ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 2/2007Telematikplattform Sicherer Umgang mit Patientendaten

SUPPLEMENT: PRAXiS

Telematikplattform Sicherer Umgang mit Patientendaten

Dtsch Arztebl 2007; 104(19): [8]

Köster, Claus

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LNSLNS Möglichkeiten telematischer Anwendungen und Mehrwertdienste auf der Basis des „Gesundheitstresors“ als modulare Komponenten einer Telematikplattform

Seit 1997 hat sich in der Region Rhein-Neckar eine Initiative mit der Vernetzung im Gesundheitswesen beschäftigt (1). Hieraus entwickelte sich das Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck mit vielfältigen Projekten im Rahmen der vernetzten medizinischen Versorgung und Telemedizin (2), und es entstand ein großes teleradiologisches Netzwerk. In jährlichen Kongressen und Workshops werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen präsentiert und Zukunftsperspektiven im Gesundheitswesen aufgezeigt. Eine Umfrage unter niedergelassenen Ärzten, Apothekern und weiteren Akteuren im Gesundheitswesen ergab zudem, dass ein großes Interesse an sicherem Datentransport und sicherer Speicherung von sensiblen Patientendaten besteht.
Vor diesem Hintergrund wurde die Lösungsarchitektur „Gesundheitstresor“ konzipiert und umgesetzt, und zwar als Integrationsframework und Open-Source-Toolbox für sichere medizinische Anwendungen, die vor allem Mehrwertdienste und Anforderungen im Rahmen der künftigen Telematikplattform unterstützen sollen (Abbildung 1) (3).
Anwendungen, die mit Komponenten des Gesundheitstresors realisiert werden, bestehen vereinfacht dargestellt aus drei „Kernschichten“ (Abbildung 2):
1. Kommunikationsschicht
2. Arbeitsschicht
3. Speicherschicht.
Für jede Schicht sind eigene
Server- und Softwaresysteme zuständig. So wurde für die Kommunikationsschicht ein sogenannter DKON, ein spezieller Datenkonverter, als Kommunikationssystem entwickelt. Dieser Konverter kann mit weiteren DKONs und den anderen Schichten im Gesundheitstresor, zum Beispiel über das Internet, sicher Daten transferieren. Zusätzlich wird ein Authentifizierungsserver genutzt, der dem DKON mitteilt, ob der kommunizierende Partner auch der autorisierte Partner ist. Hierbei werden Authentisierungslösungen verschiedener Anbieter mittels eToken-/One-Time-Passwort und Smartcard (medisign) eingesetzt. Die Arbeitsschicht wickelt die eigentliche Anwendung ab, und die Speicherschicht übernimmt die Speicherung und Archivierung der Daten.
Teleradiologie
In der Region Rhein-Neckar hat man bereits länderübergreifend (Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz) langjährige Erfahrungen in der Telemedizin, speziell der Teleradiologie, gesammelt, unter anderem durch wissenschaftliche und praktische Arbeiten des Instituts für Klinische Radiologie der Universitätsklinik Mannheim und des Gesundheitsnetzes Rhein-Neckar-Dreieck.
Zu den wesentlichen Vorteilen der Teleradiologie zählen:
-die beschleunigte Versorgung von Patienten in Notfallsituationen (zum Beispiel neurochirurgische Konsultation nach CT bei Schädel-Hirn-Trauma),
-organisatorische Verbesserungen (Planung von Verlegungen und des Therapieregimes, OP-Bereitstellung, Einsparung von Warte- und Fahrzeiten bei Hintergrunddienst),
-die erhöhte Qualität durch Expertenkonsultation bei unklaren Befunden.
Die Universitätskliniken Mannheim und Heidelberg sowie das Städtische Klinikum Karlsruhe haben im Rahmen dieses Teleradiologieprojekts eine Infrastruktur geschaffen, um eine schnelle, sichere und zuverlässige teleradiologische Anbindung von unfallchirurgischen und neurochirurgischen Zentren sowie von Schlaganfallstationen der Region zu ermöglichen. Im weiteren Ausbau ist die Integration der Teleradiologie in regionale Projekte der Telemedizin (zum Beispiel Anbindung an eine elektronische Patienten- beziehungsweise Gesundheitsakte) geplant. Die einrichtungs- und sektorübergreifende regionale Konzeption entwickelt sich zur Grundlage einer landesweiten, teilweise auch länderübergreifenden Teleradiologie-Plattform.
