ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Sozialpädiatrische Zentren: Bei Entwicklungsstörungen im Kindesalter bewährt

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Sozialpädiatrische Zentren: Bei Entwicklungsstörungen im Kindesalter bewährt

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1219 / B-1085 / C-1037

Bode, Harald

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Foto: epd
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Die Kosten einer frühen Intervention sind um ein Vielfaches geringer als die Kosten, die durch eine solche Maßnahme vermieden werden. Wichtig ist es, für eine ausreichende Finanzierung und Qualitätssicherung Sorge zu tragen.

Etwa zehn Prozent aller Kinder haben gravierende Entwicklungsprobleme, chronische Krankheiten oder Behinderungen. Die Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) behandeln jährlich etwa 250 000 Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Entwicklungsstörungen und/oder Behinderungen zusammen mit ihren Familien. Der Bedarf zur Vorstellung in den Sozialpädiatrischen Zentren ist in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gewachsen, in den meisten SPZ gibt es derzeit bei Neuanmeldungen je nach Problemlage und Alter des Kindes leider Wartezeiten von zum Teil mehr als sechs Monaten, was den Problemen der Kinder bei weitem nicht gerecht wird.
Die ersten Sozialpädiatrischen Zentren wurden in Deutschland Ende der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts gegründet. Sie entstanden aus der Erkenntnis, dass die alleinige medizinisch-ärztliche Sichtweise den komplexen Problemen der Patienten nicht gerecht werden kann und der interdisziplinäre Ansatz mehrerer Berufsgruppen in engem Austausch eine deutlich bessere Behandlung ermöglicht. Mittlerweile gibt es 132 Sozialpädiatrische Zentren in Deutschland. Viele sind fachlich, personell, räumlich und apparativ eng mit Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin verbunden. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, besteht mittlerweile eine flächendeckende Versorgung in allen Bundesländern.
Neben den typischen Patienten eines SPZ, zum Beispiel Kindern mit schweren chronischen neurologischen Erkrankungen, körperlichen Behinderungen, Intelligenzminderungen, meist in Form von Mehrfachbehinderungen, zum Beispiel im Rahmen einer Zerebralparese und genetisch-syndromalen Erkrankungen, müssen sich die SPZ in den vergangenen Jahren zunehmend um chronische körperliche Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter kümmern. Diese führen neben der somatischen Erkrankung auch zu Problemen in Entwicklung, Verhalten und Anpassung an die Umwelt oder der Teilhabe am sozialen Leben (zum Beispiel Epilepsien, Mukoviszidose, komplexe Herzvitien und anderes mehr). Häufig werden auch Kinder mit umschriebenen Entwicklungsstörungen und psychosomatischen Beschwerden sowie Kinder mit Verhaltens- und Lernstörungen vorgestellt, die nur nach einer differenzierten Diagnostik auch des familiären und sozialen Umfeldes adäquat gefördert und effizient behandelt werden können. Der steigende Bedarf an sozialpädiatrischer Behandlung beruht auch auf dem interdisziplinären Behandlungsansatz der SPZ, der zunehmend von den Patienten und deren Eltern gewünscht und erwartet wird. Das interdisziplinäre Zusammenwirken von ärztlicher, psychologischer, therapeutischer und pädagogischer Kompetenz sorgt für eine Optimierung von Behandlungskonzepten und -abläufen bei den genannten Störungen.
Diagnostik und Therapie in SPZ haben stets das Ziel, im Sinne der ICF (Internationale Klassifikation von Funktionsstörungen, Behinderungen und Gesundheit) eine angemessene Teilhabe der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien am gesellschaftlichen Leben zu realisieren.
Sehr zeitaufwendige Diagnostik und Therapie
Frühe Intervention: In den Sozialpädiatrischen Zentren werden Kinder mit Bewegungs- und geistigen Funktionsstörungen behandelt. Foto: ddp
Frühe Intervention: In den Sozialpädiatrischen Zentren werden Kinder mit Bewegungs- und geistigen Funktionsstörungen behandelt. Foto: ddp
Über die Jahre hat sich eine vertrauensvolle Kooperation der regionalen SPZ mit den niedergelassenen Vertragsärzten, Therapeuten und Frühförderstellen fest etabliert. Auch die Vernetzung mit den lokalen Gesundheits- und Sozialämtern, Kindergärten, Schulen und vielen anderen therapeutischen und pädagogischen Institutionen ist essenzieller Bestandteil der Arbeit in SPZ.
Diagnostik und Therapie sind bei den Patienten in den Sozialpädiatrischen Zentren und ihren Familien oft sehr zeitaufwendig und erfordern die Beteiligung und Absprache mehrerer Personen aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie haben daher ihren Preis. Die Finanzierung der SPZ-Leistungen erfolgt in der Regel über Quartalspauschalen. Diese sind regional teilweise sehr unterschiedlich.
