ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Rhön-Klinikum AG: Cluster kollidieren mit Kartellrecht

POLITIK

Rhön-Klinikum AG: Cluster kollidieren mit Kartellrecht

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1210 / B-1078 / C-1030

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wolfgang Pföhler will an jede Rhön- Klinik ein Medizinisches Versorgungszentrum angliedern. Foto: ddp
Wolfgang Pföhler will an jede Rhön- Klinik ein Medizinisches Versorgungszentrum angliedern. Foto: ddp
Der Klinikkonzern strebt die flächendeckende Vollversorgung an.

Die Schützenhilfe aus Berlin kam wie gerufen. Einen Tag vor der Bilanzpressekonferenz der Rhön-Klinikum AG am 19. April in Frankfurt am Main sprach sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium in Gestalt von Staaatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder dafür aus, privaten Klinikbetreibern den Aufbau von Ketten zu erleichtern und regionale Versorgungsschwerpunkte zu erlauben. Schröder äußerte sich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen kritisch zu einer Entscheidung des Bundeskartellamtes, das der Rhön-Klinikum AG den Erwerb von zwei Kreiskrankenhäusern in Bad Neustadt (Saale) und Bad Kissingen untersagt hatte, weil es eine regional marktbeherrschende Stellung befürchtete. Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hatte am 12. April diese Auffassung bestätigt, allerdings offengelassen, wie bei Krankenhäusern „Markt“ zu definieren ist. Schröder sprach sich dafür aus, die regionale Abgrenzung nicht zu eng zu sehen, und bezweifelte schließlich, ob auf Krankenhäuser Kartellrecht anzuwenden ist und nicht vielmehr Sozialrecht.
Schröders Argumentation kommt der Rhön-Klinikum AG – aber auch anderen privaten Betreibern von Klinikketten – entgegen. Der Vorstandsvorsitzende des Klinikkonzerns, Wolfgang Pföhler, dankte denn auch vor Frankfurts (Börsen-)Presse dem Staatssekretär „für seine offenen Worte“. Zu ergänzen wäre, dass Schröder vor seiner Berufung ins Ministerium bei der Rhön-Klinikum arbeitete. Der Konzern gilt auch ansonsten als politisch gut vernetzt. So gehört der Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach dessen Aufsichtsrat an.
Rhön-Vorstand Pföhler spielte die Kartellproblematik zwar herunter; sie sei ärgerlich, beeinflusse aber nicht die Wachstumsstrategie. Er gestand aber zu, dass die von Rhön – aber auch von Wettbewerbern – verfolgte Cluster-Bildung rechtliche Probleme aufwerfen kann. Mit Cluster ist der Verbund mehrerer Häuser in einer (nicht näher bestimmten) Region gemeint. Pföhler sieht einen Widerspruch zwischen Sozialgesetzgebung und Kartellrecht. Der müsse aufgelöst werden. Das Urteil des OLG Düsseldorf wird von Rhön geprüft. Ob es zu einer Rechtsbeschwerde beim Bundesgerichtshof kommt, ist offen. Nun scheint auch eine politische Lösung denkbar.
Die Rhön-Klinikum AG zählt zu den großen Klinikkonzernen in Deutschland. Sie betreibt derzeit 45 Häuser, vorwiegend der Akutversorgung, darunter seit dem vergangenen Jahr die Universitätskliniken Gießen und Marburg. Diese spektakuläre Erwerbung schlägt sich in den Kennziffern des Konzerns für 2006 nieder (Kasten). Gießen/Marburg, wo derzeit und in den kommenden Jahren kräftig investiert wird, weist für 2006 noch 7,5 Millionen Euro Verlust aus. Wenn, wie soeben angekündigt, 2007 die Gewinnzone erreicht wird, wäre das eine erstaunliche Leistung. Der Konzernvorstand gibt sich schon heute, nach erst einem Jahr, überzeugt, „dass man ein Universitätsklinikum wirtschaftlich betreiben und zugleich die Wissenschaft fördern kann“ (Pföhler). Solche Aussagen sind auch als Lockruf an weitere Träger von Hochschulkliniken zu verstehen. Man sei mit fünf oder sechs im Gespräch, hieß es vage in Frankfurt. Ob es auch nur in einem Fall zum Schwur kommt, bleibt abzuwarten.
