ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Forensische Gesichtsrekonstruktion – Identifizierung bei Skelettfunden

MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Forensische Gesichtsrekonstruktion – Identifizierung bei Skelettfunden

Forensic Facial Reconstruction – Identification Based on Skeletal Findings

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1160 / B-1033 / C-985

Kreutz, Kerstin; Verhoff, Marcel A.

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LNSLNS Zusammenfassung
Einleitung: Die forensische Gesichtsrekonstruktion stellt häufig die letzte Möglichkeit auf dem Weg zur Identifizierung von menschlichen Überresten dar. Methoden: Übersichtsarbeit auf der Basis der wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen der Autoren und einer selektiven Literaturrecherche. Ergebnisse: Grundlage der forensischen Gesichtsweichteilrekonstruktion an menschlichen Schädeln ist die Kenntnis definierbarer Weichteile über bestimmten Knochenpunkten. Die Weichteildicken wurden durch verschiedene Messungen an Lebenden und Verstorbenen ermittelt. Die gründliche Untersuchung des Schädels ist die wichtigste Voraussetzung. Die durchschnittlichen Weichteildicken müssen individuell korrigiert werden. Bei den klassischen Rekonstruktionsmethoden werden die Weichteile manuell auf ein abgeformtes Schädelmodell aufgebracht. Die so entstehende Rohform kann dann maskenbildnerisch bearbeitet und als Porträt fotografiert werden. Verschiedene Methoden der computergestützten Gesichtsweichteilrekonstruktion befinden sich in der Entwicklung, sind jedoch derzeit noch nicht in der Lage, die notwendigen morphologischen Grundkenntnisse des Untersuchers zu ersetzen. Diskussion: Die Zielgröße der Gesichtsweichteilrekonstruktion ist die erfolgreiche Identifizierung des unbekannten Leichnams. Das Wiedererkennen ist jedoch von zusätzlichen Faktoren wie zum Beispiel Haar- und Barttracht oder der Kleidung sowie der gesamten Ermittlungsarbeit abhängig. Bisherige Versuche der Validierung der Methoden sind an dieser Komplexität gescheitert. Verbindliche Richtlinien zur Durchführung der forensischen Gesichtsrekonstruktion existieren bislang nicht.
Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A 1160–5.
Schlüsselwörter: Forensik, Anthropologie, Osteologie, Rechtsmedizin, Gesichtsweichteilrekonstruktion

Summary
Forensic facial reconstruction – Identification based on skeletal findings
Introduction: Forensic facial reconstruction is employed to identify unknown human remains when other strategies have failed. Methods: Selective literature review, and the scientific and practical experience of the authors. Results: The forensic reconstruction of soft facial parts of human skulls is based on knowledge of definable soft parts over certain bone marks. The depth of the soft tissue areas was derived from a variety of measurements taken from living and dead persons. For an individual case, thorough examination of the skull is the most important prerequisite. The average soft tissue depth must be individually corrected. In classical reconstruction methods, the soft parts are manually applied to a cast taken from the skull. The preliminary model thereby created can be worked on with make-up and subsequently be photographed as a portrait. Computer-aided reconstruction of soft facial parts is at present preliminary, and cannot yet replace the morphological judgment of the experienced examiner. Discussion: The ultimate aim of the reconstruction of soft facial parts is the successful identification of an unidentified corpse. However, recognition depends on additional factors such as hairstyle, beards, or clothing, as well as on information gained from investigation. This complexity has so far frustrated attempts to validating these methods.
No binding guidelines exist to date for performing forensic facial reconstructions.
Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A 1160–5.
Key words: forensic medicine, anthropology, osteology, legal medicine, reconstruction of soft facial parts