Zunehmender Kostendruck auf die Einrichtungen
Die Finanzierung eines Teils sozialpädiatrischer Leistungen ist nicht befriedigend geregelt. Während die ärztlichen und medizinisch-therapeutischen Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden, fällt die Finanzierung der nichtärztlichen sozialpädiatrischen Leistungen, das heißt insbesondere der heilpädagogischen und psychosozialen Leistungen, die unter ärztlicher Verantwortung erbracht werden und erforderlich sind, nur im Rahmen von Diagnostik und Erstellung eines Behandlungsplans in den Aufgabenbereich der gesetzlichen Krankenkassen. Die Übernahme der diesbezüglichen Behandlungskosten obliegt den örtlichen Sozialhilfeträgern. Der gut gemeinte Versuch, über „Komplexleistungen“ (§ 30 SGB IX) die Kostenträger zumindest im Bereich der Vorschulzeit (Frühförderung) zu einer einvernehmlichen Regelung zu bringen, ist bislang nicht wirklich zielführend gewesen. Ein Teil der SPZ kann daher aufgrund fehlender Refinanzierung diese Leistungen nicht mehr erbringen. Viele Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Kosten einer frühen Intervention um ein Vielfaches geringer sind als die Kosten, die bei einem (möglicherweise vermeidbaren) Besuch einer Sondereinrichtung, eines Heimes oder einer gescheiterten Schullaufbahn entstehen.
Besondere Qualifikation
ist erforderlich
Immer wieder wird behauptet, „jeder richtige Kinderarzt sei eigentlich auch ein Sozialpädiater“. Dies mag in früheren Zeiten gestimmt haben, kann aber bei der heutigen Differenzierung im ärztlich-diagnostischen, psychologischen, therapeutischen und rechtlichen Bereich so nicht mehr aufrechterhalten werden. Die in SPZ erforderliche ärztlich-sozialpädiatrische Qualifikation geht weit über die Grundkenntnisse in Sozialpädiatrie hinaus, die jeder Arzt für Kinder- und Jugendmedizin im Rahmen seiner Weiter- und Fortbildung erwerben sollte, zumal die zunehmende Spezialisierung gerade im Bereich der klinischen Kinder- und Jugendmedizin dies an vielen Ausbildungsstätten ohnehin nicht mehr ermöglicht.
Für die Mitarbeiter der SPZ hat die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ) hohe Qualitätsstandards im „Altöttinger Papier“ fixiert, das Struktur und Prozessqualität der Arbeit in sozialpädiatrischen Zentren dezidiert beschreibt. Derzeit werden für die wichtigsten Diagnosen und Behandlungsmaßnahmen in SPZ und zu weiteren relevanten Themen interdisziplinär Qualitätspapiere erarbeitet, deren Veröffentlichung kurz bevorsteht. Sie sind dann ebenso wie Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung wichtiger Erkrankungen auf der Homepage der DGSPJ (www.dgspj.de) zu finden.
Im Januar 2005 wurde von Kinder- und Jugendärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern unter Moderation der Bundes­ärzte­kammer Einvernehmen über die Definition und die Weiterbildungsinhalte für die Sozialpädiatrie als Zusatzweiterbildung erzielt. Noch besteht kein abschließender Konsens über die notwendigen Vorkenntnisse in Kinder- und Jugendmedizin zum Erwerb der Zusatzbezeichnung. Wegen des hohen Anteils körperlicher Grunderkrankungen in der Klientel Sozialpädiatrischer Zentren halten die Vertreter der Kinder- und Jugendmedizin eine mindestens dreijährige Tätigkeit in einer pädiatrischen Ausbildungsstätte für erforderlich.
Prof. Dr. med. Harald Bode
Sektion Sozialpädiatrisches Zentrum
und Kinderneurologie der Universitätsklinik
für Kinder- und Jugendmedizin Ulm


Gesetzliche Regelung

Sozialpädiatrische Zentren sind nach § 119 des Sozialgesetzbuches V Einrichtungen, die „fachlich-medizinisch unter ständiger ärztlicher Leitung stehen und die Gewähr für eine leistungsfähige und wirtschaftliche sozialpädiatrische Behandlung bieten . . . Die Behandlung durch Sozialpädiatrische Zentren ist auf diejenigen Kinder auszurichten, die wegen der Art, Schwere oder Dauer ihrer Krankheit oder einer drohenden Krankheit nicht von geeigneten Ärzten oder in geeigneten Frühförderstellen behandelt werden können. Die Zentren sollen mit den Ärzten und den Frühförderstellen eng zusammenarbeiten.“
In § 43 a des SGB V vom 1. Januar 1992 wird weiter ausgeführt: „Versicherte Kinder haben Anspruch auf nichtärztliche sozialpädiatrische Leistungen, insbesondere auf psychologische, heilpädagogische und psychosoziale Leistungen, wenn sie unter ärztlicher Verantwortung erbracht werden und erforderlich sind, um eine Krankheit zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu erkennen und einen Behandlungsplan aufzustellen . . .“
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