ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Eugen Bleuler: Den Menschen hinter der Psychose wiederfinden

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Eugen Bleuler: Den Menschen hinter der Psychose wiederfinden

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 225

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren wurde der Züricher Psychiater Eugen Bleuler geboren.

Mit Emil Kraepelin und Sigmund Freud legte Eugen Bleuler die Grundlagen für die Psychiatrie des 20. Jahrhunderts. Als erster Ordinarius für Psychiatrie setzte er sich intensiv mit der Psychoanalyse auseinander. Während zu seiner Zeit klinische Psychiatrie und Psychoanalyse als unvereinbar galten und etwa Kraepelin die freudsche Lehre teilweise polemisch ablehnte, vermittelte Bleuler zwischen beiden und bewies in seiner Schizophrenielehre die Nützlichkeit der Synthese. Im Unterschied etwa zu Ludwig Binswanger blieb Bleuler zeitlebens Naturwissenschaftler – Philosophie erschien ihm für die Psychiatrie eher „gefährlich“. „Für mich ist eine ,Wissenschaft‘ entweder Naturwissenschaft oder gar keine Wissenschaft“, lautete das Credo des 65-Jährigen auf der Versammlung des Schweizerischen Vereins für Psychiatrie.
Am 30. April 1857 wird Eugen Bleuler in Zollikon bei Zürich geboren. Sein Vater bringt es im Seidenhandel zu einem beträchtlichen Vermögen; so wächst Bleuler in einer herrschaftlichen Villa am Zürichsee auf. Bereits mit dem Entschluss, Medizin zu studieren, fasst er die Psychiatrie ins Auge, wahrscheinlich unter dem Eindruck seiner psychotisch erkrankten Schwester, die 1874 erstmals in der Klinik Burghölzli stationär behandelt wird. Nach dem Tod der Eltern – Bleuler ist inzwischen Direktor des Burghölzli – nimmt er die chronisch Kranke zu sich.
In seiner Abschiedsvorlesung 1927 bezeichnet Bleuler seine Beiträge zur Therapie des Alkoholismus als sein Hauptwerk. Zwar ist ihm zeitlebens daran gelegen, durch Aufklärung über die Schädlichkeit des Alkohols zur Volkshygiene beizutragen. Doch auch wenn Bleuler im Einsatz für Abstinenz seine spätere Ehefrau, Dr. Hedwig Waser, kennenlernt – aus der Sicht der Nachwelt ist sein bedeutendster Beitrag zur Psychiatrie zweifellos sein Werk „Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien“. Das Buch erscheint 1911. Bereits drei Jahre vorher hält Bleuler in Berlin einen Vortrag, in dem er hervorhebt, „dass es sich bei der kraepelinschen Dementia praecox weder um eine notwendige Dementia noch um eine notwendige Praecocitas handelt“. Er schlägt den Begriff „Schizophrenie“ vor: „Ich glaube nämlich, dass die Zerrissenheit oder Spaltung der psychischen Funktionen ein hervorragendes Symptom der ganzen Gruppe sei.“
Bleulers Lehre von dieser Erkrankung gründet im Wesentlichen auf Erfahrungen, die er 1886 bis 1898 als Direktor der Klinik Rheinau macht. Hier lebt er nahezu ununterbrochen in engster Verbundenheit mit seinen Patienten. Er beobachtet sie, spricht mit ihnen und macht sich Tausende von Notizen. Die von ihm entwickelten Begriffe „Ambivalenz“ und „Autismus“ werden zentraler Bestandteil seiner Psychopathologie. Bleuler ist selbstbewusst genug, seine Vorbilder gebührend zu würdigen: Sein Lehrer August Forel lehrt ihn die auf Pierre Janet zurückgehende Dissoziation, von Kraepelin übernimmt er die Einteilung der endogenen Psychosen und von Freud Symptomdeutung, Komplex-Analyse und biografisches Verstehen: „Wir waren es ja gerade, die den Sinn im Unsinn bei der Schizophrenie aufgedeckt haben (. . .) der Führer war uns Freud.“ (1920)
Sigmund Freud und seine Lehre begleiten Bleuler sympathisierend und kritisch. 1910 schreibt er: „Meine persönliche Erfahrung bei der Schizophrenie gibt Freud in einer Weise recht, die mich selbst höchst überraschte. Von den Hunderten von Patienten, die wir analysierten, war keiner ohne sexuellen Komplex. Bei den meisten war dieser der alleinige Beherrscher der Symptome (. . .).“ Manche der freudschen Annahmen hält er jedoch für nicht ausreichend belegt oder falsch. Anders als Freud und Carl Gustav Jung leitet er aus seinen Beobachtungen keine Kausalität ab und hält an der Forderung fest, die Schizophrenie sei eine somatische Erkrankung. Unumwunden gesteht er jedoch ein: „Was der schizophrene Krankheitsprozess ist, das wissen wir nicht.“ Wie sehr die Atmosphäre am Burghölzli durch Freuds Gedanken geprägt ist, schildert Bleuler 1910 in „Die Psychoanalyse Freuds“: „Die Ärzte des Burghölzli haben einander nicht nur die Träume ausgelegt, sie haben jahrelang auf jedes Komplexzeichen aufgepasst, das gegeben wurde (. . .). Auf diese Weise haben wir einander kennengelernt, bekamen gegenseitig ein einheitliches Bild von (. . .) unseren bewussten und unbewussten Strebungen, und man war ehrlich genug, die richtigen ,Deutungen‘ als solche anzuerkennen.“ Seinen Ansatz, mithilfe der Psychoanalyse krankhafte Symptome besser zu verstehen, nennt Bleuler „Tiefenpsychologie“; der Begriff setzt sich für alle Psychotherapieschulen durch, die von der Annahme eines Unbewussten ausgehen. Immer wieder betont Bleuler die Bedeutung der Affektivität für das gesunde und das kranke Leben. Anders als etwa bei Emil Kraepelin, Karl Jaspers und Kurt Schneider sind bei ihm die Übergänge fließend: Potenziell Krankhaftes findet man im scheinbar Gesunden, potenziell Heilsames aber auch im Schizophrenen.
In seiner Schrift „Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung“ (1919) verurteilt Bleuler unsachliches, „dereelles“ Meinen anstelle von experimentell nachprüfbarem Wissen. Er wendet sich gegen Polypragmasie und spricht sich humorig für seine „Udenotherapie“ (nichts tun, abwarten) aus: „(. . .) von hundert Anwendungen, die man so gewöhnlich macht, kann man vielleicht neunzig sparen (. . .).“
Die Zürcher Psychiatrie wird durch Bleuler und seine Mitarbeiter international bekannt. Ihre Merkmale – psychodynamisch verstandene Psychopathologie und die Überwindung der Grenzen zwischen Psychiatrie und Psychotherapie im Sinn einer mehrdimensionalen Psychiatrie – verbinden sie mit der Tübinger Schule um Robert Gaupp.
Am 15. Juli 1939 ist Eugen Bleuler in Zollikon gestorben.
Christof Goddemeier
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