ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Ärztliche Behandlungsfehler: Wider die Schuldgefühle

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Ärztliche Behandlungsfehler: Wider die Schuldgefühle

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1193 / B-1065 / C-1017

Merten, Martina

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LNSLNS Viel habe sich in den sechs Jahren ihrer bisherigen Amtszeit getan, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) unlängst anlässlich einer Pressekonferenz des Berliner Aktionsbündnisses Patientensicherheit. „Innerhalb der Selbstverwaltung wird inzwischen offen über ärztliche Behandlungsfehler geredet“, betonte die Ministerin mit (selten) wohlwollendem Blick.
Sie hat recht, es hat sich viel getan – und dieses Engagement war keineswegs einseitig. Angefangen in den Reihen der Ärzteschaft, sind da zu nennen die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern. Seit beinahe 30 Jahren bemühen sie sich um die außergerichtliche Streitschlichtung bei vermuteten ärztlichen Behandlungsfehlern. Vor Kurzem gaben die sich aus Ärzten und Juristen zusammensetzenden Institutionen bekannt, in ihrer jährlichen Fehlerstatistik erstmals auch qualitative Angaben zum Fehlervorkommen machen zu können (siehe DÄ, Heft 17/2007). Das ist zweifellos ein großer Fortschritt, denn nur, wer weiß, in welchem Bereich welche Fehler am häufigsten vorkommen, kann präventiv tätig werden.
Noch an anderer Stelle entstand Dynamik – innerhalb des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Mit vereinten Kräften, so die Hoffnung der im Bündnis vertretenen Ärzte, Krankenkassenmitarbeiter und Patienten, sollte Fehlerprophylaxe möglich sein. Das scheint sich zu bewahrheiten. Seit dem Frühjahr 2005 hat das Bündnis bereits zwei Forschungsberichte veröffentlicht. Diese enthalten nicht nur Angaben und Analysen zum Vorkommen ärztlicher Behandlungsfehler. Die Vertreter der Selbstverwaltung und der Patientenverbände haben auch mehrere Präventionsprogramme entwickelt. So gibt es inzwischen „Empfehlungen zur Verhinderung von Seiten- und Eingriffsverwechslungen“ und „Empfehlungen zum Aufbau eines Fehlerlernsystems in deutschen Krankenhäusern“. Es ist erfreulich zu sehen, wie viel Zeit und persönliches Engagement die Mitglieder des Bündnisses, allen voran deren Vorstand um Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Dr. med. Günther Jonitz und Prof. Dr. med. Daniel Grandt, dieser heiklen Thematik widmen. Ihr Credo „Jeder Fehler zählt“ hat an Bekanntheit gewonnen.
Doch hat sich dieser Leitgedanke auch im Kopf des Arztes festgesetzt? Zählt wirklich jeder Fehler? Steht tatsächlich die Frage „Was war schuld?“ und nicht „Wer war schuld?“ im Vordergrund? „Es ist noch ein gutes Stück Weg, bis dieses Denken in den Köpfen der Ärzte angekommen ist“, vermutete der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, bei der Vorstellung des aktuellen Forschungsberichts des Aktionsbündnisses. Diesen Weg lohnt es zu gehen. Denn Fehler sind menschlich, sie passieren in allen Berufsgruppen – sei es aus Zeitdruck, durch Kommunikationsprobleme oder einfach aus Unachtsamkeit. In deutschen Krankenhäusern kommt es zu rund 17 000 Todesfällen jährlich, ist das Ergebnis eines Reviews zum Thema Sterblichkeit nach vermeidbaren unerwünschten Ereignissen, die auf Fehler zurückgehen. Siebzehntausend. „Diese Größenordnung muss deutlich nach unten korrigiert werden“, betonte Schrappe.
Es lohnt sich, offen über eigene Behandlungsfehler oder Beinahe-Fehler zu sprechen, sich mit Kollegen darüber auszutauschen. Denn Patienten hätten ein Recht darauf, dass Fehler zugegeben würden, sie verlangten oftmals nicht mehr als eine Entschuldigung, berichtete die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, von Gesprächen mit Betroffenen. Es lohnt sich aber vor allem für jeden Einzelnen. Denn nur so kann vermieden werden, was viel schlimmer ist als ein Fehler selbst: Schuldgefühle.

Martina Merten
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik, Berlin
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