Wenn menschliche Überreste aufgefunden werden, wird versucht, diese einer bestimmten Person zuzuordnen. Gängige Identifizierungsmethoden sind die Odontostomatologie (Gebissvergleich) (1), die DNA-Analyse (2), die Daktyloskopie (3) und die Röntgenvergleichsanalyse (4). Keine Identifizierungsmethode kann zu einer absolut sicheren Personenzuordnung führen, das heißt, es ist nicht sicher auszuschließen, dass irgendwo auf der Welt ein weiterer Mensch gelebt hat oder noch lebt, der dieselben Merkmale aufweist. Am Ende jeder Untersuchung steht immer eine Identitätswahrscheinlichkeit, die sich der hundertprozentigen Sicherheit annähern sollte. Ab einer Wahrscheinlichkeit von 99,8 % spricht man von einer „mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit“ (5).
Alle Identifizierungsmethoden benötigen Vergleichsdaten beziehungsweise Vergleichsmaterial einer infrage kommenden Person. Für die DNA-Analyse und die Fingerabdrücke existieren Datenbanken, mit denen die erhobenen Daten abgeglichen werden können. Zahnschemata von unbekannten Verstorbenen werden zum Beispiel in zahnärztlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Sind die Daten der gesuchten Person jedoch in keiner Datei vorhanden oder wurde in den letzten Jahren überhaupt kein Zahnarzt besucht, müssen Ermittlungsansätze und morphologische Untersuchungen zu einer Vergleichsperson führen. Je nach Verwesungsgrad und Vollständigkeit der menschlichen Überreste können durch die gerichtliche Obduktion oder die forensisch-osteologische Untersuchung Erkenntnisse zu Geschlecht, Lebensalter, Körpergröße, Körperproportionen, ethnischer Herkunft, Lebensgewohnheiten oder Krankheiten gewonnen werden (6, 7).
Das Gesicht mit seinen über hundert beschreibbaren Einzelmerkmalen (8) hat einen hohen Stellenwert für das Wiedererkennen einer Person (9). Bei unbekannten Leichen wird das Gesicht fotografiert und teilweise digital aufgearbeitet, sodass es als Portraitfoto zur Betrachtung durch Zeugen oder zur Veröffentlichung in Zeitungen geeignet ist. Für die gesetzlich verankerte Identifizierung eines Leichnams durch persönliche Inaugenscheinnahme, beispielsweise durch einen Verwandten, wird häufig nur das Gesicht aufgedeckt.
Bei zahlreichen unbekannten Leichen ist das Gesicht durch Autolyse, Fäulnis, Tierfraß oder anderweitige Zerstörung unkenntlich bis hin zur vollständigen Skelettierung. Bleiben die genannten Methoden zu Identifizierung erfolglos, kann als Ultima Ratio eine Gesichtsrekonstruktion erwogen werden.
Diese Arbeit skizziert die historische Entwicklung der forensischen Gesichtsrekonstruktion und setzt sich kritisch mit den verschiedenen Methoden und aktuellen Entwicklungen auseinander.
Methoden
Die Übersichtsarbeit basiert auf wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen der Autoren, einer selektiven Literaturrecherche in „Medline“ und einer Internetrecherche mithilfe der Suchmaschine „Google“. Darüber hinaus wurden Analysen von Jahresregistern nicht im Internet gelisteter aktueller und historischer forensischer Zeitschriften sowie Monographien und Kongressbeiträge ausgewertet.
Theoretische Grundlagen
Bei der Gesichtsrekonstruktion beziehungsweise der Gesichtsweichteilrekonstruktion wird davon ausgegangen, dass sich an bestimmten anatomischen Punkten des Schädels definierbare Weichteildicken befinden (8). In mehreren Untersuchungen maß man diese Weichteildicken und ermittelte für die jeweiligen Punkte (sogenannte „landmarks“) die mittleren Weichteildicken. Die Werte wurden früher mit Nadeln an Leichen gemessen (10, 11), später mit Ultraschall (12), MRT (13) oder CT (14). Die bildgebenden Verfahren eröffneten auch die Möglichkeit, Messungen an lebenden Menschen durchzuführen, um postmortale Veränderungen und Artefakte (15) auszuschließen. Beim Lebenden zeigte sich jedoch, dass erhebliche Unterschiede der Messergebnisse in Abhängigkeit von der Körperposition des Probanden auftreten. Messungen mit aufrechter Kopfhaltung und in sitzender Position sind am aussagekräftigsten, weil sie der üblichen Kopfhaltung beim Lebenden am ehesten entsprechen. Messungen im Sitzen sind nur mithilfe von Ultraschall möglich, dessen Auflösung allerdings begrenzt ist.
