ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007„Die Hochstapler“: Der bedrohliche Charme der Lüge

KULTUR

„Die Hochstapler“: Der bedrohliche Charme der Lüge

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1254

Osterloh, Falk

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LNSLNS Die Geschichten, die die vier inhaftierten Männer in Alexander Adolphs Interviewfilm aus ihrem Leben erzählen, sind unglaublich, sind ebenso aberwitzig wie tragisch.

In karg eingerichteten Räumen erzählen vier Männer über ihre Vergangenheit. Sie wirken freundlich, beinahe ein wenig schüchtern. Sie alle sind Verbrecher, wurden zusammen zu mehr als 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie brachten Familienväter um ihre Ersparnisse, erleichterten Banken und wohlhabende Anleger um Millionenbeträge, lebten in immer neuen Identitäten.
Die Geschichten, die die vier inhaftierten Männer in Alexander Adolphs Interviewfilm „Die Hochstapler“ aus ihrem Leben erzählen, sind unglaublich, sind ebenso aberwitzig wie tragisch. Ihre Berichte reichen von den Erlebnissen ihrer Kindheit bis zur detaillierten Darlegung der Methoden, mit denen sie zunächst die Zuneigung und später das Geld ihrer Mitmenschen erschwindelten. Unkommentiert werden die Interviews aneinandergereiht, ergänzt durch die Stimmen von Eltern, Anwälten und Opfern.
Das Ergebnis ist eine ebenso behutsame wie vielschichtige Charakterstudie, durch die zwischen den Zeilen die Pathogenese zutiefst menschlicher Sehnsüchte scheint. Dass die Erfüllung dieser Sehnsüchte im Endeffekt über die Anhäufung des Placebos Geld erreicht werden soll, wirft ein Schlaglicht auf die Prioritäten, die sich in unserer Wirtschaftsordnung verfestigt haben. Und so ist „Die Hochstapler“ gleichzeitig eine hintersinnige Gesellschaftsstudie, die unausgesprochen die Frage nach der Wertigkeit menschlicher Gefühle stellt. Der Betrüger erscheint in dieser Welt als die Galionsfigur einer Gesellschaft, in der Geldscheine eine größere Inspiration darstellen als die Menschen, die sie besitzen.
Falk Osterloh
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