ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Rabattverträge für Arzneimittel: Weitere Präparategruppen im Visier

POLITIK

Rabattverträge für Arzneimittel: Weitere Präparategruppen im Visier

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): A-1276 / B-1136 / C-1088

Korzilius, Heike

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Unmut bei den Apothekern: Die Lieferschwierigkeiten einiger Vertragspartner der AOK erschweren die Versorgung der Patienten. Foto: Caro
Unmut bei den Apothekern: Die Lieferschwierigkeiten einiger Vertragspartner der AOK erschweren die Versorgung der Patienten. Foto: Caro
Bislang haben die Krankenkassen ausschließlich mit Herstellern von Generika Preisnachlässe vereinbart. Doch als die wahren Preistreiber gelten vielen patentgeschützte Analogpräparate mit hohem Preis und geringem Zusatznutzen.

Das Rabattvertragsgeschäft kommt in Schwung. Inzwischen haben die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) mit elf Pharmaunternehmen Preisnachlässe für 43 Wirkstoffe vereinbart. Der Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V. (VdAK) hat Zielpreise für neun Wirkstoffe festgelegt, an die sich 26 Hersteller binden. Sieben Mitgliedskassen des VdAK beteiligen sich an diesem Vertrag sowie an einem Einzelvertrag mit dem isländischen Generikahersteller Actavis, der annähernd die gesamte Produktpalette des Unternehmens umfasst. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Rabattverträge zwischen einzelnen Krankenkassen und Pharmafirmen. Dabei mangelt es bei den Beteiligten nicht an Skepsis und Kritik, wie das inzwischen 4. Colloquium zum Thema zeigte, das der Deutsche Generikaverband am 2. Mai in Berlin veranstaltete.
Besonders groß ist zurzeit der Unmut bei den Apothekern. Sie sind seit Inkrafttreten des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes am 1. April verpflichtet, im Rahmen der Aut-idem-Regelung rabattierte Arzneimittel abzugeben. Für Chaos in den Apotheken sorgt nach Angaben von Friedemann Schmidt die Vertragspolitik der AOK. Deren Partner sind überwiegend Generikafirmen, die bislang auf dem deutschen Markt keine bedeutende Rolle gespielt haben. „Unsere Prognose, dass es aufgrund des geringen Marktanteils dieser Firmen zu Lieferschwierigkeiten kommen wird, ist eingetreten“, kritisierte der Präsident der sächsischen Landesapothekerkammer. Er rechne damit, dass diese Lieferschwierigkeiten noch Monate andauern – mit allen negativen Folgen für die Patienten. Weil die Abgabeverpflichtung und das Aut-idem-Verfahren streng geregelt seien, müssten diese im Zweifel ohne ein Medikament die Apotheke verlassen. Ein Ausweg, so Schmidt, wären flexible Zielpreisvereinbarungen zwischen Apothekerverbänden, Herstellern und Krankenkassen. Sie könnten das Marktgeschehen besser abbilden als die starren zweiseitigen Rabattverträge. Die Apotheker garantierten dabei, dass innerhalb einer Gruppe wirkstoffgleicher Arzneimittel der von den Vertragsparteien vereinbarte Zielpreis eingehalten werde, indem sie bewusst preisgünstige Medikamente substituierten. „Der Apotheker kann dann wieder patientenindividuell Arzneimittel abgeben“, sagte Schmidt. Ein erstes Modellprojekt soll in Rheinland-Pfalz erprobt werden.
Dass sich auch die Ärzte mit erweiterten Substitutionsmöglichkeiten der Apotheker anfreunden könnten, signalisierte Dr. med. Leonhard Hansen. Solange die Rabattverträge noch nicht systematisch in der Praxissoftware verankert seien, rät der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein den Kollegen: „Preisgünstige Arzneimittel oder Wirkstoffe verordnen und aut idem zulassen.“ Nur dann sei gewährleistet, dass die individuellen Preisnachlässe nicht zu noch mehr Bürokratie in den Arztpraxen führten.
Das Hauptproblem liegt für Hansen jedoch darin, dass sich bei den klassischen Nachahmerpräparaten nur begrenzte Einspareffekte erzielen ließen. „Sich einseitig auf die preiswerten Generika zu konzentrieren, wird das Ausgabenproblem nicht langfristig lösen“, so der KV-Vorsitzende. Die steigenden Ausgaben bei den Arzneimitteln seien vielmehr denjenigen patentgeschützten Präparaten zuzuschreiben, deren Zusatznutzen äußerst zweifelhaft sei und der in keinem Verhältnis zum erhöhten Preis stehe. Hansen plädiert deshalb dafür, den sogenannten Analogpräparatemarkt in die Rabattverträge einzubeziehen. Unterstützung erhält er dabei von Birger Rostalski, Referatsleiter in der Abteilung Vertrags- und Versorgungsmanagement beim VdAK. „Die Einsparungen von schätzungsweise 30 Millionen Euro durch unsere Rabattverträge nehmen wir gerne mit. Sie kompensieren aber nicht die Preissteigerungen in anderen Marktsegmenten“, betonte der Kassenvertreter.
Hersteller beklagen
Wettbewerbsverzerrungen
Auch die Industrie – insbesondere die mittelständischen Generikaunternehmen – betrachten die derzeitige Entwicklung mit Sorge. Es fehlten bis heute jegliche gesetzlichen Vorgaben zur Ausgestaltung der Rabattverträge, kritisierte Dr. Dietmar Buchberger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Generikaverbandes. Die Ausschreibemodalitäten erfolgten nicht nach einheitlichen Kriterien, die Vergabekriterien seien völlig intransparent. Er forderte, die Kassen sollten sich auf einen gemeinsamen Kodex einigen, der Mindeststandards für wettbewerbskonforme Ausschreibungsverfahren und Rabattverträge festlege. Dumping-Strategien großer Hersteller zur Marktbereinigung müssten verhindert werden. Bereits jetzt vollziehe sich ein dramatischer Konzentrationsprozess auf dem deutschen Generikamarkt. Die drohende Oligopolbildung führe jedoch langfristig zu höheren Arzneimittelausgaben für alle Kassen.
Heike Korzilius
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