Entscheidender als lagerungs- oder technisch bedingte Messfehler bei der Datenerhebung ist, inwieweit der tatsächliche Wert des zu bearbeitenden Falls von dem Mittelwert für den jeweiligen Markierungspunkt abweicht. Eine wichtige Einflussgröße ist neben dem Geschlecht das Lebensalter. Mit zunehmendem Alter verliert das Bindegewebe an Elastizität, die Gesichtsweichteile verlieren an Festigkeit und beginnen faltig herabzuhängen. Das Lebensalter wurde bei den meisten Stichprobenuntersuchungen berücksichtigt. Der größte individuelle Einfluss für die Weichteildicke über den „landmarks“ geht jedoch vom individuellen Ernährungszustand aus. Die Problematik besteht einerseits darin, dass der Ernährungszustand bei der Datenerhebung oftmals nicht berücksichtigt wurde oder werden konnte und demnach diese Einflussgröße statistisch nicht fassbar ist. Andererseits ist es am verwesten oder skelettierten Leichnam oft schwer, den Ernährungszustand vor dem Tod zu bestimmen.
Geschichte
Einen guten geschichtlichen Überblick bietet die Arbeit von Grüner (9). Vor der Gesichtsrekonstruktion stand der Vergleich zwischen Schädel und Portraitbild zwecks Identifizierung. Bereits im 19. Jahrhundert versuchte man, damals noch unsystematisch unter Zuhilfenahme von Umrisszeichnungen, aufgefundene Schädel mit Portraitgemälden in Einklang zu bringen (8, 10). Das „Superprojektionsverfahren“ war die erste rein fotografische Methode (17): Auf einer optischen Bank wurden Portraitfoto, eine Plexiglasscheibe und der mit entsprechenden „landmarks“ versehene Schädel aufgereiht. Die Orientierungspunkte des Fotos und die sich daraus ergebenden Hilfslinien wurden auf die Plexiglasscheibe übertragen. Nach Wegnahme des Fotos wurde der Schädel an den Zeichnungen der Plexiglasscheibe ausgerichtet. Abschließend fotografierte man einzeln hintereinander Schädel und Foto in der ermittelten Position auf der optischen Bank. Diese Methode wurde durch ein Verfahren vereinfacht, bei dem 2 Fernsehkameras Foto und Schädel simultan aufnahmen; die Bilder konnten mit einem Video-Bildmischer übereinander projiziert werden (8, 18). Heutzutage steht zur Superprojektion von Schädel und Portraitfoto die digitale Bildbearbeitung zur Verfügung.
Die ersten Gesichtsweichteilrekonstruktionen hatten zum Ziel, historischen Schädeln ein Gesicht zurückzugeben (10, 11). Dies war auch die Arbeit von Gerassimov, der seine Gesichter aus Ton formte. Er setzte seine Techniken erstmals für forensische Fragestellungen ein: Die Behörden baten ihn um Hilfe, um Fälle von unbekannten, zur Unkenntlichkeit veränderten Leichen aufzuklären. Die von Gerassimov rekonstruierten Gesichter sollen in zahlreichen Fällen zu einem Wiedererkennen der Opfer in der Bevölkerung und zur späteren Identifizierung geführt haben (16).
Aktuell verwendete Methoden
Voraussetzungen für eine Gesichtsweichteilrekonstruktion
Voraussetzung für jede Methode der Gesichtsrekonstruktion ist ein weitgehend intakter Schädel, am besten mit vorhandenem Unterkiefer. Bestehen knöcherne Verletzungen beziehungsweise Zerstörungen, muss vor der Gesichtsrekonstruktion zunächst der Schädel rekonstruiert werden.
Vor der Bearbeitung werden der Schädel und vorhandene Anteile des Postcraniums anthropologisch untersucht und vermessen. Es ist wichtig, aus den vorhandenen sterblichen Überresten und Artefakten möglichst viele Informationen über das Äußere des Verstorbenen zu sammeln. Relevant sind Haarfarbe, -form und -länge, gegebenenfalls bei Männern Bartwuchs, Hautfarbe, Augenfarbe, Körpergröße und -gewicht, Lebensalter und ethnische Herkunft (19). Für das spätere Modell sind jedoch auch Hinweise auf Kleidung oder eine etwaige Kopfbedeckung nützlich. Sie geben wichtige Hinweise auf die Persönlichkeit des Menschen. Je weniger von dem Individuum übrig ist, desto weniger Informationen können erlangt werden. Am isolierten skelettierten Schädel sind allenfalls Aussagen zu Lebensalter und Geschlecht sowie zur Herkunft möglich.

