzte es verstärkt auf Kooperationen mit den Nachbarstaaten bei der grenzüberschreitenden Patientenversorgung. Durch die Beteiligung am europäischen Piloten leiste das deutsche Telematikprojekt der elektronischen Gesundheitskarte außerdem einen aktiven Beitrag zum Ausbau der europäischen Infrastruktur, ist Schröder überzeugt.
Heike E. Krüger-Brand

Die Deklaration „eHealth in Europa gelingt gemeinsam“ im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus1707


Deklaration

„eHealth in Europa gelingt gemeinsam“
Die sechs Hauptpunkte
- Nationale E-Health-Infrastrukturen sind Voraussetzung für grenzüberschreitende Lösungen.
- Europaweit standardisierte Lösungen eröffnen Marktchancen.
- Nationale „Fahrpläne“ für elektronische Gesundheitsdienste sind zu berücksichtigen.
- Implementierungen erfordern verstärkte Synergien mit Forschung und Ausbildung.
- Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union müssen gemeinsam an einheitlichen Standards arbeiten.
- Alle maßgeblich Beteiligten und die Industrie sind einzubeziehen.
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