Supplement: PRAXiS

Gesundheitsinformationen im Internet: Sicherheitsnetz für Patienten

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): [4]

Kirschning, Silke

Foto: fotolia/Vasiliy Yakobchuk
Foto: fotolia/Vasiliy Yakobchuk
Die meisten Patienten, die Gesundheitsinformationen online abrufen, nutzen diese vor allem als zusätzliche Entscheidungshilfe im Behandlungsprozess.

Wer heute bei einer Suchmaschine „Prostatakrebs“ eingibt, erhält eine Liste von rund 766 000 Suchergebnissen. Aus dieser Informationsflut müssen Betroffene hilfreiche Internetangebote herausfiltern. Dies erfordert Kompetenzen und Erfahrung im Umgang mit dem Netz. Die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, ist dabei genauso gefragt wie ein kritisches Urteilsvermögen zur Einschätzung der Qualität der Informationen. Darüber hinaus kann die Nutzung des Internets auch Belastungen und Gefahren mit sich bringen. Eine Untersuchung an der Humboldt-Universität zu Berlin ging der Frage nach, ob gesundheitsbezogene Informationen aus dem Netz im Rahmen einer Brust- beziehungsweise Prostatakrebsbehandlung eine Entscheidungshilfe bei der Therapiewahl boten (1, 2). Befragt wurden 676 Personen: 370 Frauen mit Brustkrebs, 193 Männer mit Prostatakrebs und 113 Angehörige. Immerhin erlebten 46 Prozent der Erkrankten und 40 Prozent der Angehörigen das Internet als unterstützend. In erster Linie führten die Informationen bei den Erkrankten dazu, dass sie eine bereits gewählte Therapie fortsetzten. An zweiter Stelle gaben die Betroffenen an, Netzinformationen hätten ihnen die Sicherheit gegeben, eine weitere Therapie – nachfolgend oder parallel – zu beginnen. An dritter Stelle führten die Informationen dazu, dass eine ärztlich empfohlene Behandlung nicht begonnen wurde. Ein kleiner Teil gab an, eine Therapie abgebrochen und sich stattdessen für eine andere Therapie entschieden zu haben.
Bei den wenigsten Frauen und Männern haben die Internetinformationen zu einem vollständigen Abbruch der Behandlung geführt. Das Internet wird von Betroffenen eher als Sicherheitsnetz genutzt, als Werkzeug, mit dessen Hilfe man sich vergewissern kann, dass man die richtigen Schritte im Behandlungsprozess geht. Die ärztliche Befürchtung, dass durch die Internetnutzung die Non-Compliance von Patientinnen und Patienten
extrem zunehme, bestätigte sich nicht. Allerdings verändert die
Internetnutzung das traditionelle Arzt-Patient-Gespräch. Mehr als die Hälfte der befragten Erkrankten nutzt die erworbenen Kenntnisse im Arzt-Patient-Gespräch und wünscht sich in der Sprechstunde einen offenen Dialog (3).
Betroffene besprechen ihre Anliegen nicht nur in der Praxis, sondern vor allem auch mit nahen Angehörigen. Die Gespräche in der Familie und im Freundeskreis führen bei drei Vierteln der Befragten zur weiteren Informationssuche. Fast alle Betroffenen finden die gewünschten Informationen, allerdings ohne sich auf deren Qualität verlassen zu können. Knapp die Hälfte der Befragten fühlt sich durch die Vielzahl der Informationen überfordert. Viele kennen das Gefühl der Verunsicherung, wenn sich Inhalte widersprechen oder weil sie auf Informationen stoßen, die auf den ersten Blick passend erscheinen, die sich im Nachhinein jedoch als unzutreffend herausstellen.
Dieses Ergebnis gilt jedoch nicht nur für das Internet, sondern auch für andere Medien. Die US-Amerikanerin Angela Fagerlin und ihre Mitarbeiter (4) untersuchten die Nützlichkeit von Patienteninformationen bei Prostatakrebs. Sie prüften mehr als 500 Broschüren, Videos, CDs und Internetquellen unter drei Aspekten. Umfassende, unabhängige Patienteninformationen sollten erstens eine detaillierte Beschreibung jeder möglichen Behandlungsmethode beinhalten, zweitens die Auswirkungen der Behandlung auf die Psyche benennen und drittens über kurz- und langfristige Nebenwirkungen Auskunft geben. Das Resultat: Ein großer Teil der Patienteninformationen erfüllte diese Kriterien nicht. Deshalb fordern die Autoren eine neue Generation von Informationsmaterialien, die Patienten und Ärzte bei Behandlungsentscheidungen unterstützen.