Klassische manuelle Methoden
Grundsätzlich besteht bei den klassischen manuellen Methoden die Möglichkeit, die zu rekonstruierenden Gesichtsweichteile in Ton, Wachs oder Kunststoffen direkt auf den Schädel zu applizieren. Ein solches Vorgehen ist jedoch aus ethischer Sicht abzulehnen, wenn eine Bestattung nach erfolgreicher Identifikation erfolgen soll. Der Kopf stellt in allen Kulturen und Glaubensrichtungen ein zentrales Element des Körpers dar. Es ist daher Standard, den Schädel zunächst abzuformen. Hierfür eignet sich Silikon am besten. Mithilfe der so hergestellten Gussformen wird der Schädel aus Kunststoff oder Feingips abgegossen. Das so entstandene Schädelmodell bildet dann die Grundlage für die Rekonstruktion der Gesichtsweichteile. Das Schädelmodell wird mit „landmarks“ und darauf angebrachten Abstandshaltern versehen, deren Längen der durchschnittlichen Weichteildicke über dem betreffenden Punkt entsprechen (Abbildung 1).
Nach der sogenannten Manchester-Methode (20) wird das Gesicht von der Muskulatur her Schritt für Schritt aus Ton aufgebaut (Abbildung 2). Die Ausprägungen der Muskelmarken am Knochen bestimmen, ob die Muskulatur stärker oder weniger stark ausgebildet war. In die Orbitae werden gläserne Augenmodelle eingesetzt. Nach Abschluss der Muskulatur werden die Unterhaut, Drüsen und Haut entsprechend ihrer anatomischen Lage aufgebracht. Bei diesem Schritt sind der Ernährungszustand und das biologischen Alter der Person für die Schichtdicke ausschlaggebend. Diese Informationen in Kombination mit der Ausprägung der Gesichtsmuskulatur veranlassen den Rekonstrukteur, die durch die Abstandshalter über den „landmarks“ vorgegebenen durchschnittlichen Weichteildicken bewusst zu unter- oder überschreiten. Nach der abschließenden Glättung und Reliefierung der Haut ist ein skulpturartiges Gesicht entstanden (Abbildung 3).
Nach der „amerikanischen Methode“ (21) werden die Weichteile zunächst bandartig im Bereich der Abstandshalter aufgebracht. Anschließend füllt man die Zwischenräume auf. Auch diese Methode ist flexibel bezüglich der Ausgestaltung des Ernährungszustandes, aber die Einflüsse der Gesichtsmuskulatur können nicht wie bei der Manchester-Methode berücksichtigt werden.
Das skulpturartige Kopfmodell (Rohmodell) muss mit einer Hautfarbe und Haaren, gegebenenfalls einem Bart, versehen werden. Der so entstandene Kopf kann allein oder auf einem Körpermodell mit Kleidung des Verstorbenen fotografiert werden. Es entsteht somit ein für die Fahndung einsetzbares Portraitfoto. Es können mithilfe des rekonstruierten Kopfes mehrere Haar- und Bekleidungsvarianten versucht und fotodokumentiert werden.
Die klassische manuelle Gesichtsweichteilrekonstruktion ist arbeits- und dementsprechend für den Auftraggeber kostenintensiv. Selbst für einen geübten Rekonstrukteur sind mindestens 40 h Arbeitszeit anzusetzen.

