ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Pflege: Markt mit Zukunft

POLITIK

Pflege: Markt mit Zukunft

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): A-1286 / B-1143 / C-1095

Blöß, Timo

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LNSLNS Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Was die Pflegekassen belastet, könnte einer Studie zufolge über eine Millionen Jobs schaffen.

Kind, mach was mit Zukunft, geh in die Pflege“ – so oder so ähnlich könnten künftig die weisen Ratschläge besorgter Eltern klingen. Nicht nur, weil die „Alten“ in Sorge um die berufliche Zukunft ihrer Kinder sind. Sondern auch, weil sie wissen, dass auch sie eines Tages auf professionelle Pflege angewiesen sein werden. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird seriösen Prognosen zufolge bis zum Jahr 2020 um 50 Prozent zunehmen. Zugleich werden immer weniger Menschen ihre Angehörigen zu Hause pflegen, wie nun eine Studie im Auftrag der wirtschaftsliberalen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ergab.
Kinderlosigkeit und Singledasein würden dazu führen, dass auf jeden Pflegebedürftigen immer weniger Angehörige kämen, so Prof. Reinhold Schnabel von der Universität Duisburg-Essen. Er hat das Gutachten für die INSM erstellt und sagt: „Politik und Betroffene müssen sich deshalb darauf einstellen, dass die Pflege wesentlich stärker als bisher durch professionelle Pflegekräfte erfolgen wird.“ Die Ausgaben für professionelle Pflege würden in der Folge enorm zunehmen. Schnabel rechnet mit einem jährlichem Kostenanstieg von drei Prozent. Bis zum Jahr 2020 werde der Pflegemarkt auf 37 Milliarden Euro anwachsen. Im Jahr 2030 würden dort bereits 48 Milliarden Euro und 2050, so die Studie, rund 72 Milliarden Euro umgesetzt.
Während dies bei den Pflege- und vor allem bei den Finanzpolitikern der Großen Koalition die Haare ergrauen lässt, dürfte sich der flexible Nachwuchs in der beruflichen Orientierungsphase freuen. Arbeiten derzeit rund 545 000 Menschen im Pflegesektor, könnte deren Zahl bis 2030 auf mehr als eine Million ansteigen. „Der Pflegemarkt“, so Schnabel, „wird boomen.“
Finanzierungslücke wächst
Gleichzeitig werde die Pflegelücke, also die Differenz zwischen den notwendigen Ausgaben für die Pflege und den Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung, größer werden. Der Studie zufolge beträgt diese derzeit acht Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2030 werden die Ausgaben schätzungsweise auf 48 Milliarden Euro steigen. Davon werde die gesetzliche Pflegeversicherung aber nur etwa 32 Milliarden Euro übernehmen, so Schnabel. „Die Pflegelücke wird durch mehr private Selbstbeteiligung und die Kommunen, also durch Sozialhilfe, geschlossen werden müssen.“ Zugleich werde das Leistungsniveau der gesetzlichen Pflegeversicherung nur gehalten werden können, wenn die Beitragssätze auf drei bis 5,5 Prozent stiegen.
Um das zu vermeiden, sucht die Große Koalition angestrengt nach Reformwegen (DÄ, Heft 18/2007). Medienberichten zufolge wollen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nun anhand eines Gutachtens prüfen, inwieweit die diskutierten Reformoptionen mit der Verfassung vereinbar sind. Dabei soll vor allem analysiert werden, ob es zulässig ist, die privaten Pflegekassen an der Reform zu beteiligen. Die SPD will einen Risiko­struk­tur­aus­gleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung einführen. Einige Rechtsexperten halten Finanztransfers aus der privaten Pflegeversicherung jedoch für verfassungswidrig.
Timo Blöß
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