ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2007Documenta 12: Seismograf der zeitgenössischen Kunst

KULTUR

Documenta 12: Seismograf der zeitgenössischen Kunst

PP 6, Ausgabe Mai 2007, Seite 239

Jaeschke, Helmut

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Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, Multiple. Foto: Ricardo Basbaum
Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, Multiple. Foto: Ricardo Basbaum
Die Kasseler Ausstellungsreihe soll ein Fest fürs Auge und nicht ein Diskurs für Kunsthistoriker werden.

Wie immer, so wird auch vor dieser Documenta der Schleier, der über dem Programm und der Künstlerliste liegt, nur ganz zaghaft gelüftet, wohl um die Spannung nachhaltig zu steigern. Die in größeren Intervallen herausgegebenen Pressemitteilungen bleiben unverbindlich. So formulierte der künstlerische Leiter der zwölften Documenta, Roger M. Buergel, ein Jahr bevor die Ausstellung am 16. Juni in Kassel eröffnet wird, erste Ausblicke. Dabei teilte er unnötigerweise Seitenhiebe gegen alles aus, was nach Konkurrenz aussieht: „Wohl platziert zwischen den Stühlen der urkonservativen Blockbuster, des geistlosen Kunstmarkts und der schnell gestrickten Biennalen, versucht auch diese Documenta, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden: der glücklichen Verbindung von Anschauung und Intellekt.“
Dabei hat sich die Documenta doch in den 50 Jahren ihres Bestehens zu einem Selbstläufer entwickelt. Die Besucherzahlen steigen kontinuierlich. Ob Buergel diesem Trend entgegenwirken will und er eine sinnlichere Documenta präsentieren wird, bleibt abzuwarten. Weitere Formulierungen aus seinen Presseinformationen sprechen nicht unbedingt dafür: „Die Kunst wird sich auf der Documenta 12 entlang der Berührungspunkte lokaler Bezüge und translokaler Zusammenhänge präsentieren: die Ausstellung zeigt die Migration von Formen.“
Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, Auszubildende mit Objekten, Kassel, 2006. Foto: 2006 documenta, Museum Fridericianum
Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, Auszubildende mit Objekten, Kassel, 2006. Foto: 2006 documenta, Museum Fridericianum
Was auch immer mit „Migration von Formen“ gemeint sein mag, zu hoffen bleibt, dass sich die „Migration“ zu den Formulierungen und Formaten von Kassel lohnt und die Documenta 12 ein Fest fürs Auge und nicht nur ein Diskurs für Kunsthistoriker wird. In einer Pressemitteilung vom 18. September 2006 hat Buergel dann an einer Arbeit von Ricardo Basbaum präzisiert, was er mit der kryptischen Formulierung der „Migration von Formen“ gemeint haben könnte:
„Mit ihrem Stapellauf in einer Kasseler Lehrlingswerkstatt nahm die erste Arbeit für die Documenta 12, die soziale Skulptur ,Would you like to participate in an artistic experience?‘ des brasilianischen Künstlers Ricardo Basbaum, ihren Anfang. Ab nun migrieren insgesamt 20 Stahlobjekte durch Haushalte und Treffpunkte auf drei Kontinenten, durch Städte wie Kassel, Ljubljana, Mexiko-Stadt oder Dakar. Werden von ihren temporären Besitzern verändert und verändern sich selbst.“
Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, participation of Marcia Prezzoti, Vitoria, 1995. Foto: Ricardo Basbaum and participants
Ricardo Basbaum: Would you like to participate in an artistic experience?, participation of Marcia Prezzoti, Vitoria, 1995. Foto: Ricardo Basbaum and participants
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Mit der Arbeit von Basbaum soll offensichtlich die von Beuys stammende Idee der „sozialen Plastik“ reanimiert werden, nach dem Motto: Jeder ist ein Künstler. Doch wen kann es interessieren, womit die Hausfrau Y oder der Professor Z die wannenartige Hohlform ihres Stahlobjekts in kreativem Eifer ausfüllen? Nach allgemeinem Konsens soll auf der aktuellen Documenta jeweils das gezeigt werden, was an Neuem in den fünf Jahren seit der vergangenen Documenta die Kunstszene bewegt hat. Die Presseinformation zur Ausstellung formuliert es sehr präzise: „Die Documenta ist zu einem weltweit verbindlichen Seismografen der zeitgenössischen Kunst avanciert: Bei der Documenta zeigt es sich, ob es gelingt, die Welt in Bilder zu fassen, und ob diese Bilder für ihr Publikum Gültigkeit haben“. Die Arbeit von Ricardo Basbaum wird diesem Anspruch sicher nicht gerecht. Aber, wie man hört, sind inzwischen hundert Künstler für die Documenta 12 nominiert worden, und man darf weiterhin gespannt bleiben.
Dr. med. Helmut Jaeschke

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