ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2007Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Immer mehr vakante Stellen

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Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Immer mehr vakante Stellen

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1263 / B-1123 / C-1075

Martin, Wolfgang

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In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind Bewerber besonders knapp.

In den letzten zwei Jahren ist die Nachfrage nach Fachärztinnen und Fachärzten geradezu explodiert: So schalteten die Krankenhäuser 2006 für diese Zielgruppe im Deutschen Ärzteblatt rund 50 Prozent mehr Stellenanzeigen als 2004. Und auch im ersten Quartal 2007 hält das Nachfragehoch an, wenngleich das nochmalige Plus von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr relativ moderat ausfiel. Der Ausschreibungsboom hat zwei Ursachen: zum einen den tatsächlich steigenden Bedarf in den Krankenhäusern durch den forcierten Spezialisierungstrend und das Arbeitszeitgesetz, zum anderen den Bewerbermangel. Beides treibt die Zahl der Stellenausschreibungen nach oben. Zur Nachfragesituation in den einzelnen Fachgebieten:
Setzt man die Zahl der in einem Fachgebiet veröffentlichten Stellenanzeigen ins Verhältnis zur Zahl der in diesem Fachgebiet angestellt tätigen Ärzte, so erhält man einen spezifischen Indexwert (Tabelle): Dieser gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung entfallen. Je niedriger der Indexwert, desto geringer ist für Fachärzte die Zahl potenzieller Mitbewerber beziehungsweise desto weniger Bewerbungen werden aller Voraussicht nach bei den ausschreibenden Krankenhäusern eingehen. Das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnet bei der Indexberechnung nicht zum ersten Mal den niedrigsten Wert. Wenn man nun berücksichtigt, dass sich keineswegs alle Fachärzte auf alle infrage kommenden Stellen bewerben, ist ersichtlich, dass auf einzelne Stellenausschreibungen überhaupt keine adäquate Bewerbung eingeht. Nun werden in diesem Fachgebiet zurzeit sehr viele neue Abteilungen etabliert, und die Zahl der Stellenausschreibungen hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdreifacht. Den 117 Stellenausschreibungen auf der Facharzt-/Oberarztebene standen im vergangenen Jahr aber gerade einmal 94 frisch gebackene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie gegenüber.
Dass insgesamt neun Schwerpunkte/Teilgebiete aus der Inneren Medizin und Chirurgie unter den 15 Fachgebieten mit den niedrigsten Indexwerten rangieren, ist ein Indiz dafür, dass die steigende Nachfrage der Krankenhäuser nach Spezialisten kaum noch gedeckt werden kann – eine Entwicklung, die in diesem Ausmaß für viele überraschend kam. Hingegen ist das Thema Bewerbermangel für die Fachgebiete aus
dem Spektrum Psychiatrie/Neurologie nichts Neues. Hier reichen die Weiterbildungskapazitäten bereits seit Jahren nicht aus, um den Bedarf an Fachärzten zu decken.
Von vielen Personalverantwortlichen hört man nun, dass sich die Situation schon wieder entspannen werde, wenn nach und nach Krankenhäuser schließen müssten. Dann würden ja Ärzte in größerem Umfang freigesetzt. Da sich dieser Prozess aber über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinziehen wird, werden die Personalprobleme der nächsten zwei bis drei Jahre dadurch keinesfalls gelöst. Darüber hinaus dürfte es fraglich sein, ob dann gerade die Fachärzte freigesetzt werden, die woanders dringend benötigt werden. Und wenn Krankenhäuser in einer entfernten Region schließen, nützt das den anderen Krankenhäusern wenig.
Wegen der veränderten Bewerbersituation müssen die Personalverantwortlichen größere Anstrengungen unternehmen, um ihre Vakanzen zu besetzen. Eine Stellenanzeige zu schalten und auf die guten Kontakte des Chefarztes zu vertrauen reicht nicht mehr aus. Es kommt darauf an, neue Kontakte und zusätzliche Bewerberpotenziale zu erschließen. Auf den ärztlichen Bereich spezialisierte Personalberater können eine Unterstützung liefern. Auch gewinnen Informationsveranstaltungen wie das Karriereforum des Deutschen Ärzteblattes beim Hauptstadtkongress in Berlin (Kasten) an Bedeutung.
Aber die Krankenhäuser können auch selbst etwas zur Abfederung des Bewerbermangels beitragen – etwa, indem sie stärker darauf setzen, ihren Facharzt- und späteren Führungskräftenachwuchs selber auszubilden; gerade in jenen Fachgebieten, in denen der Facharztindex deutlich unter dem Durchschnitt liegt und die Bewerberdecke damit sehr dünn ist. Zwar gibt es ebenso viele Ärzte ohne Facharztanerkennung im Krankenhaus wie beispielsweise 1992, doch ist in der Zwischenzeit die Zahl der klinisch tätigen Fachärzte um mehr als 46 Prozent gestiegen. So entfielen 1992 insgesamt 1,24 Assistenzärzte auf einen Facharzt, im Jahr 2005 waren es nur noch 0,8. Die Weiterbildungsquote sank also drastisch. Viele Krankenhäuser betrachten Weiterbildung als Luxus. Wenn man dies so sieht, ist man allerdings darauf angewiesen, Facharztvakanzen von außen zu besetzen. Dementsprechend abhängig ist man von der jeweiligen Bewerbersituation.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
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