MEDIEN

Älter werden. Notizen

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1230 / B-1094 / C-1046

Bovenschen, Silvia

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Altern und Sterben: Ohne verkrampfte Heiterkeit

„Altern ist nichts für Feiglinge“, sagt ein amerikanisches Sprichwort. Silvia Bovenschen ist mutig. Mit einer ganz eigenen, geistreichen Mischung aus Ernst, Ironie, Heiterkeit und Melancholie stellt die Literaturwissenschaftlerin und Essayistin sich dem schweren Thema „Altern und Sterben“. Bereits beim Titel begannen die Schwierigkeiten. Zunächst sollte das Buch „Einst“ heißen, verrät die Autorin in einer kleinen Werkgeschichte. Zu betulich, befand eine Freundin. Doch wer kauft in unserer auf ewige Jugend abonnierten Zeit ein Buch mit dem Titel „Älter werden“? Und ab wann ist man für dieses Thema zuständig? Die Autorin ist 60 Jahre alt und an multipler Sklerose erkrankt. Wegen gesundheitlicher Einschränkungen machte sie so schon früh Erfahrungen, die sonst erst dem Alter vorbehalten sind.
Verkrampfte Heiterkeit ist Bovenschens Sache nicht. Die Auflehnung gegen den unfreiwilligen Tod imponiert ihr trotz ihrer Vergeblichkeit. Trauriges wird unverblümt beschrieben, etwa Krankheit und Tod des Vaters. Irgendwann stellt die Autorin fest, dass sie ihr Älterwerden in zwei verschiedenen Versionen erzählen kann: als „gesundheitliche Katastrophenabfolge“ und als „helle Erzählung“ mit vielen Momenten von Liebe und Glück. Beide haben „völlig unversöhnt“ Platz in ihrem Gemüt: „Himmel und Hölle. Glück und Elend. Kaum was dazwischen.“
Was auch immer der medizinische Fortschritt Schädliches oder Nützliches hervorbringe, laut Bovenschen wird es fürs Leid „immer genügend Schlupflöcher geben“. So ist sie überzeugt, dass alle Anstrengungen bestenfalls dazu beitragen können, Leid zu mindern. Anlässlich eines Films über die (alte) Schauspielerin Marianne Hoppe plädiert sie dafür, der Unheimlichkeit dieses Alterns nicht durch schnellen Rückzug auf eine medizinische Diagnose auszuweichen.
Christof Goddemeier

Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen. 6. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2006, 160 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, 17,90 Euro
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