ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Arbeits- und Umweltmedizin – Rente mit 67 Jahren: Wie lange können wir gesund arbeiten?

MEDIZINREPORT

Arbeits- und Umweltmedizin – Rente mit 67 Jahren: Wie lange können wir gesund arbeiten?

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): A-1289 / B-1145 / C-1097

Kaulen, Hildegard

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin versteht sich als Seismograph für berufliche Veränderungen und kürt das Gesundheitsmanagement und die altersdifferenzierte Gestaltung der Arbeit zu Säulen bei der langfristigen Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit.

Das Thema lag in der Luft. Nur wenige Tage, nachdem die Große Koalition die schrittweise Anhebung des Rentenalters beschlossen hatte, diskutierte die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin auf ihrer 47. wissenschaftlichen Jahrestagung in Mainz über die gesundheitlichen Konsequenzen dieser Gesetzesinitiative: Sind wir überhaupt in der Lage, bis 67 Jahre gesund zu arbeiten? Das war die zentrale Frage für Vertreter aus den Bereichen Arbeitsmedizin, Politik und Wirtschaft. Um eine Antwort darauf zu finden, machten die Experten zunächst eine Bestandsaufnahme der aktuellen Belastungen in der Arbeitswelt, um dann aufzuzeigen, welche Aufgaben die Arbeitsmediziner künftig zu erfüllen hätten, um die Beschäftigungsfähigkeit der Bürger länger als bisher zu sichern.
Arbeitsorganisation und -anforderungen hätten sich verändert, sagte Prof. Dr. med. Stephan Letzel vom Institut für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin der Universität Mainz. Die Prozesse seien schneller und komplexer geworden, der Einzelne trage mehr Verantwortung. Seine psychomentale Belastung nehme zu, die körperliche ab. Auf diesen Strukturwandel müsse die Arbeitsmedizin reagieren, sagte Letzel. Für den Schutz vor toxischen Substanzen und physikalischen Gefährdungen am Arbeitsplatz seien inzwischen gute Lösungen gefunden, für die Probleme durch Arbeitsverdichtung, Dauerbelastung und Überforderung dagegen nicht. Psychosomatische Erkrankungen seien denn auch die zweithäufigste Ursache für eine Frühberentung.
Allerdings brächten immer mehr Menschen auch einen körperlichen Risikofaktor mit ins Berufsleben: Übergewicht. Die Adipositas erweise sich als zunehmend schwerer werdende Hypothek, so die Arbeitsmediziner.
Betriebliche Prävention schon
bei jungen Beschäftigten
Altersdifferenzierte Gestaltung der Arbeit, frühzeitige Prävention von Erkrankungen und aktive Förderung der Gesundheit: Nur so könne die Beschäftigungsfähigkeit der Bürger auch im höheren Lebensalter erhalten bleiben, so die Überzeugung von Dr. med. Wolfgang Panter, Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg. Panter ist Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V. Jeder Euro, der für solche die körperliche und seelische Gesundheit erhaltenden Maßnahmen ausgegeben werde, spare vier Euro bei den Krankenkassen. Nur wenn eine angemessene Balance gefunden sei zwischen persönlichen Fähigkeiten, beruflichen Belastungen und Gesunderhaltung, könnten Bürger lange arbeiten.
Deshalb wollen sich die Arbeitsmediziner künftig stärker als bisher dem Gesundheitsmanagement widmen: Das muss schon bei ganz jungen Beschäftigten anfangen, nicht erst im Alter von 55 Jahren. 13 Thesen zum Stand und Entwicklungsbedarf der betrieblichen Prävention und Gesund­heits­förder­ung in Deutschland hat die Fachgesellschaft vorgelegt. Darin fordern die Arbeitsmediziner auch die Politik auf, sich auf konkrete Ziele festzulegen, damit klar ist, in welche Richtung sich Prävention und Gesund­heits­förder­ung entwickeln sollten.
Wenn Menschen länger arbeiten sollten, müsse sich auch die Haltung zum Älterwerden in der breiten Bevölkerung verändern, so Prof. Dr. med. Klaus Scheuch, Leiter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität Dresden. Altern dürfe nicht länger als unaufhaltsamer Degenerationsprozess angesehen werden, der nicht zu gestalten sei (Defizitmodell). Die Arbeit selbst fördere auch die Gesundheit: Sie trainiere Alltagskompetenzen, verlangsame den Alterungsprozess, schaffe Anerkennung und stärke das Selbstvertrauen.
