ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud: Affen als Kunstrichter

KULTUR

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud: Affen als Kunstrichter

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1252 / B-1116 / C-1068

Groß, Roland

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Gabriel Max, Die Affen als Kunstrichter, 1889, Öl auf Leinwand, 84,5 × 107,5 cm. Fotos: Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud
Gabriel Max, Die Affen als Kunstrichter, 1889, Öl auf Leinwand, 84,5 × 107,5 cm.
Fotos: Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud
In Köln ist zurzeit eine „Tierschau“ zu sehen, die der Frage nachgeht, wie unser Bild vom Tier entstand – vom Barock bis van Gogh.

Tierisch gut!“ oder „Ich glaub, ich werd zum Tier!“ Die Reaktionen auf die naturbunte Annäherung an das Kunst-Verhältnis von Tier und Mensch wird die klassische Altmeister-Klientel des Kölner „Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud“ mit Sicherheit teilen. Kommen wird und soll (bis 16 Jahre Eintritt frei) hingegen das Familienpublikum, um die betont kurzweilig-populär gelegte Spur aufzunehmen, die sich hinter dem Ausstellungsmotto verbirgt: „Tierschau – Wie unser Bild vom Tier entstand“.
Bereits mit einer buntwandig gestalteten „19. Jahrhundert“-Abteilung in der ständigen Sammlung, nebst wirkungsvollem Hightech-Licht, ist Direktor Andreas Blühm angetreten, das „besucherfreundlichste Museum Deutschlands“ auf den Weg zu bringen. Wie dieser Anspruch einzulösen und zu belegen sein wird, dürfte im schwierigen Kultur-Köln einer Expedition in unbekanntes Dschungel-Terrain mit manch wildem Tier vergleichbar sein.
Eugène Delacroix, Spielender Tiger, um 1830, Öl auf Leinwand, 25,3×39,2 cm
Eugène Delacroix, Spielender Tiger, um 1830, Öl auf Leinwand, 25,3×39,2 cm
Zunächst wird in Blühms Kunst-Tier-Welt darauf hingewiesen, dass Museums-Namensgeber Franz Ferdinand Wallraf schließlich in Personalunion Kunstsammler, Theologe und Botaniker gewesen sei. Museen waren im 19. Jahrhundert nicht selten Kunst- und Wunderkammern, Kuriositätenkabinette, Orte des Staunens: eben Menschen, Tiere, Sensationen. Hier will Blühm mit beachtlichem Mut offensichtlich ansetzen. Die sieben Kapitel breiten zunächst die Welten exotischer Tier-Entdeckungen aus, die barocke Künstler unverkrampft in die europäische Natur implantierten: eine absurde Fauna, tierisch schön, wenn auch vergänglich.
Anatomische und ästhetische Interessen folgen, der vergleichende Blick mündet schockartig im Darwinismus. Ein Original-Rokoko-Kostüm für ein Äffchen scheint eine unschuldige Vorstufe zu sein. Davor werden Löwen und Adler im Klassizismus zu selbstständigen, bildwürdigen Motiven. Bis zum politischen Machtsymbol, der Übertragung vom Tierreich auf welches Reich auch immer, ist es nur ein kleiner Schritt. Was Delacroix in der romantischen Zwischenzeit jener Entwicklung mit spielenden Tigern veranstaltet, kann man durchaus intim und einfühlsam nennen, wenn auch auf höchstem dramaturgischen Helden-Niveau. Die eminent reizvolle Schnittmenge zwischen Tierbildern aus dem Naturkunde- und Kunstmuseum wird, des populären Konzepts wegen, notgedrungen unter Preis verkauft.
Wilhelm Trübner, Cäsar am Rubikon, um 1880, Öl auf Leinwand, 48,5 × 61 cm
Wilhelm Trübner, Cäsar am Rubikon, um 1880, Öl auf Leinwand, 48,5 × 61 cm
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Der Darwinismus gebiert in der Gründerzeit beseelte, individualisierte Kunst-Tiere im Affekt. „Affen als Kunstrichter“ (1889) blicken bei Gabriel Max auf ein für den Betrachter nicht zu sehendes Bild namens „Tristan und Isolde“. Jörg Immendorff soll bei Gabriel Max’ Affen Inspiration (nicht nur) für sein Schröder-Porträt erhalten haben. Wilhelm Trübners Dogge Cäsar legt voller Melancholie den Kopf auf den Tisch und stiert die fernen unerreichbaren Würste des Menschen an. Die Moderne zerlegt die Tiere wie jedes andere Motiv in Form, Farbe, Fläche und Linie, wobei Franz Marc auch ein spirituelles, reines Refugium, eine tierische Gegenwelt, entwarf.
Roland Groß

Die Ausstellung ist im Wallraf-Richartz-Museum (Obenmarspforten am Kölner Rathaus) bis zum 5. August zu sehen: dienstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitrags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis18 Uhr; Telefon: 02 21/21 12 11 19; Katalog 18 Euro; Internet: www.tier schau-im-wallraf.de.

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