VARIA: Post scriptum

Der Heiligenfuß

Rehbein, Maja

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LNSLNS Dankbare Patienten haben zuweilen das Bedürfnis, ihrem Arzt ein kleines Präsent zu überreichen. Frau Dr. Naumann, eine junge Kollegin aus der Dermatologie, erhielt besonders häufig ein kleines Angebinde, meist in Form von Pralinen oder Kaffee, seltener einer Torte oder einem Buch. Dies sind natürlich keine besonders originellen Geschenke.
Einer von ihren Patienten, ein Stukkateur, der seit langem an Fußpilz gelitten hatte, wollte seiner Ärztin nach der Genesung ein besonders schönes Geschenk machen. Er erschien in der Sprechstunde mit einem großen, sorgsam in Zeitungspapier verpackten Gegenstand, stellte ihn vorsichtig auf Frau Dr. Naumanns Tisch und begann, das Papier abzuwickeln. Der Gegenstand entpuppte sich als ein etwa ein Meter großer, nackter Gipsfuß. "Aus dem Dom", erklärte der Patient eifrig. "Der rechte Fuß vom heiligen Petrus!" Frau Dr. Naumann rieb sich die Augen. Strahlend weiß, mit anatomisch gerechten Zehen, Ferse, Knöcheln und einem Teil der Wade ruhte der Heiligenfuß auf ihrem Schreibtisch und bedeckte ihn fast vollständig.
"Es ist ein Gipsmodell von einer der Figuren unter der Decke", erklärte der Stukkateur. "Wir brauchen es nicht mehr. Zu Hause habe ich schon den ganzen Keller voll mißglückter Heiligengipsfüße." Frau Dr. Naumann bemerkte, daß ihr der Mund offenstand. Sie schloß ihn, schwieg eine Weile und sagte dann überwältigt: "Aber das ist doch ein Meisterwerk. . ." "Nicht ganz", schränkte der Patient ein. "Der Fuß ist leider ein bißchen platt geraten." "Ach, das fällt doch gar nicht auf. Aber was soll ich damit machen?" "Behalten!" forderte der Patient. "Es ist ein Geschenk für Sie." Frau Naumann lachte und bedankte sich herzlich. Als sie mit dem Heiligenfuß unterm Arm nach Hause kam, staunte die Familie, und der Fuß erhielt vorübergehend einen Ehrenplatz auf der Anrichte. Aber nachdem ihn alle Bekannten gesehen und bewundert hatten, wurde er in den Keller geräumt, wo er einige Jahre ein unrühmliches Dasein fristete und viel Platz wegnahm.
Beim Aufräumen beschloß die Familie: Der Fuß muß weg! "Aber man kann doch so einen kostbaren Heiligenfuß nicht einfach auf den Müll werfen", jammerte Frau Naumann.
Glücklicherweise erhielt sie gerade noch rechtzeitig die Einladung zu einer Party bei einem neuen Bekannten, der ebenfalls Kollege war. Und so kam der platte Heiligenfuß letzten Endes in die bestmöglichen Hände: in die eines tüchtigen Orthopäden. Maja Rehbein
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