ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2007Migranten: Kinder ohne Schulbildung

BILDUNG

Migranten: Kinder ohne Schulbildung

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): A-1333 / B-1189

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung haben in Deutschland wenig Chancen auf Billdung.

Deutschland läuft Gefahr, im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren: Ungefähr so fällt jährlich das Gesamturteil aus, wenn die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Studie „Bildung auf einen Blick“ vorstellt. Das war auch diesmal nicht an-ders. Bei der Untersuchung wurde Deutschland wiederum scharf kritisiert. Nur die Tschechische Republik, Österreich und die Türkei bildeten pro Jahrgang noch weniger Akademiker aus.
Doch es gibt auch junge Menschen in Deutschland, denen keinerlei Schulbildung zuteil wird. Kindern ohne Bleiberecht ist nämlich häufig jeglicher Schulbesuch verwehrt. Auf diese Problematik wiesen Politiker und Vertreter der Caritas auf einer Podiumsdiskussion im Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln hin. „In Deutschland leben mehr als 200 000 langjährig Geduldete mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus. Das ist menschlich unzumutbar und politisch nicht tragbar“, sagte der Präsident des Deutschen Caritasverbandes (DCV), Dr. theol. Peter Neher.
Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung hilft beispielsweise der Caritasverband Bonn. Schwerpunkt der Arbeit ist auch die Unterstützung bei Vermittlung von Kindern in Kindertagesstätten und Schulen, was sich häufig als schwierig erweist. „Ein besonderes Problem stellt dabei eine Übermittlungspflicht von Schulleitungen an die Ausländerbehörden dar, sobald ihnen bekannt geworden ist, dass Kinder und deren Eltern kein Aufenthaltsrecht haben“, heißt es in der jetzt veröffentlichten Schrift „Zum Umgang mit Menschen ohne Aufenthaltspapiere“ des Kirchenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Auch wenn die Erlasslage in den einzelnen Bundesländern an diesem Punkt differiert und eine allgemeine Rechtsauffassung dahin tendiert, dass in Kindergärten und Schulen der Aufenthaltsstatus der Kinder nicht erfragt werden müsse und keine Übermittlungspflicht bestehe, so stellt sich das Problem bei der Ersteinschulung in verschärfter Weise durch die Erhebung von Daten wie amtliches Gesundheits- und Schulreifezeugnis, Meldeadresse, Kranken- und Unfallversicherungsträger,“ schreibt die EKD. Eltern ohne Aufenthaltspapiere meldeten ihre Kinder deshalb nur selten in Kindergärten und Grundschulen an. Doch selbst wenn es den Kindern gelingen sollte, die Schule oder auch nur ein Schuljahr erfolgreich zu absolvieren, erhielten sie kein Abschlusszeugnis beziehungsweise keinen offiziellen Bildungsnachweis. Eine berufliche Ausbildung sei nahezu unmöglich. Maria Weber vom Caritasverband Bonn wünscht sich deshalb eine Regelung zugunsten der Kinder, die unabhängig vom Aufenthaltsstatus ein Recht auf Bildung haben sollten: „Die Kinder aus Ekuador, dem Kongo, Rumänien oder Aserbaidschan sind für ihre Situation überhaupt nicht verantwortlich. Wir dürfen ihnen die schulische Förderung nicht versagen.“
Der Deutsche Caritasverband fordert: „Auch für Menschen ohne Aufenthaltsrecht muss es Sicherheit und Schutz geben. Kinder müssen den Kindergarten und die Schule besuchen können, auch dann, wenn ihre Eltern illegal in Deutschland leben.“ Ein weiteres Problem, auf das in Köln hingewiesen wurde, sind die schlechten Sprachkenntnisse vieler Migranten. „Doch eine bessere Integration ist letztendlich nur über die Sprache möglich“, betonte der Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln, Dr. med. Frank Johannes Hensel. Nordrhein-Westfalen (NRW) hat sich dieses Problems bereits angenommen. NRW ist das erste Bundesland mit einem eigenen Integrationsministerium. Es wird außerdem starkes Gewicht auf Bildung gelegt. Dazu gehört eine verbindliche Sprachförderung für Kinder ab vier Jahren.
Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema