ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Schweden: Flucht ins Paradies

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Schweden: Flucht ins Paradies

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): A-1191 / B-1063 / C-1015

Baehr, Martin

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Erfahrungen eines Arztes, der die Nase voll hatte

Schweden ist ein schönes Land. So schön, dass seit einigen Jahren immer wieder auch deutsche Ärzte dahin auswandern, fliehen, flüchten – wie man’s nimmt. Und wenn ich jetzt den x-ten Bericht eines deutschen Arztes schreibe, der auch in dieses Land abgehauen ist, dann wird das langweilig. Denke ich. Ein guter Freund sagt übrigens, dass er Schweden immer für recht langweilig gehalten habe. Das nur so zu Beginn.
In Schweden praktizieren 23 000 Ärzte, in Deutschland 290 000, Tendenz steigend. Die Schweden sind mit neun Millionen anderen in ihrem Land, die Deutschen mit 80 Millionen. Von den 23 000 Ärzten sind 1 000 deutsch. Heißt es. Ich gehöre dazu. Ich bin nach Schweden gegangen, weil es das beste Angebot war, das einfachste. Und weil es in Deutschland nicht mehr auszuhalten war, als Arzt zu arbeiten. Ich verdiene hier ein Drittel weniger als in Deutschland. Das nur nebenbei, weil viele Nichtärzte und ab und an auch einmal Kollegen meinen, dass man hier besser verdient. Nein, das tut man nicht!
Ich habe mich auch in Norwegen beworben. Da verdient man wirklich besser, aber das Bier kostet zehn Euro, und die Wege sind weit. Norwegen hat nicht geklappt. Mein Ansprechpartner dort meinte, er hätte so viele Bewerbungen vorliegen: Oberärzte aus Universitätskliniken, Chefärzte, alles erfahrene Leute. Vor fünf Jahren hätte er eine Annonce in Deutschland geschaltet, da hätte sich gerade einer gemeldet. Dieses Jahr mehr als 20. Also, Norwegen hat nicht geklappt, und wer weiß, was gewesen wäre. Denn nun habe ich so etwas Ähnliches wie das Paradies. Man soll sein Glück ja nicht beschwören, aber ich hatte viel davon.
Ich arbeite in einer Privatklinik, die auf Rückenchirurgie spezialisiert ist. Eine der wenigen Privatkliniken in Schweden, aber das ändert sich momentan. Im Sommer wird einen Monat geschlossen, weil da ohnehin alle Schweden auf ihren Schären sitzen oder auf Gotland und sich niemand am Rücken operieren lässt. Die Klinik hat Wartezeiten, die sich für manche Operationen auf mehr als ein Jahr belaufen. Der Anteil der internationalen Patienten steigt.
Und weil die Klinik so gut ist und das letzte Jahr so erfolgreich war, bekommt jeder (!), der in dieser Klinik arbeitet, einfach so im April 1 100 Euro mehr. Aber nur einmalig. Und weil man nicht nur arbeiten kann, wird so alle drei Monate ein Fest gefeiert. Ein Anlass lässt sich ja immer finden: Ein Kollege wird gefeiert, weil er nach einer Hospitation wieder ins Karolinska zurückgeht, ein anderer, der mit 73 Jahren in den verdienten Ruhestand geht (mit den üblichen 65 Jahren hatte er noch keine Lust dazu). Die Feste organisiert die Klinik.
Ich arbeite nebenher noch im Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“ in Deutschland: etwas Heimarbeit und eine Reise je Monat nach Berlin. Meine Termine gebe ich rechtzeitig an, damit die Patienten entsprechend einbestellt werden. Ansonsten gibt es keine Beschränkungen. Ich weiß noch, wie das in Deutschland war: Dienste tauschen, fragen, ja, nein, geht, geht nicht – ewiger Stress. Ich habe damals solche nebenberuflichen Engagements aufgegeben, denn du sollst nicht Diener zweier Herren sein, heißt es. In Schweden ist auch das anders.
