ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Risikomanagement: Den Ursachen auf der Spur

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Risikomanagement: Den Ursachen auf der Spur

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1140 / B-1017 / C-969

Merten, Martina

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Jeder Fehler zählt, lautet das Credo der Bundesärztekammer beim Umgang mit Behandlungsfehlern. Foto: dpa
Jeder Fehler zählt, lautet das Credo der Bundes­ärzte­kammer beim Umgang mit Behandlungsfehlern. Foto: dpa
Erstmals ermöglicht eine bundeseinheitlich erstellte Statistik zu ärztlichen Behandlungsfehlern in 2006 neben quantitativen Angaben auch konkrete Aussagen zum Inhalt erhobener Vorwürfe.

Wenn Johann Neu von Fehlern als „Schattenseite ärztlichen Handelns“ spricht, schwingt in dieser Aussage nichts Anklagendes mit. Schließlich geht es dem Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern seit Jahren darum, Licht in das Dunkel dieser Thematik zu bringen – mit Erfolg: Die Statistik zum bundesweiten Vorkommen ärztlicher Behandlungsfehler für das Jahr 2006 ermöglicht erstmals qualitative Aussagen zu den erhobenen Anträgen.
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern erstellen seit 1979 jährlich Statistiken zum ärztlichen Fehleraufkommen. Hierin ging es bislang nur um zweierlei: Wie viele Anträge Patienten pro Jahr stellten und ob sich Fehler als berechtigt erwiesen haben, erläuterte Neu bei der Vorstellung der neuen Statistik am 18. April in Berlin (siehe auch DÄ, Heft 45/2006). Um die Aussagekraft der Erhebungen zu erhöhen, entwickelten Neu und weitere Mitarbeiter der norddeutschen Schlichtungsstelle ein einheitliches Berichtssystem – MERS. Mithilfe des „Medical Error Reporting Systems“ erfassen nun bundesweit acht Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen die Daten, die bei ihnen eingehen, nach einem einheitlichen Muster. So wird beispielsweise ermittelt, welche Vorwürfe Patienten gegen Ärzte erheben, welche Diagnosen zur Antragstellung führen und bei welchen Krankenheitsbildern es am häufigsten zu Behandlungsfehlern kommt (Tabelle 3). Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen übermitteln diese Angaben anonymisiert der norddeutschen Schlichtungsstelle in Hannover. Die dortigen Mitarbeiter bereiten die Daten auf und führen sie zur bundeseinheitlichen Statistik der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zusammen. „Damit leisten wir auch einen Beitrag zur Patientensicherheit und Fehlerprophylaxe“, betont BÄK-Vizepräsident Dr. med. Andreas Crusius. Die bayerischen Kollegen benutzen derzeit noch ihr eigenes System und werten ihre Daten auch selbst aus. Die BÄK hofft allerdings, dass sie sich 2008 MERS anschließen.
Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts, Berlin, liegt die Zahl aller vermuteten Arzthaftungsfälle in Deutschland bei rund 40 000 jährlich. Mit rund 10 000 dieser Verfahren pro Jahr beschäftigen sich die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Nachdem die Anträge von Patienten bei den Stellen eingegangen sind, versuchen dort arbeitende Ärzte und Juristen außergerichtlich zu schlichten. Sie erstellen ein schriftliches Gutachten zu der Frage, ob eine gesundheitliche Komplikation tatsächlich auf einer haftungsbegründeten fehlerhaften ärztlichen Behandlung beruht. In 2006 sei es in circa 7 200 Fällen zu gutachterlichen Bescheiden gekommen, erläuterte Neu. Behandlungsfehler stellten die Einrichtungen in 1 913 Fällen fest, allerdings hatten die festgestellten Behandlungsfehler oder Aufklärungsmängel nur in 1 562 Verfahren einen Gesundheitsschaden zur Folge.
Bei gutachterlich anerkannten Schäden sei allerdings zu bedenken, dass sie „nur die Spitze des Eisberges“ darstellen, ergänzte Dr. med. Jörg Lauterberg vom Aktionsbündnis Patientensicherheit. Das 2005 gegründete Bündnis, dem die BÄK angehört, erarbeitet Handlungsempfehlungen zur Fehlervermeidung. Was der Mitarbeiter des AOK-Bundesverbandes damit meint: Allein im Krankenhausbereich summiert sich die Zahl der Behandlungen pro Jahr auf 17,5 Millionen; in jedem zehnten Fall kommt es zu einem „unerwünschten Ereignis“. Davon als „Fehler“ anerkannt werden 175 000 Ereignisse, 17 500 davon enden tödlich.
Die Behandlungsfehlerstatistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für 2006 sagt auch etwas über die Art der Patientenvorwürfe: diese betrafen in der Hälfte der Fälle die operative Therapie. Darüber hinaus warfen Patienten Ärzten diagnostische Fehler vor, mangelnde Aufklärung sowie falsche Medikation. Zu den häufigsten Diagnosen, die zur Anzeige von ärztlichen Behandlungsfehlern führten, zählten Hüftgelenkarthrosen, Kniegelenkarthrosen sowie Frakturen an Unterschenkel, Sprunggelenk und Unterarm. Auch bösartige Neubildungen von Mammakarzinomen, lumbale Bandscheibenschäden und traumatische Kniebinnenschäden veranlassten Patienten dazu, sich an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen zu wenden.
Erstmals mittels MERS bestimmen ließ sich auch der Ort und die Art des Fehlervorkommens: Während sich mehr als 2 400 Beschwerden auf eine zurückliegende Behandlung in einer ambulanten Praxis bezogen, betrafen 5 300 Anträge stationäre Behandlungen. Bei einem Großteil der stationären Vorkommnisse handelte es sich um die unfallchirurgische Orthopädie (1 063), gefolgt von der Allgemeinchirurgie, der orthopädischen Chirurgie und der Frauenheilkunde. Im ambulanten Bereich betrafen die meisten Anträge Behandlungen von hausärztlich tätigen Ärzten, gefolgt von niedergelassenen orthopädischen Chirurgen und Allgemeinchirurgen.
Die Dominanz chirurgischer Fehler ist für Heinrich Schlüter schnell erklärt: „In diesem Fachbereich fallen Fehler einfach stärker auf“, sagte der Leiter des Behandlungsfehler-Serviceteams der AOK Rheinland/ Hamburg im Rahmen des „Berliner Patientenfürsprechertags“ am 20. April. Auch das erhöhte Fehleraufkommen in stationären Einrichtungen hält Schlüter nicht für verwunderlich: „Hier werden kompliziertere Fälle behandelt. Und die Patienten erwarten mehr.“ Ähnlich den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen helfen Serviceteams bei einzelnen Kassen, im Auftrag von Patienten mögliche Fehler nachzuverfolgen.
Auf den Ergebnissen der ersten einheitlich erstellten Fehlerstatistik will sich die BÄK nicht ausruhen: Nachdem Fehlerursachen ausgewertet worden sind, sollen die Ergebnisse für die Fortbildung und Qualitätssicherung genutzt werden. Darüber hinaus unterstützt die Kammer Fehlermeldesysteme wie CIRS (Critical Incident Reporting System). Ein Beirat der BÄK kümmert sich darum, die CIRS-Daten systematisch auszuwerten. All das trage dazu bei, Fehler zu akzeptieren und aus ihnen zu lernen, ergänzte BÄK-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. med. Christoph Fuchs bei der Vorstellung der neuen Statistik – auch wenn dieses Credo noch nicht in den Köpfen der Ärzteschaft angekommen sei. Martina Merten
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