SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Herr K

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): [104]

Gabriel, Florian

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Ich möchte zeigen, dass ich im Kampf mit den Schatten des Lebens als Sieger hervorgegangen bin.“

Herr K war ein treuer, netter Patient, zwanzig Jahre seines Lebens habe ich ihn begleitet und beraten. Als ich ihn kennengelernt habe, eigentlich habe ich ihn von meinem Vorgänger übernommen, war er ein vom Leben gezeichneter Frührentner. Auch seine Frau war meine Patientin. Sie war sehr krank, litt an MS, war total gelähmt und ans Bett gefesselt; und er hatte es sich als seine Lebensaufgabe gestellt, seine Frau zu Hause zu pflegen. Diese Aufgabe war sehr schwierig und kräftezehrend, aber er hat nie darüber geklagt oder Ermüdungserscheinungen gezeigt.
Das hat dazu geführt, dass unsere Kontakte sehr häufig waren. Er kam in die Sprechstunde einmal für sich selbst und einmal für seine Frau. Die meisten unserer Zusammenkünfte waren aber von dem Zustand seiner Frau veranlasst. Die Pflegeaufgaben hat er beispielhaft erledigt, aber der unweigerliche Verlauf der Krankheit war nicht zu stoppen. In den letzten Wochen vor ihrem Ableben habe ich bei Hausbesuchen oft den Gemeindepfarrer getroffen. Die beiden waren gläubige Katholiken.
Nach dem Tod seiner Frau hatte er mehr Zeit für sich selbst, und so nahm er seine eigenen Krankheiten wahr, und diese waren nicht wenige: Koronarsklerose, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Aortenaneurysma, Niereninsuffizienz. Ich habe ihn wie immer ausführlich über die Art der Erkrankung, die Behandlung und die Gefahren informiert, kurzum habe ich versucht, mein Bestes zu tun. Er hat immer gelacht und mal ernst, mal nur aus Spaß gesagt: „Herr Doktor, sterben müssen wir alle.“ Was er danach erwartet, hat er mir nicht gesagt, aber er hat mir gesagt, was er vor dem Tod noch erleben möchte. Er wollte unbedingt seinen 80. Geburtstag noch erleben und feiern. Mir schien sein Wunsch etwas ungewöhnlich, aber um ihn zu motivieren und weil ich darin eine Unterstützung meiner medizinischen Bemühungen sah, habe ich ihm versprochen, alles zu tun, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Sehr gewagt von mir.
Er war jetzt schon Mitte 70, aber noch sehr flink, mit einem gütigen Gesicht, immer lächelnd, bereit zu scherzen. Seinen Wunsch, den 80. Geburtstag zu erleben, hat er immer wieder geäußert. Einmal habe ich ihn gefragt, warum er sich das so sehnlichst wünscht. Er sagte mir: „Herr Doktor, Sie als Mediziner teilen die Menschen in Kranke und Gesunde, ich teile die Menschen in Glückliche und Unglückliche, und ich betrachte mich als einen glücklichen Menschen. Und gerade das möchte ich allen meinen Freunden, Verwandten und Bekannten mitteilen. Ich möchte zeigen, dass ich im Kampf mit den Schatten des Lebens als Sieger hervorgegangen bin.“ Da konnte ich nichts mehr sagen und wurde nachdenklich.
Die Zeit verging, es ging ihm nicht schlechter, aber auch nicht besser. Kurz vor seinem 80. Geburtstag haben wir alle, das Praxispersonal und ich, eine Einladung zum Geburtstagsfest bekommen. Er hat einen großen Saal in einem Restaurant gemietet und hat beinahe 100 Personen eingeladen: Freunde, Verwandte, Nachbarn, Bekannte. Und alle sind gekommen. Man hat gegessen, getrunken, gesungen, es wurde eine fröhliche Runde. Gegen 23 Uhr war das Fest zu Ende, und der Jubilar wurde von seinem Sohn nach Hause begleitet.
Am nächsten Tag gegen neun Uhr rief mich der Sohn in der Praxis an und bat mich, schnell zu seinem Vater zu kommen, er habe ihn soeben tot in seinem Bett gefunden.
Dr. med. Florian Gabriel
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