Wo ist der Haken, fragen jetzt einige. Ich habe noch keinen gefunden. Okay, die Schweden sind langweilig, wie mein Freund sagt, aber eben auch gelassen, wie ich erfahren habe. Alles ist perfekt organisiert. Der Chef, der hier nicht Chef heißt, sondern einen Vornamen hat, wie jeder andere, nimmt die Patienten, die er operieren soll, selbst auf, untersucht sie vor der OP, nach der OP, schreibt den OP-Bericht und den Entlassbrief selbst. Bekommt etwas mehr Geld als seine Kollegen, aber organisiert auch mehr. Aber nur etwas mehr. Terminplanung und Einteilung für die Sprechstunden und die OPs machen zwei examinierte Krankenschwestern, die am „Empfang“ sitzen und mich um 16:30 Uhr, wenn ich meinen Patienten abhole, angrinsen mit den Worten: „Wir gehen jetzt nach Hause.“ Und wenn ich entgegne: „Aufs Sofa?“, sagen sie: „Nein, zu unserem zweiten Job, und der geht bis morgen früh: Hausfrau.“ Schweden sind konservativ! Viele. Die Station wird von den Schwestern geschmissen, da braucht es keinen Arzt. Die kümmern sich um Aufnahmen, Blutabnahmen, Post-OP-Betreuung im Aufwachraum, Reha, wenn nötig, Entlassdatum und Formalitäten.
Martin Baehr ist neben seiner Tätigkeit in Schweden als Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“ aktiv. Fotos: privat
Martin Baehr ist neben seiner Tätigkeit in Schweden als Vorstand von „Ärzte ohne Grenzen“ aktiv.
Fotos: privat
Unsere Klinik operiert zu fast 100 Prozent Patienten des öffentlichen, staatlichen Gesundheitssystems. Es gibt Absprachen mit den einzelnen Landesteilen, Budgets und Quoten, und wenn die erfüllt sind, dann geht eben nichts mehr. Das öffentliche Gesundheitssystem hat lange Wartezeiten für elektive Operationen, wir auch! Und privat bezahlende Patienten reihen sich da ein. In Deutschland wird vor Wartelisten geplant. Aber um wie viel schlechter ist es insgesamt im deutschen System?
Ja, in Schweden warten die Patienten: auf elektive Operationen. Aber sie werden älter als in Deutschland: die Männer 1,5 Jahre, die Frauen 0,5 Jahre. Und dabei geben sie weniger Geld pro Kopf für Gesundheit aus, und sie haben nur ein Zehntel der in Deutschland als Arzneien zugelassenen Medikamente, und die Ärzte arbeiten weniger und haben mehr frei. Und die Schweden sind reicher als die Deutschen – nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht so viel Geld in die Ausbildung von Ärzten stecken, sondern sie nach ihrer Ausbildung und, wenn möglich, noch nach einer entsprechenden Qualifikation mit einem kurzen Sprachkurs ins Land locken, und dann ist gut – so wie die Norweger auch, und die sind noch reicher als die Schweden. Und wenn man die Zahlen der gut ausgebildeten deutschen Ärzte ansieht, die ins Ausland gegangen sind, noch gehen – sagen wir 2 000 nach England, 1 500 nach Skandinavien und rechnet mit 100 000 Euro je ausgebildeten Arzt –, so muss man folgern, dass Deutschland das allerreichste Land überhaupt ist. Denn wir leisten uns jenen Ärzteexport in die Erste Welt im Werte von 350 000 000 Euro über Jahre.
Das war jetzt vielleicht etwas zu viel des Guten, aber wie weit muss der Zynismus gehen, damit sich etwas ändert in Deutschland? Nicht alleine in der Organisation eines Systems, in dem niedergelassene und im Krankenhaus tätige Ärzte über Strecken umsonst arbeiten, damit alles weitergeht, in der Patienten in einem angeblich öffentlich organisierten Gesundheitswesen immer häufiger privat zur Kasse gebeten werden für bestimmte Leistungen, damit Ärzte angeblich überleben, sondern vor allem an der Atmosphäre, die vorherrscht: unsinnige Bürokratie, ins Extrem getriebene Hierarchie, anstandslose Ökonomie, viel Freudlosigkeit und viel Ermattung. Die Klinik, in der ich arbeite, hat eine Anzeige aufgegeben in Deutschland. Sie sucht Ärztinnen und Ärzte, weil es immer noch nicht genug deutsche gibt in Schweden, und es haben sich gemeldet: Chefärzte, Oberärzte, niedergelassene Ärzte.
Und dabei wollte ich eigentlich überzeugend davon schreiben, dass ich mich zurücksehne nach Deutschland, dass ich mich hier exiliert fühle. Denn die Schweden sind, wie schon gesagt, langweilig. Aber sie haben ein schönes, ein wunderschönes Land, und vieles funktioniert einfach zu gut, aber das ist vielleicht nicht ganz klar geworden, schätze ich.
Martin Baehr
E-Mail: martin.baehr@ryggkirurgiska.se
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