Zeichnerische Methoden
Zur Gesichtsrekonstruktion auf zeichnerischem Wege im Sinne einer Phantomzeichnung (21) müssen detaillierte Kenntnisse der Anatomie des Kopfes mit künstlerischen Fähigkeiten kombiniert werden. Die dreidimensionale Rekonstruktion der Gesichtsweichteile erfolgt im Kopf des Untersuchers, der das Bild der zu rekonstruierenden Person zu Papier bringt. Diese Methode ist schnell aber kaum überprüfbar und sehr von den individuellen Fähigkeiten des Untersuchers abhängig.

Computergestützte Gesichtsweichteilrekonstruktionen
In Anbetracht des enormen Zeitaufwandes für die manuelle Gesichtsweichteilrekonstruktion einerseits und der ständig zunehmenden Rechenleistungen von Computern andererseits ist der Wunsch verständlich, eine schnelle, effiziente und kostengünstige computergestützte Gesichtsweichteilrekonstruktion zu entwickeln. Auch erhofft man sich eine verbesserte Objektivität (22). An erster Stellte steht die dreidimensionale digitale Erfassung des Schädels. Hierfür wird meist ein Oberflächenscanner oder auch ein CT-Scan verwendet. Dieser Arbeitsschritt ist in jedem Fall schneller als das Anfertigen einer realen Kopie des Schädels.
Auf die virtuelle Schädelkopie müssen die Gesichtsweichteile aufgebracht werden. Die meisten methodischen Ansätze basieren auf den Erfahrungen der klassischen Gesichtsweichteilrekonstruktion. So werden üblicherweise die gleichen „landmarks“ mit den dazugehörigen Weichteildicken verwendet. Es gibt bereits Programme, welche die „landmarks“ automatisch setzen, doch entstehen hierbei immer wieder grobe Fehler. Deshalb besitzen derartige Programme die Möglichkeit, die „landmarks“ manuell zu korrigieren oder primär manuell zu setzen. Diese Arbeitsschritte sind derzeit wesentlich aufwendiger als das Aufkleben der Abstandshalter an den „landmarks“ der realen Schädelkopie.
Nach dem virtuellen Festlegen der „landmarks“ und ihrer Abstandshalter verbindet der Rekonstrukteur die Enden der „landmarks“ untereinander, um anschließend die Zwischenräume des so entstehenden Gitterrasters aufzufüllen und die entstehenden Kanten zu glätten. Je nach Rechenleistung kann so eine digitale Gesichtsweichteilrekonstruktion in Sekunden realisiert werden. Problematisch ist, dass die dabei entstehenden Gesichter kaum Individualität aufweisen und eher an „Gegner in einem Computerspiel“ als an reale Menschen erinnern.
Vor diesem Hintergrund ist man heute damit beschäftigt, Methoden zu etablieren, die dem Untersucher zahlreiche Möglichkeiten der Gestaltung überlassen. Beispielsweise wird versucht, den virtuellen Gesichtsweichteilaufbau am Bildschirm Schritt für Schritt wie bei den klassischen manuellen Methoden auszuführen. Dies erfordert mehr Zeit. Der Vorteil ist jedoch, dass beliebig viele Zwischenschritte gespeichert werden und Arbeitsschritte wiederholt oder in einer anderen Variante versucht werden können.
Ein weiterer Ansatz, der bereits von mehreren Arbeitsgruppen versucht wurde, ist, morphometrische und morphologische Schädelparameter mit bestehenden Phantombilddateien (zum Beispiel des Bundeskriminalamtes oder der Französischen Nationalpolizei) zu korrelieren, um so von dem unbekannten Schädel automatisiert ein Phantombild zu erstellen (23). Eine derartige Datei besteht aus einer bestimmten Anzahl von Portraitfotos (Frontalansicht), deren einzelne Gesichtselemente (zum Beispiel Nase, Ohren oder Mund) freigestellt und zu neuen Gesichtern rekombiniert werden. So können nach Zeugenangaben Phantombilder erstellt werden. Die Verwendung dieser Phantombild-Daten zur Gesichtsrekonstruktion weist aber prinzipielle Schwächen auf: Eine dreidimensionale Struktur (Gesicht) basierend auf einer anderen dreidimensionalen (Schädel) soll ohne Zwischenschritt zweidimensional (Phantombild) rekonstruiert werden. Die Bilddaten als Grundlage für die Phantombilddatei stammen von (zumindest zum Zeitpunkt der Erhebung) lebenden Menschen, deren Schädelgestaltung unbekannt ist. Kritisch ist, wenn für die „Phantombildmethode“ zum Teil regelrecht aggressiv mit dem Argument geworben wird, das sie schneller und kostengünstiger als die konventionelle Methode sei. Für Staatsanwaltschaft oder Polizei ist die Verlockung nachvollziehbar, die Gesichtsrekonstruktion für einen Bruchteil der sonst üblichen Honorare erlangen zu können und innerhalb weniger Tage ein Ergebnis vorliegen zu haben.
