ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Psychotherapie und Geschlechtsspezifische Aspekte: Theoretisches Desinteresse

WISSENSCHAFT

Psychotherapie und Geschlechtsspezifische Aspekte: Theoretisches Desinteresse

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 232

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Von Geschlechtssensibilität in der Psychotherapie können Patienten und Therapeuten gleichermaßen profitieren. Dennoch wird in Deutschland wenig zu dem Thema geforscht.

Das Geschlecht von Patienten und Psychotherapeuten beeinflusst zahlreiche Aspekte des Therapieprozesses. Dennoch spielt das Geschlecht im theoretischen Rahmen der meisten Psychotherapieschulen kaum eine Rolle. So formuliert die klassische psychoanalytische Theorie in ihren Anfängen zwar geschlechtsspezifische Annahmen, geht aber im Kern von einem Defizit weiblicher gegenüber männlicher Entwicklung aus. Das nicht vorhandene männliche Geschlechtsorgan wird als Mangel und körperliche Minderwertigkeit angesehen. Männliche Sexualität wird zur Norm und für beide Geschlechter für verbindlich erklärt, wohingegen weibliche Sexualität als weniger wertvoll konzipiert ist.
Diskussion bisher nur aus feministischer Perspektive
Diese abwertende Geschlechtsspezifität wurde von einer Reihe von Psychoanalytikerinnen wie Karen Horney, Melanie Klein und Margaret Mead revidiert und zugunsten einer differenzierteren und gleichwertigen Beschreibung männlicher und weiblicher Entwicklung überarbeitet, wozu auch die Neubewertung der Rolle der frühen Mutterbeziehung für beide Geschlechter gehört. Darüber hinaus gibt es in der psychoanalytischen Literatur eine intensive Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen. Diese Diskussionen wurden jedoch vor allem aus feministischer Perspektive geführt. Erst seit einigen Jahren werden in der Literatur auch einige wenige explizit männliche Themen aufgegriffen.
Auch in der Verhaltenstherapie wird die Diskussion um den Einfluss des Geschlechts – wenn überhaupt – nur am Rande geführt. Die Geschlechterfrage wird kaum berücksichtigt, und es gibt auch keine Erörterung eines geschlechtssensiblen Vorgehens. Die Gründe für diese Vernachlässigung sind nicht näher bekannt. Möglicherweise stand in der verhaltenstherapeutischen Diagnostik von Beginn an die individuelle Verhaltens- und Problemanalyse im Mittelpunkt, womit implizit auch geschlechtsspezifische Unterschiede erfasst wurden. „Die Verhaltenstherapie verfolgte bereits in ihren Anfängen einen emanzipatorischen Anspruch und vernachlässigte aus diesem Grund Unterschiede zwischen Männern und Frauen“, mutmaßen Prof. Dr. Dr. Almuth Sellschopp-Rüppell von der Poliklinik für Psychosomatische Medizin in München und die Psychotherapeutin Dr. Andrea Dinger-Broda, Dahn.
Kaum anders sieht es bei den humanistischen Ansätzen wie etwa bei der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers aus. Die humanistischen Ansätze richten sich mit ihren anthropologischen Grundannahmen am Individuum aus und sind daher von der Theoriebildung her geschlechterindifferent. Allerdings werden im konkreten psychotherapeutischen Prozess männliche und weibliche Einzelfälle berücksichtigt. In den Standardwerken ist dennoch keine Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Fragestellungen zu finden. Lediglich einige paar-, familien- und gruppenpsychotherapeutische Angebote haben störungsübergreifend männer- oder frauenspezifische Probleme oder Ziele zum Inhalt. Im Bereich familientherapeutischer Ansätze gibt es beispielsweise sehr differenziert ausgearbeitete Konzepte, die psychosoziale und gesellschaftspolitische Aspekte der Geschlechterfrage berücksichtigen. Im Vergleich zu feministischen Konzeptionen stehen Entwicklungen, die männerbezogene Themen formulieren, jedoch noch am Anfang.
Das theoretische Desinteresse an geschlechtsspezifischen Aspekten schlägt sich unter anderem in der Ausbildung und Supervision von Psychotherapeuten nieder. „Geschlechtsspezifische Fragen werden in der Ausbildung von Psychotherapeuten im deutschsprachigen Raum wenig bis gar nicht systematisch berücksichtigt“, bemängeln Dr. Matthias Backenstraß und Prof. Dr. med. Christoph Mundt von der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.
Eine weitere Folge des Desinteresses ist ein Mangel an Forschungsaktivitäten und empirischen Befunden. Dennoch gibt es mittlerweile einige Erkenntisse, die sich auf Geschlechterunterschiede beziehen:
