ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Lebenswelten von Psychotherapeuten: Supervision ist unerlässlich

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Lebenswelten von Psychotherapeuten: Supervision ist unerlässlich

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 227

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LNSLNS Wissenschaftler ermittelten zwei Dimensionen therapeutischer Berufserfahrung: heilendes und aufreibendes Engagement.

Wie erleben Psychotherapeuten ihre Arbeit? Welche berufliche Entwicklung durchlaufen sie? Diesen und anderen Fragen geht seit 1989 eine internationale Psychotherapeutengruppe in der Society for Therapy Research nach. Mittlerweile hat die Gruppe mehr als 7 000 Therapeuten, Analytiker und Berater aus 24 Ländern zu ihren beruflichen und persönlichen Erfahrungen interviewt.
Die Wissenschaftler ermittelten zwei Dimensionen therapeutischer Berufserfahrung: heilendes und aufreibendes Engagement. Das heilende Engagement umfasst Kompetenzen und Fähigkeiten, minimale Schwierigkeiten, konstruktive Coping-Strategien, ein persönliches Interesse an der therapeutischen Beziehung, Flow-Erfahrungen in den Sitzungen sowie ein Gefühl therapeutischer Effektivität. Das aufreibende Engagement geht einher mit vielfachen Schwierigkeiten in der Praxis, defensiven und unkonstruktiven Coping-Strategien sowie Ängsten und Langweile in den Sitzungen. Ungefähr 50 Prozent der Therapeuten berichteten von viel heilendem und wenig aufreibendem Engagement. Sie erlebten ihr Arbeitsleben als effektiv. 23 Prozent gaben viel heilendes, aber auch relativ viel aufreibendes Engagement an, was zu hoher Beanspruchung führte. 17 Prozent erlebten wenig heilendes und wenig aufreibendes Engagement. Zehn Prozent wurden durch ihren Beruf ständig aufgerieben und erlebten nicht viel heilendes Engagement.
Ein Vergleich der Altersgruppen zeigte, dass vorwiegend die berufserfahrenen Therapeuten heilendes Engagement erleben, wohingegen die Berufsanfänger häufiger von aufreibendem Engagement berichteten. „Der Arbeitsstress war besonders bei solchen Therapeuten hoch, die wenig Unterstützung und Befriedigung durch ihre Arbeit erfuhren, die keine private Praxis hatten und die aufgrund negativer Erfahrungen demoralisiert waren.“
Eine Analyse der beruflichen Entwicklung ergab ebenfalls zwei Dimensionen: aktuell erlebtes Wachstum und Erschöpfung. Mit dem aktuell erlebten Wachstum sind Gefühle von aktiver Veränderung und Verbesserung, ein sich vertiefendes Verständnis des therapeutischen Prozesses, verbesserte Fertigkeiten, Begeisterung für die Praxis und das Gefühl, frühere eigene Grenzen als Therapeut zu überwinden, verbunden. Aktuell erlebtes Wachstum wirkt motivierend, stärkt die Arbeitsmoral und befähigt Therapeuten, trotz der Belastungen der beruflichen Praxis weiterhin produktiv mit Patienten zu arbeiten. Mit aktuell erlebter Erschöpfung gehen hingegen Gefühle von schwindenden Kompetenzen, die Abnahme empathischer Empfänglichkeit, eine vorwiegend formale Abwicklung der Praxis sowie wachsende Zweifel über die Effektivität von Therapie einher. Solche Gefühle wirken demoralisierend und untergraben die Fähigkeit des Therapeuten, sich positiv auf Patienten einzulassen. Sie können bis hin zum Burn-out des Therapeuten und zur Schädigung der Patienten führen. Wenn aktuell erlebtes Wachstum vorherrschte, hatten die Therapeuten ein Gesamtgefühl von Fortschritt, während aktuell erlebte Erschöpfung ein Gesamtgefühl des Rückschritts hervorrief. Waren sowohl Wachstum als auch Erschöpfung ausgeprägt, so erlebten die Therapeuten dies als verwirrend, wohingegen sie geringes Wachstum bei gleichzeitig geringer Erschöpfung als Stagnation wahrnahmen.
Die berufliche Entwicklung wurde nach Meinung der Therapeuten stärker von der Breite und Tiefe der Fallerfahrungen über verschiedene Behandlungsmodalitäten hinweg beeinflusst als von der bloßen Dauer der klinischen Praxis. Den größten Einfluss auf die berufliche Entwicklung der Therapeuten hatte Supervision, gefolgt vom Lernen durch die Arbeit mit den Patienten. Nicht nur die Berufsanfänger nannten Supervision als wichtigsten positiven Impuls, sondern auch die etablierten Psychotherapeuten. Der Stellenwert der Supervision zeigte sich auch darin, dass sich 56 Prozent der Psychotherapeuten, die zwischen sieben und 15 Jahren praktizierten, und 42 Prozent der Psychotherapeuten mit bis zu 25 Jahren Berufserfahrungen zum Zeitpunkt der Befragungen in Supervision befanden. n
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

LITERATUR
1. Orlinsky DE, Rønnestad MH: How psychotherapists develop: A study of therapeutic work and professional
development. Washington DC: American Psychological Association 2005.
2. Rønnestad MH, Orlinsky DE: Therapeutic work and Professional development: Main Undings and practical implications of a long-term international study. Psychotherapy Bulletin 2005; 40 (2): 27–31.
3. Rønnestad MH, Orlinsky DE: Therapeutische Arbeit und berufliche Entwicklung. Implikationen einer internationalen Langzeitstudie. Psychotherapeut 2006; 51 (4): 271–5.

Kontakt:
Prof. Dr. Michael Helge Rønnestad, Psychologische Institute, Universität Oslo, 0317 Oslo, E-Mail: helge. ronnestad@psychologi.uio.no
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