Diskussion
Bei historischen Schädeln ist der Gedanke, in ein Gesicht aus einer längst vergangenen Zeit und damit in eine andere Welt blicken zu können, besonders attraktiv. Neben der geforderten Authentizität wird die wichtigste Zielgröße wohl im Bereich der Ästhetik liegen.
Die forensische Gesichtsweichteilrekonstruktion hat ein klar zu formulierendes Ziel: Es soll ein (wieder-)erkennbares Abbild einer vermissten Person geschaffen werden. Problematisch ist die Bewertung einer konkreten Gesichtsrekonstruktion oder einer ganzen Methode. Eine scheinbar objektive Möglichkeit ist nach erfolgreicher Identifizierung der Vergleich eines Fotos der Person mit dem der Rekonstruktion. Für die klassischen manuellen Methoden existieren mehrere Studien, die eine gute Übereinstimmung der Rekonstruktion, deren Reproduzierbarkeit und dem tatsächlichen Aussehen der Person ergaben (19, 20, 22, 24). Bei den computergestützten Methoden fehlen derartige Ergebnisse bislang.
Für das Training der Gesichtsrekonstruktion sollten Schädel verwendet werden, zu denen ein Portraitfoto existiert, um nach der Rekonstruktion einen Vergleich zu ermöglichen. Doch eine genaue Rekonstruktion führt nicht zwangsläufig dazu, dass mit dem Modell die gesuchte Person wiedererkannt werden kann. Wird nach der Veröffentlichung eines Fahndungsfotos, das aus einer Gesichtsrekonstruktion entstanden ist, die vermisste Person identifiziert, stellt sich die Frage, was dazu geführt hat. Sind beispielsweise eine auffällige Bart- oder Haartracht kombiniert mit einer ungewöhnlichen Kleidung auf dem Fahndungsfoto korrekt wiedergegeben, tritt das individuelle Gesicht eher in den Hintergrund. Wird umgekehrt ein bis ins Detail perfekt rekonstruiertes Gesicht mit unpassender Haartracht versehen, kann das Wiedererkennen schwer bis unmöglich werden (19) (Abbildung 4, 5 und 6).
Gerassimov soll bei 140 Rekonstruktionen annähernd 100 % der Fälle aufgeklärt haben (16). Die auf einem Phantombild basierende zweidimsionale Rekonstruktion der französischen Nationalpolizei erbrachte dagegen in keinem von über 100 Fällen einen Identifizierungserfolg (25). Betrachtet man diese Bilanzen kritisch, dann wird sich im Einzelfall kaum konkret herausfinden lassen, ob die Gesichtsrekonstruktion oder andere Elemente der Ermittlungsarbeit die entscheidenden Voraussetzungen für die Identifizierung geliefert haben. Dies stellt ein grundsätzliches Problem bei der Validierung der Methoden dar.
Letztlich bleibt festzustellen, dass die klassischen Methoden der Gesichtsweichteilrekonstruktion bei gewissenhafter Durchführung die Möglichkeit eröffnen, einem Schädel das dazugehörige Gesicht wiederzugeben. Für das Erscheinungsbild des Gesichtes spielen neben den Weichteilen auch andere Faktoren wie Haar- und Barttracht, Hautfarbe und Bekleidung eine wichtige Rolle (Abbildung 4, 5 und 6). Die manuellen, computergestützten Methoden könnten in Zukunft eine Arbeitserleichterung und einen deutlichen Zeitgewinn bieten. Sie gehören aber in die Hand von morphologisch versierten Untersuchern, gegebenenfalls innerhalb interdisziplinärer Teams. Das Praktizieren der manuellen Methoden wird auch in Zukunft zum Erlernen der morphologischen Grundlagen unverzichtbar sein.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
Manuskriptdaten
eingereicht: 19. 7. 2006, revidierte Fassung angenommen: 19. 1. 2007


Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Marcel A. Verhoff
Institut für Rechtsmedizin
am Universitätsklinikum Gießen und Marburg
Frankfurter Straße 58
35392 Gießen
E-Mail: Marcel.A.Verhoff@forens.med.uni-giessen.de


The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt.de/english
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