ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Medikamentenabhängigkeit: Vernetztes Vorgehen notwendig

POLITIK

Medikamentenabhängigkeit: Vernetztes Vorgehen notwendig

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 213

Bühring, Petra

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LNSLNS Das Problem der Medikamentenabhängigkeit ist nicht neu, aber es wird selten thematisiert. Bei einer Fachtagung in Berlin diskutierten Vertreter der Ärzte, Apotheker, Krankenkassen und Suchthilfe Lösungsansätze.

Mother’s little helper“, der Song der Rolling Stones aus dem Jahre 1965, gilt heute noch als Umschreibung für Barbiturate und Tranquilizer. „Mother needs something today to calm her down. And though she’s not really ill, there’s a little yellow pill.“ Der Text hat an Aktualität nichts verloren. 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland gelten als medikamentenabhängig, 80 Prozent davon als abhängig von verschreibungspflichtigen Benzodiazepinen. Die Lyrik veranschaulicht auch die Erwartungshaltung vieler Betroffener an den Arzt: „Doctor please, some more of these!“
Der Hilflosigkeit der Patienten dürfe der Arzt nicht mit unkontrollierter Verschreibung und Verlängerung der Rezepte begegnen, betonte Ulrich Weigeldt, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), bei der Tagung „Medikamentenabhängigkeit – gemeinsam handeln“ am 23. April in Berlin. „Der Arzt muss das Gespräch mit dem Patienten suchen und bei unspezifischen Beschwerden eine ausführliche Anamnese vornehmen.“ Weigeldt, selbst Hausarzt, wies auch auf das Problem des „Doctor-Hoppings“ hin: Manche Medikamentenabhängige wechseln häufig ihren Arzt, um an Rezepte zu gelangen. Ein weiteres Problem sei der Bezug über den freien Markt, vor allem über das Internet. Weigeldt warnte indes davor, „mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Verordner zu zeigen“. Sinnvoller sei, gemeinsam nach Lösungen für das Problem zu suchen, von dem vor allem Frauen und ältere Menschen betroffen sind. Das haben sich die KBV, der Bundesverband der Betriebskrankenkassen und die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) vorgenommen. Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat kürzlich einen Leitfaden publiziert, der vor allem Hausärzte und Internisten darin unterstützen soll, suchtgefährdete Patienten frühzeitig zu erkennen und ihr Verschreibungsverhalten zu reflektieren. Zudem beschreibt der Leitfaden Entwöhnungsmöglichkeiten („Hilfe für die Verordner“ in DÄ, Heft 15/2007). Dr. med. Wilfried Kunstmann, BÄK, wies bei der Vorstellung des Leitfadens auf die gesellschaftlichen Ursachen der Medikamentenabhängigkeit hin: die zunehmende Isolation der über 60-Jährigen, der Druck zu funktionieren, das Bedürfnis nach positiver Ausstrahlung und die erhöhte Leistungserwartung. Prof. Dr. Jobst Böning, Vorsitzender der DHS, machte in diesem Zusammenhang auf den zunehmenden Gebrauch des Amphetamins Modaphenil bei älteren Schülern und Studenten zum Stressabbau und zur Fitnesssteigerung aufmerksam. Das Medikament ist zur Behandlung der Tagesmüdigkeit gedacht.
Während die Verordnungen von Benzodiazepinen in den letzten Jahren leicht sinken, werden zunehmend die sogenannten Z-drugs Zolpidem, Zoplicon und Zaleplon verschrieben. Diese werden von der WHO zwar nicht als abhängigkeitsfördernd beschrieben. Die DHS warnt jedoch ausdrücklich vor einer Verordnung bei Patienten mit Medikamentenabhängigkeit in der Vorgeschichte.
Auf die steigenden Verordnungen auf Privatrezept wies Dieter Voß vom BKK-Bundesverband hin. Die Kosten der Medikamente gehen zwar nicht zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung – die Folgekosten einer Abhängigkeit jedoch schon. Eine stationäre Entwöhnung kostet zwischen 10 000 und 15 000 Euro pro Patient. Die direkten Krankheitskosten infolge des Konsums von Medikamenten, Alkohol und Drogen betrugen 2004 rund 2,6 Milliarden Euro. Voß sieht Ärzte und Apotheker daher in der Verantwortung, präventiv tätig zu werden.
Die Kontrollfunktion der Apotheker sieht auch Sabine Bätzing. Apotheker seien jedoch häufig unsicher, ob sie Patienten auf einen möglichen Medikamentenmissbrauch ansprechen sollten oder ob sie sich damit in die ärztliche Therapie einmischen. „Wichtig ist, dass Ärzte, Apotheker, Suchthilfe und Kassenärztliche Vereinigungen gemeinsam handeln“, forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die mit der Förderung von Studien und Projekten zur Lösung des Problems beitragen will.
Ansätze für ein gemeinsames Vorgehen von Apothekern und Hausärzten zur Entwöhnung von Patienten mit langem Benzodiazepinkonsum gebe es in Baden-Württemberg, berichtete Dr. Ernst Pallenbach, Vorsitzender des Arbeitskreises Sucht der dortigen Apothekerkammer. In dem Projekt wählen Ärzte die betroffenen Patienten aus und sagen ihnen, dass sich der Apotheker demnächst bei ihnen melden wird, um mit ihnen über ihr Schlaf- oder Beruhigungsmittel zu sprechen. Der Apotheker weist dann im Erstgespräch auf den Nutzen der Entwöhnung hin. „Die meisten niedrigdosierten Benzodiazepin-Abhängigen haben nämlich kein Problembewusstsein“, sagte Pallenbach. Er erläutert den Patienten deshalb die mit der Abhängigkeit verbundene Sturzgefahr, die Einbußen kognitiver Fähigkeiten oder den Wirkungsverlust bei Schlafstörungen. Dr. med. Ansgar Arend, Hausarzt aus Coesfeld, begrüßte dieses Angebot der Apotheker. „Wir sind froh über jede Hilfe.“
Die Betroffenen – zumeist Frauen – zu erreichen ist schwierig. Suchtberatungsstellen werden selten aufgesucht. Auch den Weg in die Selbsthilfe fänden die meisten erst sehr spät, berichtete Katharina Sonn von StoffBruch, Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen e.V., in Berlin. Denn: „Medikamentenabhängige Frauen betrachten sich nicht als süchtig, sondern als krank.“ In Selbsthilfegruppen, in denen auch Alkohol- und Drogenabhängige Hilfe suchen, fühlten sie sich zudem meist fehl am Platz. Gruppen ausschließlich für Medikamentenabhängige gibt es aber noch zu wenig.
In zwei Modellregionen in Dortmund und Hamm gehen die KV Westfalen-Lippe, BKK, DHS, Ärzte- und Apothekerkammer sowie die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (K.I.S.S.) vernetzt vor, um dem Problem der „stillen Sucht“ zu begegnen. Das im Aufbau begriffene Netzwerk hat noch „Insel-Charakter“, beschreibt Klaus Balke, KBV: „Ziel ist es, bundesweit weitere Inseln zu schaffen.“
Petra Bühring


Leitfaden der BÄK „Medikamente – Schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit zum Download im Internet: www.bundesaerztekammer.de/downloads/ Leitfaden_Medikamente_Vorabfassung.pdf
Patientenbroschüre: „Immer mit der Ruhe . . . – Nutzen und Risiken von Schlaf- und Beruhigungsmitteln“. Zu beziehen bei der DHS: www.dhs.de
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