ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2007Von schräg unten: Gaffer

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gaffer

Dtsch Arztebl 2007; 104(17): [100]

Böhmeke, Thomas

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Jahrelange ärztliche Tätigkeit in Deutschland, egal ob im Krankenhaus oder in der ambulanten Versorgung, lässt einen reifen wie einen ausgedehnten Staphylokokkenabszess. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die ärztliche Jugend den Rat der Älteren und Weisen sucht, quasi um dieses Wissen zu punktieren, damit es hervorsprudele wie aus besagter Bakterienhöhle. Heute schüttet mir ein junger Kollege sein Herz über zwiespältige Erfahrungen im Notdienst aus. „. . . wir kamen gar nicht bis zur Unfallstelle, die ganze Gegend war zugeparkt mit den Autos von diesen Gaffern, wir mussten uns förmlich durch die Menge prügeln! Als wir endlich am Unfallopfer waren, wurden wir noch angemacht, weil wir ihnen die Sicht versperrten: Sie könnten keine Fotos machen, sie würden nicht genug Blut auf die Videohandys kriegen! Zum Kotzen, sag ich Ihnen!“ Ich wiege mein kahles und ergrautes Haupt in der weisen Erkenntnis, dass sich über die vielen Jahre nichts, aber auch gar nichts geändert hat. „Aber das Schlimmste ist, Herr Kollege Böhmeke, es standen Hunderte von Leuten drum herum, und keiner, aber auch gar keiner hat dem Verletzten geholfen. Niemand hat auch nur einen Finger gerührt, jeder wollte nur gaffen und glotzen und sabbern und geifern. Nun beantworten Sie mir doch, Herr Kollege Böhmeke, die Frage: Warum machen die Leute nichts, warum helfen die den Opfern nicht? Meinen die etwa, die da am Boden liegen, würden ihre Helfer verklagen oder was?!“ Ich krame in meinem reichhaltigen medizinischen Erfahrungsschatz und erläutere dem jungen Kollegen, dass dieser Gedanke gar nicht so abwegig ist. Tapferer Einsatz in prekären Situationen, so lehrt das Leben, führt zu unerwarteten Kollateralschäden. Ich habe mir beispielsweise schon häufiger Vorwürfe eingehandelt, nachdem ich durch rechtzeitiges und umsichtiges Verhalten einen Herzinfarkt verhinderte. Man sei danach im Grad der Behinderung zurückgestuft worden, und das sei nun wirklich eine herbe Zumutung. Manch einer hätte da lieber seinen Herzinfarkt wieder zurück. Mein Gegenüber blickt mich misstrauisch an, ist alles andere als überzeugt. Nicht nur das, so fahre ich fort, auch Patienten, die ich durch rechtzeitige Diagnosestellung vor schwersten Krankheiten bewahrt habe, zögerten keine Sekunde, wegen Bagatellen, wie nicht durchgestellter Telefonate, meinen Ruf zu ruinieren und mich vor die Ärztekammer zu zerren. Der Kollege ist sichtbar entsetzt, ich bin aber mit meinen Darlegungen immer noch nicht fertig. Selbst Patienten, die ich nachweislich vor dem Tod bewahrt habe, zögerten nicht, mich aufgrund nichtmedizinischer Absurditäten vor Gericht zu zerren. Mein Gegenüber guckt mich von schräg unten an. „Herr Kollege Böhmeke, Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, dass die paralysierten Massen, die im akuten Notfall jegliche Soforthilfe verweigern, alles Ärzte sind, die nicht verklagt werden wollen, oder?“ Nein, nein, so kann ich ihn beruhigen, wir Ärzte würden sofort, alle unangenehmen Konsequenzen missachtend, zur Unfallstelle eilen und selbstlos Hilfe leisten. Auch wenn die Geretteten nachher wegen fehlender Prozente klagen oder sich bei der Ärztekammer beschweren würden . . .
„Ein Glück, dass wenigstens uns nicht mehr zu helfen ist!“
Genau.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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