- Geschlecht und Therapieerfolg: In den Publikationen der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts werden Therapeutinnen als geduldiger, sensibler, intuitiver und besser sozialisiert für heilende und helfende Berufe als ihre männlichen Kollegen dargestellt. Die Annahme, dass Frauen die besseren Therapeuten sind, muss angesichts neuerer Publikationen jedoch revidiert werden. Sie besagen, dass das Geschlecht des Therapeuten insgesamt nur eine geringe Bedeutung für den Therapieerfolg hat.
- Geschlechterpassung: In der Literatur wird mitunter die Meinung vertreten, dass die Geschlechterpassung zwischen Therapeut und Patient zu den erfolgreichsten Behandlungen führt. Insbesondere in Lebenssituationen, in denen es um geschlechtsspezifische Probleme geht, scheinen sich Patienten durch Therapeuten des gleichen Geschlechts besser verstanden zu fühlen. Vor allem ältere Studien bieten für die Überlegenheit der Geschlechterpassung eine empirische Basis. Neuere Untersuchungen bestätigen die Befunde hinsichtlich der Geschlechterpassung hingegen nicht.
- Geschlecht und Setting: Aktuelle Studien belegen, dass Frauen von einer Gruppenpsychotherapie generell besser profitieren als Männer. Reine Frauengruppen scheinen gegenüber gemischten Gruppen den Vorteil zu haben, dass Frauen sich untereinander sicherer fühlen. Zudem sind sie eher bereit, grundlegende frauenspezifische Einstellungen und Verhaltensmuster zu überdenken und Veränderungsprozesse einzuleiten. In gemischten Gruppen fühlen Frauen sich hingegen häufig den Männern unterlegen und an den Rand gedrängt. Sie nehmen sich zurück und orientieren sich stärker an den männlichen Mitgliedern. Bei einem einzeltherapeutischen Angebot profitieren männliche Patienten (zumindest kurzfristig) besser von einem deutenden Angebot, während weibliche Patienten bessere Ergebnisse bei einem stützenden Vorgehen erzielen.
Im deutschsprachigen Raum liegen einige Gruppenkonzepte vor, die speziell für Frauen entwickelt wurden. Diese wurden für bestimmte Störungsbilder wie beispielsweise Essstörungen konzipiert oder richten sich an Frauen mit traumatischen Erlebnissen nach sexueller oder physischer Gewalt. Spezielle störungsspezifische Gruppenangebote für Männer gibt es bislang kaum. Die existierenden Angebote sind am ehesten im Bereich delinquenten Verhaltens zu finden, etwa im Rahmen der Behandlung von Sexualstraftätern, Gefängnisinsassen und dissozialer Persönlichkeitsstörung.
Unterschiedliche
Therapieziele
In Bezug auf Geschlechterunterschiede sind noch viele Fragen offen. Wie Dinger-Broda in einer eigenen Untersuchung herausfand, differieren männliche und weibliche Patienten beispielsweise erheblich im Hinblick auf die Ziele einer Therapie. Die von Dinger-Broda befragten Patientinnen hatten vor allem Ziele, die ein besseres Zurechtkommen mit der eigenen Person beinhalteten. Die Frauen wünschten sich mehr Selbstbewusstsein, die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und die Kompetenz, Grenzen zu setzen. Für keine Frau bestand das oberste Ziel darin, die berufliche Situation zu klären, selbst wenn berufliche Konflikte vorlagen. Männer haben an eine Therapie hingegen häufig die Erwartung, dass berufliche Konfliktsituationen geklärt und der Umgang mit Konkurrenz und Leistungsdruck bearbeitet werden.
Von Geschlechtssensibilität in der Psychotherapie profitieren nicht nur Patienten, sondern auch Therapeuten. Der Einbezug des Geschlechts bietet neue Perspektiven und trägt zur beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung bei. Viele Probleme werden nur mit Blick auf die geschlechtsspezifische Lebenssituation und Sozialisation nachvollziehbar. Darüber hinaus wird die Reflexion des eigenen Vorbildverhaltens und des Einflusses eigener Normvorstellungen angeregt. Therapeuten, die sich des eigenen geschlechtsstereotypen Verhaltens bewusst sind, können sich auch darüber hinwegsetzen und sowohl männliche als auch weibliche Rollenideale übernehmen, was eine wichtige therapeutische Qualität darstellt.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Backenstraß M, Mundt C: Psychotherapie. In: Rohde A, Marneros A (Hrsg) : Geschlechtsspezifische Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart: Kohlhammer 2007: 392–404.
2. Ogrodnisczuk JS, Piper WE, Joyce AS: Differences in men’s and women’s responses to short-term group psychotherapy. Psychother Res 2004; 14: 231–43.
3. Sellschopp-Rüppell A, Dinger-Broda A: Geschlechtsspezifische Aspekte in der Psychotherapie. In: Senf W, Broda M (Hrsg): Praxis der Psychotherapie. Stuttgart: Thieme 2005: 114–9.
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