ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: „Nicht nur auf Einzelfälle reagieren“

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Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: „Nicht nur auf Einzelfälle reagieren“

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 215

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. fordert, psychischen Erkrankungen bei Heranwachsenden vorzubeugen und die bereits Betroffenen besser zu versorgen.

Vielleicht lag es an dem Schock, den der Tod des 16-jährigen Lukas W. am Tag zuvor ausgelöst hatte: Der Berliner Gymnasiast war nach dem Konsum von angeblich rund 50 Gläsern Tequila ins Koma gefallen. Gewaltig war jedenfalls das Interesse der Presse am „Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit in Deutschland“, präsentiert vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) Ende März in Berlin. Von den Journalisten nach den möglichen Ursachen für das zunehmende „Kampftrinken“ unter Jugendlichen befragt (siehe auch „Trinken, bis der Arzt kommt“ in PP 4/2007), weist Schulpsychologe Klaus Seifried, im Vorstand der Sektion Schulpsychologie des BDP, auf den enorm gestiegenen Leistungsdruck an den Schulen hin. Gerade an den Gymnasien, verbunden mit den hohen Erwartungen vieler bürgerlicher Eltern. Habe früher ein Numerus clausus (NC) von zwei ausgereicht, beispielsweise um Psychologie studieren zu können, liege der NC heute bei 1,4. Selbst gute Schüler erlebten ohnmächtig „Ich strenge mich an, aber es reicht nicht“, sagt Seifried. Wichtig sei, dass Schüler sich in Krisenzeiten auch vertrauensvoll an Schulpsychologen wenden könnten, um Belastungsreaktionen aufzufangen. Doch es gebe viel zu wenige: Auf 15 000 Schüler komme ein Psychologe. „Deutschland ist im europäischen Vergleich am schlechtesten mit Schulpsychologen versorgt“, kritisiert Seifried. Das Ziel bis 2015 sei ein Fachmann für 1 000 Schüler.
Ethische Verpflichtung
Der Bericht des BDP, eine Zusammenfassung von wissenschaftlichen Studien und Auswertungen von Erfahrungen aus der Psychologen-Praxis, liefert keine neuen Erkenntnisse. Dessen ist sich auch Vizepräsidentin Julia Scharnhorst bewusst. Doch der Verband, der rund 40 000 angestellte und niedergelassene Psychologen und Psychotherapeuten vertritt, sieht es als „ethische Verpflichtung“ an, sich in die Debatte einzuschalten und seine Kompetenz zur Verfügung zu stellen. „Damit die Politik nicht immer nur auf Einzelfälle reagiert“, sagt Scharnhorst, habe der BDP aus dem Bericht eine Reihe von Empfehlungen/Forderungen abgeleitet.
20 Prozent psychisch
auffällige Heranwachsende
Denn die Prävalenzzahlen verdeutlichen, dass etwas getan werden muss: Mehr als 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind psychisch auffällig. Davon „ist etwa ein Drittel behandlungsbedürftig“, berichtet Prof. Dr. Günter Esser, Institut für Psychologie und Akademie für Psychotherapie und Interventionsforschung der Universität Potsdam. An erster Stelle stehen dabei Angststörungen, gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen und hyperkinetischen Störungen. Diese Ergebnisse stammen aus der BELLA-Studie zur psychischen Gesundheit von Heranwachsenden des Robert- Koch-Instituts (siehe „Risikofaktor: arm und ungebildet“, PP 11/2006). Esser verwies auch auf die zunehmende Zahl an Suizidversuchen von Kindern und Jugendlichen sowie auf das gesunkene Einstiegsalter beim Cannabiskonsum.
Der BDP fordert entsprechend, die Früherkennung und Erfassung von psychischen und Entwicklungsstörungen zu verbessern. Als Instrumente hierfür werden Reihenuntersuchungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Kindergärten, bei der Einschulung und in Schulen genannt. Ebenso sollten die Diagnosemöglichkeiten für psychische Störungen bei den Vorsorgeuntersuchungen durch den Kinderarzt erweitert werden.
Im Gegensatz zur relativ gesicherten stationären Versorgung psychisch kranker Kinder gilt die ambulante Versorgung als defizitär, vor allem in den neuen Bundesländern und auf dem Land. Der BDP reiht sich in die Schlange derjenigen ein, die seit Jahren eine getrennte Bedarfsplanung für Erwachsenen- und Kindertherapeuten fordern. Er bemüht sich ebenfalls um einen Mindestversorgungsgrad von 20 Prozent für Kindertherapie.
Der BDP appelliert erneut an den Gesetzgeber, ein Präventionsgesetz zu verabschieden. Weiter sollten den Familien, die bei den geforderten Reihenuntersuchungen klinisch auffällig geworden sind, qualitätsgesicherte, störungsspezifische Präventionsprogramme angeboten werden. Für sozial Benachteiligte sollten settingbezogene, gemeindenahe Präventionsansätze implementiert werden, die den Zugang erleichtern.
Schließlich soll die hohe Ausbildungsqualität für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gesichert bleiben, indem weiterhin der Masterabschluss und nicht der Bachelor Voraussetzung für die Ausbildung bleibt.
In allen Punkten spricht der BDP im Kanon mit der Bundesspychotherapeutenkammer und den psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden. Eine weitere Stimme verleiht den Forderungen vielleicht mehr Nachdruck.
Petra Bühring


Der Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit
in Deutschland ist im Internet unter www.bdp-verband.org abrufbar. Auf Wunsch schickt der
BDP den Bericht auch zu: Christa Schaffmann,
E-Mail: presse@bdp-verband.org, Telefon: 0 30/20 91 49 59, Fax: 0 30/20 91 49 66.
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