ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten: Der Bedarf ist groß

EDITORIAL

Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten: Der Bedarf ist groß

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 193

Bühring, Petra

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LNSLNS Mit 39 Jahren erhielt Karin Uffelmann die Diagnose Darmkrebs. Die Mutter einer damals einjährigen Tochter hatte „Todesangst“ – Angst, die sie bis heute spürt, obwohl der bösartige Tumor aus medizinischer Sicht als geheilt gilt. Uffelmann ist deshalb immer noch in psychotherapeutischer Behandlung, bei der Psychotherapeutin, die sie auch im Akutkrankenhaus psychoonkologisch betreut hat. Diese Betreuung hat die ehemalige Krebspatientin selbst eingefordert, weil sie um die Bedeutung wusste. „Mir wurde nie ein Angebot gemacht“, kritisierte Uffelmann bei einer Pressekonferenz der Deutschen Krebshilfe. Bei den behandelnden Ärzten erlebte sie „wenig Verständnis“ für ihre psychische Situation.
Karin Uffelmann war in der Lage, für ihre Bedürfnisse einzutreten – doch das schaffen längst nicht alle Krebspatienten. Auch wenn die Heilungschancen besser geworden sind, löse die Diagnosestellung immer eine existenzielle Bedrohung aus, sagt der Schweizer Psychoonkologe Prof. Dr. Christoph Hürny, St. Gallen. „Krebs hat seit der Antike eine metaphorische Bedeutung.“ Die Diagnose führe zu der Frage: „Warum gerade ich? Was habe ich falsch gemacht?“. Hürny beurteilt die psychoonkologische und psychosoziale Betreuung von Krebspatienten allenfalls an speziellen Tumorzentren als gut und ausreichend. Flächendeckend sei der Bedarf in Deutschland längst nicht gedeckt und auch in der Forschung bestehe Nachholbedarf.
Die Deutsche Krebshilfe hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die psychosozialen Versorgungsstrukturen in der Krebsmedizin zu verbessern und schrieb 2006 den Förderschwerpunkt „Psychosoziale Onkologie“ aus. Von 80 eingereichten Projekten, die Praxisrelevanz haben sollten, wurden nun 14 ausgewählt. In einer ersten Förderstufe werden diese mit vier Millionen Euro aus Spendengeldern der Deutschen Krebshilfe gefördert. Weitere Förderstufen seien vorgesehen, berichtet Geschäftsführer Gerd Nettekoven und weist darauf hin, dass sich die wohl größte Selbsthilfeorganisation bereits seit drei Jahrzehnten mit der psychosozialen Situation von Tumorpatienten und ihren Angehörigen befasse.
Die geförderten Projekte sind vielfältig und spannend. Drei der 14 Projekte beschäftigen sich allein mit der Verbesserung der kommunikativen Kompetenz von onkologisch tätigen Ärzten. Zum Vergleich: In der Schweiz müssten Onkologen an einer dreitägigen Fortbildung in Gesprächsführung teilnehmen, berichtet Hürny, der auch Leiter der Gutachterkommission des Förderschwerpunkts ist. Eine multizentrisch-epidemiologische Studie untersucht die Prävalenz psychischer Störungen und Belastungen bei Tumorpatienten, um den bundesweiten Behandlungsbedarf abzuschätzen. Wichtig ist auch ein Projekt, das zur Verbesserung des häufig problematischen Übergangs von stationärer zu ambulanter Versorgung beitragen will. Unter die Lupe genommen wird ebenfalls die Funktion des Entlassbriefs an den niedergelassenen Arzt: Würde der Brief um das psychosoziale Befinden des Patienten ergänzt, könnte dieser – wenn nötig und gewollt – psychosoziale Betreuung in der ambulanten Krebsnachsorge ohne Unterbrechung wahrnehmen.
Ambulante psychosoziale Beratungsstellen gibt es in Deutschland längst nicht überall. Die Deutsche Krebshilfe will ihre Gelder auch einsetzen, um bundesweit ein flächendeckendes Netz zu errichten. Ob dort oder in der eigenen Praxis: Psychotherapeuten mit psychoonkologischer Qualifikation werden dringend gesucht.
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