ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Amokläufe an Schulen: Es gibt Warnsignale

THEMEN DER ZEIT

Amokläufe an Schulen: Es gibt Warnsignale

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 216

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Amokläufe an Schulen geschehen nie aus heiterem Himmel. Wissenschaftler arbeiten an Modellen zur Früherkennung. Eltern, Lehrer und Mitschüler sollten Warnsignale ernst nehmen.

Gerade hat wieder ein Amoklauf, bei dem 33 Menschen ums Leben gekommen sind, die Welt erschüttert. Der koreanische Student Cho Seung-Hui richtete das Massaker an der US-amerikanischen Hochschule Virginia Tech in Blacksburg an und tötete sich anschließend selbst. Der Fall ist der letzte in der Reihe von ähnlichen Gewalttaten: Erfurt, die Columbine Highschool in den USA und zuletzt Emsdetten in Deutschland sind zu gut in Erinnerung.
Kann man Amokläufe vermeiden? „Schwere Gewalt an Schulen und Amokläufe sind vorhersehbar“, sagt Dr. Jens Hoffmann von der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der Technischen Universität Darmstadt – die auch Partnerhochschule der Virginia Tech ist. Hoffmann und Kollegen werteten Studien aus den USA über Massaker an dortigen Schulen aus und verglichen die Ergebnisse mit den Amokläufen in Deutschland. Sie fanden die gleichen Indikatoren, auch der Zugang zu den Waffen war ähnlich. „Solche Taten geschehen nie aus heiterem Himmel, sondern haben immer eine Entwicklungsgeschichte“, betont der Psychologe. Es gebe meist Warnsignale, wie beispielsweise die Begeisterung für Gewalt als Lösung einer Krise. Ein Weiteres sei Wut auf andere und entsprechende Äußerungen über einen längeren Zeitraum. Suizidankündigungen und -versuche müssten hellhörig werden lassen. Eine große Rolle spiele das sogenannte Leaking, also verräterische Äußerungen an Peergroups. Zusammen mit Kollegen arbeitet der Gewaltforscher an Modellen zur Früherkennung. Am Institut für Psychologie und Sicherheit in Aschaffenburg bietet er Präventionsseminare an, die sich an Schulpsychologen, Lehrer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Polizeibeamte und Sozialarbeiter richten.
Schulpsychologe Klaus Seifried bestätigt aus seiner Praxis an Schulen Frühindikatoren, die dem sozialen Umfeld des Schülers auffallen müssten: wenn die Leistungen extrem nachlassen, Schüler sich zurückziehen oder aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Ein geringer Anlass, wie bei dem Täter in Blacksburg beispielsweise die Trennung von der Freundin, „kann die latent gehemmte Aggression in Gang setzen“. Lebe der Schüler zudem im „Milieu der simulierten Gewalt“, nutze also exzessiv gewaltbeherrschte Computerspiele, könne dies eine akute Psychose auslösen, erklärt der Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums Tempelhof/Schöneberg in Berlin.
Seifried sieht zuerst die Eltern gefordert, Auffälligkeiten wahrzunehmen. „Bei den Amokläufen in Erfurt und Emsdetten wussten die Eltern nichts über das Leben ihrer Kinder.“ Auch die Bedeutung der Peergroups für die Prävention könnte seiner Ansicht nach intensiviert werden. Beispielsweise durch die Ausbildung von Schülern zu Konfliktlotsen. „Die Verantwortung für soziale Prozesse wird damit auch an Mitschüler gegeben.“ An Schulen, die Konfliktlotsen ausbilden, herrsche zudem ein besseres Sozialklima. Mehr Schulpsychologen seien in jedem Fall zur Prävention von schweren Gewalttaten dringend erforderlich. „Junge Menschen brauchen Schutz und Hilfe, wenn sie in Krisen kommen.“
Dieser Forderung schließt sich auch der Deutsche Philologenverband an. Der Vorsitzende des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, wirft der Politik „gravierende Versäumnisse“ vor. Den Ankündigen der Politik nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium – der sich im April zum fünften Mal jährte –, mit Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt an Schulen vorzugehen und Gesetzesinitiativen zu starten, seien kaum konkrete Maßnahmen gefolgt.
Zu wenig Schulpsychologen
Die Schulen seien auch nach wie vor „völlig unzureichend“ mit Schulpsychologen versorgt. „Es ist nicht damit getan, dass man auf auffällige Jugendliche früher aufmerksam wird, man muss diesen dann auch helfen können“, so Meidinger. Außerdem scheue der Gesetzgeber das Verbot von gewaltbeherrschten Ego-Shootern und Killerspielen, obwohl deren Einfluss auf Amokläufe nachgewiesen sei (siehe hierzu auch „Computerspiele und Amoklauf: Die Verzweiflung hinter der Wut“ in PP, Heft 4/2007).
Petra Bühring
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema