ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Von schräg unten: Früher

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Früher

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): [96]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Früher war alles schlechter, so lautet das Credo aller alten Säcke, zu denen ich mich angesichts meiner gefühlten hundert Jahre im Dienst des deutschen Gesundheitswesens bereits zählen darf. Dahinter steckt neben einer gehörigen Überdosis Selbstmitleid auch der Appell an die Jugend, konzentriert und jammerfrei für meine Rente zu schuften, schließlich hat man früher viel schlimmere Nebenwirkungen der ärztlichen Berufsausübung durchgemacht als heute. Die Jugend mag einem das nicht glauben, daher ist es umso schöner, wenn man jemanden trifft, mit dem man über die schlechten alten Zeiten schwadronieren kann.
„Kannst Du Dich noch dran erinnern, wie wir zwei Nachtdienste hintereinander geschoben haben? Mensch, am Ende konnte ich im Stehen einschlafen! Sogar die Atempause bei der Reanimation hat man für ein Nickerchen genutzt!“ Jaaa, das waren Zeiten! Kaffee ‘reinstürzen hatte gar keinen Zweck mehr, so abgenudelt waren die Rezeptoren. Da musste man sich schon die Paddels vom Defi zwischen die Ohren klemmen, um wach zu bleiben. „Stundenlang stand man danach noch im OP und hielt sich an den Haken fest, was ein Glück, dass die Pfleger die Patienten so ordentlich festzurrten auf dem OP-Tisch, sonst wären wir allesamt auf den Boden gerutscht!“ Jaaa, wenn ich vorher vergessen hatte, noch das WC heimzusuchen, hatte ich spätestens nach vier Stunden mit einer Hydronephrose zu kämpfen . . . dann bekam das Wort „Blasensprung“ für mich eine ganz andere Bedeutung . . . „Da war man 52 Stunden am Stück im Dienst, und dann kam der Alte vorbei und wollte noch Privatvisite machen!“ Ich kann mich genau erinnern, die Buchstaben tanzten Torsade de pointes vor der umnachteten Pupille – ganz gruselig war das. Der Unterschied zwischen Analgesie und Analfissur war dann auch nicht mehr völlig klar. „Als man den Alten dann darauf hinwies, dass man eigentlich reanimationspflichtig sei und keine allgemeine Betriebserlaubnis mehr für seine Visite habe, meinte der nur: ,Schön, ich habe noch 50 Bewerbungen auf dem Tisch, wenn Sie müde sind, können Sie sich gerne ausruhen!‘“ Jaaa, und dann quetschte man das letzte bisschen Stresshormon aus seinem Nebennierenmark und wackelte über Station, irgendwo zwischen Narkolepsie und Ataxie, ja, das waren Zeiten . . . Aber die Jugend von heute, die hat es viel besser, es gibt keine Chefärzte mehr, die 50 Bewerbungen auf dem Tisch haben. „Du, das meinst Du aber nur. Die Kollegen in den Krankenhäusern arbeiten immer noch 35 Stunden am Stück, hab’ ich gehört. Jeden LKW-Fahrer hätten sie längst verknackt.“
Oje! Trotz Ärztestreik immer noch keine besseren Zeiten. Wir schauen uns an und meinen ganz leise: besser nicht krank werden. Nicht in unserem Krankheitssystem.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema