ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Ulf Rungenhagen: Vernissage

KUNST + PSYCHE

Ulf Rungenhagen: Vernissage

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 194

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Fotocollage auf Pappe, überarbeitet mit Acrylfarbe und Lack, 50 × 70 cm, rückseitig betitelt „Vernissage“, signiert und datiert 2004. Foto: Eberhard Hahne
Fotocollage auf Pappe, überarbeitet mit Acrylfarbe und Lack, 50 × 70 cm, rückseitig betitelt „Vernissage“, signiert und datiert 2004. Foto: Eberhard Hahne
Professionelle Künstler arbeiten zumeist für Galerie- und Museumsausstellungen. Die dort zu erzielenden Verkäufe sollen ihren Lebensunterhalt sichern, ihr Ansehen mehren und möglichst auch ihren Nachruhm begründen. Fantasien eigener Größe müssen dabei über so manche Enttäuschung hinweghelfen – und das ist das Thema der Fotocollage von Ulf Rungenhagen. Das Ereignis schlechthin ist die Vernissage, die mehr oder minder festliche, kulinarische und feuchtfröhliche Eröffnung einer Ausstellung. Die Bilder sind aufgehängt und optimal ausgeleuchtet. Der Künstler und sein Galerist fiebern dem Termin entgegen. Wie viele werden kommen, vor allem: Wer wird kommen? Sind wichtige Sammler/Käufer dabei? Was wird die Presse schreiben, hat sich gar ein Fernsehteam angemeldet?
Die Realität einer Vernissage ist für manche, vor allem jüngere Künstler oft ernüchternd. Selbst wenn viele Besucher zur Eröffnung erschienen sind, heißt das noch lange nicht, dass die Bilder selbst wahrgenommen werden. Exakt diese Situation beschreibt Ulf Rungenhagen in seiner Fotocollage „Vernissage“. Neun elegant gekleidete Personen sind dem Betrachter zugewandt, kein einziger schaut auf das große Bild an der Wand – den Vorwand, der alle angeblich hierhergeführt hat. Man ist beschäftigt mit Small Talk oder mit dem Glas Champagner in der Hand. Mit einer Maske vor dem Gesicht gerät die dritte Figur von links zum Selbstdarsteller und vielleicht sogar zur Attraktion der Vernissage. So kann man dem ausstellenden Künstler im wahrsten Sinne des Wortes „die Schau stehlen“. Und der Mann im Bild oben rechts mit der Tüte über dem Kopf scheint auf sich selbst gestellt guter Dinge zu sein, er ist sich selbst genug. Auch die Schöne ganz rechts will nur ihre Reize bewundern lassen, sie verhält sich eher wie ein Ausstellungsobjekt denn wie ein Besucher. So porträtiert der Künstler bissig-ironisch die Gäste (s)einer Vernissage. Vielleicht kommen sie später einmal wieder, um in Ruhe seine Bilder zu betrachten. Hartmut Kraft


Biografie Ulf Rungenhagen
Geboren 1947 in Grüneberg/Neuruppin. 1969–1973 Grafik-Design-Studium an der FH Düsseldorf. 1973–1978 Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei K. Rinke. Schwerpunkt in der eigenen künstlerischen Arbeit sind Collagen, hergestellt vor allem aus Illustriertenfotos. Seit 1999 Professor für Illustration an der Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Design. Lebt in Düsseldorf.

Literatur
Faulhaber G et al. (Hrsg.): Hin und her – Düsseldorf Berlin. Katalog zur Ausstellung, Düsseldorf und Berlin 1983/1984.
Rungenhagen Ulf: Stützen der Gesellschaft. Katalog zur Ausstellung im Forum Bilker Straße, Düsseldorf 1993.
Kraft H: Größenphantasie und Kreativität. Salon Verlag, Köln 1999.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema