ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Allgemeinmedizinische Aspekte der Therapie mit Antipsychotika der zweiten Generation: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Allgemeinmedizinische Aspekte der Therapie mit Antipsychotika der zweiten Generation: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): A-1323 / B-1176 / C-1127

Agelink, Marcus W.

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LNSLNS Der einer möglichen Neuroleptika-assoziierten Thrombophilie zugrunde liegende Pathomechanismus ist nicht geklärt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der durch Neuroleptika induzierten Prolaktin(PRL)-Erhöhung und dem Auftreten venöser Thromboembolien in der Folge einer vermehrten P-Selektin-Expression der Thrombozyten ist allerdings fraglich. So fanden Wallaschofski und Mitarbeiter in ihren Arbeiten eine lineare Korrelation zwischen der PRL-Serumkonzentration und der P-Selektin-Expression der Thrombozyten. Hohe PRL-Serumkonzentrationen – und folglich eine vermehrte P-Selektin-Expression – wären theoretisch zu erwarten unter Therapie mit hohen Dosen von Antipsychotika mit starker D2-Rezeptoraffinität, zum Beispiel unter hohen Dosen hochpotenter, klassischer Neuroleptika. Der Nachweis eines Anstiegs der P-Selektin-Expression ist jedoch nicht in jedem Fall gleichbedeutend mit einer Thrombozytenaktivierung. So demonstrierte eine große Fall-Kontroll-Studie ein höheres Risiko für venöse Thromboembolien unter Therapie mit niederpotenten im Vergleich zu hochpotenten Antipsychotika. Auch bestand das Risiko für Thromboembolien offenbar unabhängig von der Dosis der Antipsychotika (1). Clozapin hat kaum nennenswerte Effekte auf die PRL-Konzentration. Dennoch scheint das Risiko für venöse Thromboembolien unter Clozapin im Vergleich zu anderen atypischen Antipsychotika höher zu sein (2). Der Zusammenhang zwischen Schizophrenie, PRL und Antipsychotika ist äußerst komplex und bislang nicht hinlänglich geklärt. Für die durch Neuroleptika induzierte PRL-Erhöhung scheinen nicht nur Unterschiede zwischen den verschiedenen Atypika von Bedeutung (2), sondern möglicherweise auch Geschlechtsunterschiede (3). Schließlich zeigten etwa 25 Prozent der antipsychotisch unbehandelten Patienten mit Erstmanifestation einer Schizophrenie pathologisch erhöhte PRL-Konzentrationen (4). Interessant in diesem Zusammenhang ist, das die Mehrheit schizophrener Patienten starke Raucher sind und das Nikotin nicht nur die Thrombozytenaggregation stimuliert, sondern in Tierversuchen auch die Freisetzung von PRL-releasing-Peptid in zentralen Neuronen des Nucleus tractus solitarii zu induzieren vermag (5). Demnach ist das Rauchen möglicherweise ein wichtiger Faktor in der Physiologie der PRL-Freisetzung.


Für die Verfasser
PD Dr. med. Marcus W. Agelink
Ruhr-Universität Bochum/Klinikum Herford
Schwarzenmoorstraße 70
32049 Herford

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Zornberg GL, Jick H: Antipsychotic drug use and risk of first-time idiopathic venous thromboembolism: a case-control study. Lancet 2000; 356: 1219–23. MEDLINE
2.
Liperoti R, Pedone C, Lapane KL, Mor V, Bernabei R, Gambassi G: Venous thromboembolism among elderly patients treated with atypical and conventional antipsychotic agents. Arch Intern Med 2005; 165: 2677–82. MEDLINE
3.
Aichhorn W, Whitworth AB, Weiss EM, Marksteiner J: Second generation antipsychotics: is there evidence for sex differences in pharmacokinetic and adverse effect profiles? Drug Saf 2006; 29: 587–98. MEDLINE
4.
Rechsteiner E, Bull N, Aston J, Riecher-Rössler A: Prolactin serum levels in individuals at risk for psychosis, first episode patients and depressive controls. Nervenarzt 2006; 77 (Suppl. 3): S152.
5.
Sun B, Nemoto H, Fujiwara K, Adachi S, Inoue K: Nicotine stimulates prolactin-releasing peptide (PrRP) cells and non-PrRP cells in the solitary nucleus. Regul Pept 2005; 126: 91–6. MEDLINE
1. Zornberg GL, Jick H: Antipsychotic drug use and risk of first-time idiopathic venous thromboembolism: a case-control study. Lancet 2000; 356: 1219–23. MEDLINE
2. Liperoti R, Pedone C, Lapane KL, Mor V, Bernabei R, Gambassi G: Venous thromboembolism among elderly patients treated with atypical and conventional antipsychotic agents. Arch Intern Med 2005; 165: 2677–82. MEDLINE
3. Aichhorn W, Whitworth AB, Weiss EM, Marksteiner J: Second generation antipsychotics: is there evidence for sex differences in pharmacokinetic and adverse effect profiles? Drug Saf 2006; 29: 587–98. MEDLINE
4. Rechsteiner E, Bull N, Aston J, Riecher-Rössler A: Prolactin serum levels in individuals at risk for psychosis, first episode patients and depressive controls. Nervenarzt 2006; 77 (Suppl. 3): S152.
5. Sun B, Nemoto H, Fujiwara K, Adachi S, Inoue K: Nicotine stimulates prolactin-releasing peptide (PrRP) cells and non-PrRP cells in the solitary nucleus. Regul Pept 2005; 126: 91–6. MEDLINE

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