Der Expansionsdrang der Klinikketten wird, wenn schon nicht durch das Kartellrecht, so doch durch ein spärlicher werdendes Angebot gebremst. Die Kommunen und sonstigen öffentlichen Träger scheinen sich nicht mehr so leichthin von ihren Krankenhäusern trennen zu wollen, bedingt auch durch die erhöhten Steuereinnahmen. Andere Angebote scheinen selbst für sanierungserfahrene Betreiber wirtschaftlich uninteressant zu sein.
Wenn, wie von Rhön angestrebt, weitere Universitätsklinika übernommen werden sollten, könnte es für den Konzern finanziell eng werden. Eine Erhöhung des Aktienkapitals (derzeit 51,8 Millionen Euro) wird dann nicht zu vermeiden sein. Vor der Presse äußerte sich der Konzernvorstand dazu verhalten positiv. Der einflussreiche Konzerngründer und Aufsichtsratsvorsitzende Eugen Münch, dessen Familie 16,16 Prozent der Aktien hält, müsste bei einer Kapitalerhöhung mitziehen oder sich mit einer Verwässerung seines Anteils zufriedengeben. Gründerväter tun sich damit gelegentlich schwer.
Expandiert wird in die ambulante Versorgung. Schon heute werden ambulant weitaus mehr Patienten behandelt als akut-stationär. Der Trend dürfte sich fortsetzen, da zum Rhön-Konzept die konsequente Nutzung der (eigenen) ambulanten Einrichtungen gehört. Rhön erhöht stetig die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Zu den zehn bestehenden sollen 2007 sieben hinzukommen, das Tempo soll in den folgenden Jahren beibehalten werden. Ziel ist es, jedes Krankenhaus mit einem MVZ zu verbinden. Um an Kassenarztsitze zu kommen, bietet Rhön niedergelassenen Fachärzten (nur diesen, nicht Allgemeinärzten) an, sich „als Einstieg“ in ein MVZ einzumieten. Beim Eintritt in den Ruhestand übernimmt der Konzern dann den Kassenarztsitz.
Verluste in den Medizinischen Versorgungszentren
Die MVZ von Rhön wiesen 2006 durchweg Verluste aus. Das wird mit Anlaufkosten und hohen Abschreibungen begründet. Ein erworbener Kassenarztsitz werde innerhalb von fünf Jahren abgeschrieben. Doch MVZ würden auch später „nicht die Riesen-cash-cow“, formulierte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Gerald Meder. Entscheidend seien vielmehr die Synergien mit dem Krankenhaus.
Solche Verbünde von MVZ und Krankenhaus sind die wahren künftigen Cluster. Mit ihnen strebt die Rhön-Klinikum AG langfristig eine flächendeckende Vollversorgung an. Innerhalb von 60 bis 90 Minuten soll jeder Patient eine Konzerneinrichtung erreichen können, sagt Pföhler. Doch das dauert. Im Netz der Rhön-Einrichtungen klaffen in Nordrhein-Westfalen und in Nordostdeutschland noch große Lücken.
Norbert Jachertz


Die Zahlen

Konzern-Kennziffern 2006 (Vorjahr)
- Umsatz 1,9 Milliarden Euro (1,4/+36,5 %)
- Gewinn 109,1 Millionen Euro (88,3/+23,5 %)
- Mitarbeiter 30 409 (21 226)
- Betten und Plätze 14 703 (12 217)
- Patientenbehandlungen: 1 394 035 (949 376/+46,8 %)
– davon akut-stationär 526 226 (+28,2 %)
– davon ambulant 858 708 (+62,1 %)
– davon rehabilitativ u. a. 9 101 (+ 1,9 %)
Für 2007 wird ein Umsatz von rund zwei Milliarden Euro prognostiziert (ohne eventuelle Neuerwerbungen).
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema