ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Aviäre Influenza: Erster Impfstoff ist nur eine Zwischenlösung

MEDIZINREPORT

Aviäre Influenza: Erster Impfstoff ist nur eine Zwischenlösung

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1218 / B-1084 / C-1036

Siegmund-Schultze, Nicola

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Impfstoff gegen die Vogelgrippe: Mehrere Pharmaunternehmen versuchen derzeit, bei der zweiten Vakzine-Generation die Immunreaktion gegen H5N1 zu verbessern. Foto: Sanofi-Aventis
Impfstoff gegen die Vogelgrippe: Mehrere Pharmaunternehmen versuchen derzeit, bei der zweiten Vakzine-Generation die Immunreaktion gegen H5N1 zu verbessern. Foto: Sanofi-Aventis
Während in den USA die erste Prä-Pandemie-Vakzine zugelassen wurde, testet man in Europa eine zweite, verbesserte Generation des Impfstoffs.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat den ersten Humanimpfstoff gegen das Vogelgrippe-Virus zugelassen. Antigen ist der H5N1-Stamm Vietnam (Clade 1), der die meisten Infektionen beim Menschen hervorgerufen hat. Die Vakzine des französischen Herstellers Sanofi-Aventis wird jedoch nicht in den Handel gelangen. Einziger Käufer ist die US-Regierung, die 13 Millionen Einheiten einlagert. Da zwei intramuskuläre Injektionen im Abstand von 28 Tagen notwendig sind, könnten damit im Notfall 6,5 Millionen Menschen geimpft werden.
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Influenza-Pandemie kommen wird – die Frage ist nur, wann“, begründet die FDA ihre Maßnahme. Mit der Vakzine sei man besser vorbereitet, obwohl sie nur eine Zwischenlösung darstelle: Die Regierung unterstütze die Entwicklung einer zweiten Generation von Impfstoffen, ergänzt die Behörde.
In Europa verfolgt man ein anderes Konzept. „Für uns wäre wichtig, dass im Fall einer Gefährdung möglichst rasch möglichst große Mengen eines Impfstoffs hergestellt werden könnten, der zudem eine gewisse Kreuzimmunität gegen verschiedene Influenza-Virusstämme hervorruft“, sagt Prof. Dr. med. Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), dem Bundesinstitut für Sera und Impfstoffe. Diese Voraussetzungen seien bei der jetzt in den USA zugelassenen Vakzine nicht optimal erfüllt.
Zudem sind Zweifel an ihrer Schutzwirkung erlaubt; diese leitet man aus der Induktion von protektiven Antikörpern bei gesunden Probanden ab; die Vakzine wurde nicht – da ethisch nicht vertretbar – an Personen getestet, die nach Impfung mit dem H5N1-Virus exponiert wurden. So entwickeln der FDA zufolge nur etwa 45 Prozent der Geimpften spezifische Antikörper in Konzentrationen, die vermutlich vor der Infektion schützen.
Ein Problem, das nach Aussage eines Sprechers von Sanofi-Aventis auch gesehen wird: Die Antigenmenge ist mit 90 Mikrogramm pro Impfdosis hoch. Etwa ein Drittel bis ein Fünftel dieser Antigenmenge sei üblich, sagt Löwer. Benötige man rasch große Impfstoffmengen, würde die Produktion dem Bedarf vermutlich erheblich hinterherhinken, da man Engpässe bei den embryonierten Hühnereiern erwarte. Auch sei bislang unklar, ob eine Kreuzprotektivität für verschiedene Stämme des Subtyps H5N1 erzeugt werden könne. Ein gutes Adjuvans könne beide Probleme lösen helfen.
Entsprechend verhalten reagiert die Branche in Deutschland auf den neuen Impfstoff: „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass diese Vakzine eine Zulassung bekommt“, so der Virologe Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klenk von der Universität Marburg. Sie ziele auf ein spezielles Eiweiß des aviären Virus, das Hämagglutinin H5. Doch ausgerechnet jener Bestandteil des Erregers ändere sich ständig. „Dass im Pandemiefall ausgerechnet jener Impfstoff passt, ist unwahrscheinlich“, erläutert Klenk.
An einem Prä-Pandemie-Impfstoff, dem eine – nach den Vorgaben der WHO – maßgeschneiderte Vakzine folgen würde, hat man aber auch in Deutschland Interesse: „Wir sind in Bezug auf Prä-Pandemie-Impfstoffe mit verschiedenen Unternehmen im Gespräch“, sagt Löwer. Eine solche Vakzine solle möglichst gegen humane und verschiedene aviäre Influenza-Viren schützen. Sanofi-Pasteur testet bereits eine zweite Generation des Impfstoffs in Europa, die – anders als der jetzt zugelassene Impfstoff – ein Adjuvans enthalte. Im Herbst dieses Jahres würden Ergebnisse dazu erwartet, sagte ein Sprecher des Unternehmens in Lyon.
H5N1 ist in seiner jetzigen Form nur für Vögel hochgefährlich – Menschen macht das Virus nur in Ausnahmefällen krank. Die Gefahr besteht vielmehr darin, dass sich der Vogelgrippe-Erreger mit dem menschlichen Influenza-A-Virus über Mutationen oder Reassortation „vermischt“ und sich – bei fehlender Immunität der Bevölkerung – weltweit rasch ausbreitet. „Von H5N1 kennen wir schon 20 verschiedene Subtypen“, sagte Klenk, „das ist verschwindend gering, verglichen mit den theoretischen Möglichkeiten.“
Wie tief die Furcht vor dem Virus sitzt, zeigt das Beispiel Schweiz. Die Regierung hat im Oktober 2006 acht Millionen Impfdosen einer H5N1-Prä-Pandemie-Vakzine von GlaxoSmithKline (GSK) gekauft. Die Zulassung für Europa ist beantragt. Der Spaltimpfstoff, der zwei Mal im Abstand von drei Wochen verabreicht wird, enthält ein Adjuvans und nur 3,8 Mikrogramm Antigen pro Impfdosis. Dieses Impfschema habe bei 80 Prozent der Testpersonen eine protektive Antikörperantwort ausgelöst, so GSK.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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