Dass man länger arbeiten kann als bei uns üblich, haben andere Länder bereits vorgemacht – ein Trend, dem man sich in Deutschland nicht verschließen könne, meint Prof. Dr. med. Thomas Kraus (Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität Aachen) in Mainz. So liege die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen in Deutschland bei knapp 40 Prozent, in Dänemark und den Vereinigten Staaten aber bei circa 60 Prozent. In vielen europäischen Ländern sei die Beschäftigungsquote der älteren Mitarbeiter in den letzten zehn Jahren um acht bis 16 Prozent gestiegen, in Deutschland lediglich um 1,8 Prozent (Tabelle). Diese erschreckend niedrige Beschäftigungsquote und der geringe Zuwachs spiegele die jahrzehntelang mit staatlichen Mitteln geförderte Frühverrentung wider, kritisierte Kraus. Zur Sicherung der langfristigen Beschäftigungsfähigkeit gehörte deshalb auch eine vernünftige Personalpolitik, die das Vertrauen in die Leistungskraft der älteren Arbeitnehmer stärke und nicht schwäche. Das Defizitmodell sei überholt.
Zwar könne die körperliche Leistungsfähigkeit im Alter abnehmen, was sich aber durch häufigere und längere Pausen kompensieren ließe. Zur Prävention somatischer Erkrankungen würden schon heute in den betriebsärztlichen Abteilungen mehr Check-ups gemacht als bei den niedergelassenen Ärzten. Bei der Audi AG, so Vorstandsmitglied Dr. Werner Widuckel, nähmen 95 Prozent der Beschäftigten an den im Vierjahresrhythmus angebotenen betriebsärztlichen Untersuchungen teil. Zum einen sparten sie die Praxisgebühr, zum anderen träfen sie auf einen Arzt, der Zeit für ein längeres Gespräch hat. Widuckel beurteilt die hohe Teilnehmerquote grundsätzlich positiv, sieht aber die Gefahr, dass Unternehmen dadurch Defizite im Gesundheitswesen ausgleichen. Ein wichtiger Teil der Gesund­heits­förder­ung gehe nicht zulasten der gesetzlichen Krankenkassen, sondern der Betriebe. Die chronischen Krankheiten sind der Grund für den höheren Krankenstand der älteren Arbeitnehmer. Allerdings sind die über 50-Jährigen nicht häufiger, sondern länger krank (Grafik).
Reaktionsfähigkeit und Flexibilität nähmen mit den Jahren ab, sagte Kraus. Diese altersgemäßen Veränderungen könnten aber durch einen anderen Zuschnitt der Arbeit kompensiert werden. Besonnenheit, Urteilskraft, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Qualitätsbewusstsein, betriebsspezifisches Wissen und Loyalität nähmen dagegen zu und würden in
den Unternehmen geschätzt. Intelligenz, zielorientiertes Denken, Systemdenken, Kreativität, Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeiten blieben auch im höheren Lebensalter erhalten. „Deshalb sollte es keine Reservate oder Schonarbeitsplätze für ältere Arbeitnehmer geben, sondern eine altersentsprechende Differenzierung der Arbeit“, sagte Kraus. So gelte es, ältere Arbeitnehmer gezielt in Projekte einzubinden, in denen ihre Stärken zum Tragen kommen und ihre Schwächen kompensiert werden. Die Arbeitsmedizin könne dazu Modellprojekte entwickeln.
Wie wichtig die individuelle Betrachtung der Verhältnisse ist, machte Kraus am sogenannten Work-Ability-Index, den Arbeitsfähigkeits- oder Arbeitsbewältigungsindex, deutlich. Dieser Wert wird per Fragebogen erhoben und spiegelt die persönliche Einschätzung des Arbeitsnehmers zu seinen Fähigkeiten, seiner Gesundheit und seinen mentalen Ressourcen wider. Der Work-Ability-Index geht mit dem Alter zurück, allerdings bei jedem Menschen in unterschiedlichem Maße.
Haben Politik und Arbeitsmedizin den demografischen Wandel verschlafen?, war eine provokante Frage in der Diskussion. Eindeutig nein, antwortete für die Politik Dr. Richard Auernheimer, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen des Landes Rheinland-Pfalz. Die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre sei ein Schritt in die richtige Richtung. Er räumte allerdings ein, dass etwas für die Sicherung der langfristigen Beschäftigungsfähigkeit getan und mit allen Beteiligten über neue Lebensarbeitszeitmodelle nachgedacht werden müsse.
Demografischen Wandel
verschlafen
Die Sicht der Arbeitsmediziner war anders. Klaus Scheuch meinte, die wissenschaftliche Arbeitsmedizin habe den demografischen Wandel sehr wohl verschlafen. So beginne sie sich erst allmählich mit der dringend notwendigen Individualisierung der Arbeitszeitgestaltung auseinanderzusetzen. Daher gebe es bislang auch keine validen Methoden, um die Arbeitsfähigkeit aus medizinischer Sicht zu beurteilen. Ohne eine vernünftige Diagnostik könne aber keine sinnvolle Altersdifferenzierung der Arbeit erfolgen.
Manchmal gibt es gar keine Arbeitsmediziner – ein Problem vor allem in Klein- und Kleinstbetrieben und weniger in großen und mittleren Unternehmen. Dabei habe, wie Panter betonte, jeder Arbeitnehmer das Recht auf arbeitsmedizinische Beratung. Eine Antwort auf die Frage, wie die Arbeitnehmer kleinerer Betriebe künftig besser zu ihrem Recht kommen könnten, mussten die Protagonisten schuldig bleiben.
Dr. rer. nat. Hildegard Kaulen

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