Auch in Deutschland wird die Qualität von Gesundheitsinformationen im Internet diskutiert. Nur wenige medizinische Gesundheitsinformationen entsprechen bislang den Kriterien der Evidence based Medicine (5). Für viele Informationsanbieter ist es nicht selbstverständlich, vorhandene Werkzeuge zur Erhöhung der Seriosität und der Transparenz von Gesundheitsinformationen anzuwenden (6).
Hinzu kommt, dass vom Internet eher die gut ausgebildeten Patienten profitieren. Damit nicht analog zum Fernsehkonsum auch für die Internetnutzung gilt, dass die Klugen klüger und die Dummen dümmer werden, ist zu diskutieren, wie die Kompetenzen zur Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien gestärkt werden können. Zwar werden bereits Kurse zur Vermittlung entsprechender Techniken angeboten, doch reichen diese Angebote im Sinne einer unabhängigen, umfassenden und unterstützenden Aufklärung nicht aus. Die interdisziplinäre Entwicklung unabhängiger, an den medizinischen und psychosozialen Bedürfnissen Erkrankter ausgerichteter Informationen könnte für die Betroffenen mehr Sicherheit bringen und zur Selbstbestimmung von Patienten wesentlich beitragen. Aufgrund der interaktiven Möglichkeiten bietet das Internet die technische Basis für neue didaktische Konzepte, um die Patientensouveränität zu stärken. Silke Kirschning, Susanne Michel
Anschrift für die Verfasser:
Dr. phil. Silke Kirschning,
Gleimstraße 53, 10437 Berlin,
E-Mail: silke.kirschning@rz.hu-berlin.de
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1.
Kirschning S (2006): Krebskranke und ihre Angehörigen als Surfer im Internet – Auswirkungen auf die Kommunikation in der Arzt-Patient-Beziehung. In: Rothärmel S, Schmidt KW, Wolfslast G (Hrsg.): Familie versus Patientenautonomie? Zur Rolle der Familie bei Behandlungsentscheidungen. Tagungsband der Taunus-Winter-School 2005. Frankfurt/M.: Haag & Herchen: Arnoldshainer Texte, Band 138.
2.
Kirschning S, v. Kardorff E, Michel S, Merai K (2004): Krebserkrankung und Internet-Nutzung – Konzept und Verlauf einer Online-Befragung. In: Prävention und Rehabilitation 16; 4: 162–76.
3.
Kirschning S, Michel S, v Kardorff E (2004): Der online informierte Patient – Offener Dialog gesucht. In: Dtsch Arztebl 2004;101(46): A 3090–2. VOLLTEXT
4.
Fagerlin A et al. (2004): Patient Education Materials about the Treatment of Early-Stage Prostate Cancer: A Critical Review. In: Annals of Internal Medicine. Volume 140, Number 9: 721–8. MEDLINE
5.
Hitler B (2004): Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement. In: Bartsch HH, Weis J: Gemeinsame Entscheidungen in der Krebstherapie. Basel: Karger; 18–28.
6.
Kolip P, Buksch I et al. (2003): Hormon-therapie im Internet – Websites wider besseres Wissen. In: Gesundheit und Gesellschaft; 6(12): 34–5.
1. Kirschning S (2006): Krebskranke und ihre Angehörigen als Surfer im Internet – Auswirkungen auf die Kommunikation in der Arzt-Patient-Beziehung. In: Rothärmel S, Schmidt KW, Wolfslast G (Hrsg.): Familie versus Patientenautonomie? Zur Rolle der Familie bei Behandlungsentscheidungen. Tagungsband der Taunus-Winter-School 2005. Frankfurt/M.: Haag & Herchen: Arnoldshainer Texte, Band 138.
2. Kirschning S, v. Kardorff E, Michel S, Merai K (2004): Krebserkrankung und Internet-Nutzung – Konzept und Verlauf einer Online-Befragung. In: Prävention und Rehabilitation 16; 4: 162–76.
3. Kirschning S, Michel S, v Kardorff E (2004): Der online informierte Patient – Offener Dialog gesucht. In: Dtsch Arztebl 2004;101(46): A 3090–2. VOLLTEXT
4. Fagerlin A et al. (2004): Patient Education Materials about the Treatment of Early-Stage Prostate Cancer: A Critical Review. In: Annals of Internal Medicine. Volume 140, Number 9: 721–8. MEDLINE
5. Hitler B (2004): Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement. In: Bartsch HH, Weis J: Gemeinsame Entscheidungen in der Krebstherapie. Basel: Karger; 18–28.
6. Kolip P, Buksch I et al. (2003): Hormon-therapie im Internet – Websites wider besseres Wissen. In: Gesundheit und Gesellschaft; 6(12): 34–5.

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