Auf der Basis dieser Vorarbeiten und aufgrund von Erfahrungen aus nationalen und internationalen Expertengremien entstand ein innovatives Konzept, das vorhandene Kommunikationsstandards, Sicherheitsanforderungen und Kommunikationswege (bestehende Teleradiologieverbindungen, Internetanbindungen) berücksichtigt. Durch die intelligente Verknüpfung von Industriestandards wird eine hohe Kosten-Nutzen-Effizienz gewährleistet. Außerdem lassen sich dadurch auch überregionale Konzepte verwirklichen.
Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe @GIT der Deutschen Röntgengesellschaft wurde ein Kommunikationsprotokoll definiert und die Entwicklung eines „DICOM-E-Mail-Konverters“ in Auftrag gegeben, der das definierte Protokoll verwendet (4). Dieser Konverter wurde zu dem inzwischen vielfach verwendeten DKON weiterentwickelt.
Durch die Nutzung von Open-Source-Lösungen und standardisierter Technologien sind die Realisierung und der Betrieb von teleradiologischen Systemen kostengünstig, sicher und robust geworden. So kann man mittlerweile fast überall und dies auch weltweit – trotz komplexer und heterogener IT sowie verschiedener radiologischer Infrastrukturen unterschiedlicher Hersteller – eine teleradiologische Verbindung in wenigen Tagen herstellen. Durch eine doppelte Verschlüsselung ist die Übertragung der radiologischen Bilder über das Internet möglich. Die teleradiologischen Strecken mittels der Datenkonverter und deren Überwachungssysteme eignen sich vor allem für die Erst- beziehungsweise Notfallbefundung nach der Deutschen Röntgenverordnung.
Der DKON wird ständig weiterentwickelt und versteht heute neben dem DICOM-E-Mail-Protokoll viele weitere Protokolle, darunter http, https, SMPT, webDAV, FTP, Telnet, DICOM und D2D. Da das System auch regelbasiert routen kann, ist es universell als telemedizinischer Kommunikationsserver einsetzbar.
Elektronische Gesundheitsakten
Die Architektur des Gesundheitstresors ermöglicht darüber hinaus die Realisierung von modularen und standardisierten Basiskomponenten einer elektronischen Gesundheitsakte. So wurde mit den Standardkomponenten der Plattform die Heidelberger Gesundheitsakte (HDGA) entwickelt. Sie bietet medizinische Sicherheit zu jeder Zeit und an jedem Ort weltweit und wendet sich vor allem an Führungskräfte, Manager und Gesundheitsbewusste, die häufig auf Reisen sind oder öfter den Wohnort wechseln. Die Gesundheitsakte wird seit einigen Jahren von einem Ärzteteam im Raum Heidelberg-Mannheim gesteuert und in der Qualität gesichert. Die HDGA verbindet medizinisches Know-how mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik. Der intuitiv verständliche Aufbau der Internetakte bietet eine praktikable Lösung für die langfristige Pflege wichtiger medizinischer Daten – von Laborwerten bis hin zu radiologischen Bildern. Der übersichtliche Aufbau der Akte ermöglicht es auch Ärzten im Ausland, im Behandlungsfall schnell auf wichtige Informationen zuzugreifen.
Mit der technischen Umsetzung des Konzepts auf Basis des Frameworks Gesundheitstresor ist es gelungen, eine einfache Handhabung durch den betreuenden Arzt unter Berücksichtigung der Datenschutzgesetze und der Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik zu verwirklichen (Abbildung 3).
Die wesentlichen Vorteile der Akte für ihren Inhaber:
-Prävention nach dem Stand der Wissenschaft mit Erinnerungsfunktion,
-lückenlose medizinische Dokumentation,
-medizinische Sicherheit und Betreuung weltweit (Hotline im Notfall, Zugriff auf die Akte mit lebenswichtigen Notfalldaten),
-mehr Sicherheit bei der Medikamentenverordnung,
-freie Arztwahl und Verringerung von Doppeluntersuchungen.
Für Unternehmen bietet die Heidelberger Gesundheitsakte ebenfalls Vorteile: Sie können ihre mobilen Mitarbeiter – vor allem bei Auslandseinsätzen – professionell medizinisch absichern. Außerdem kann die Akte dazu beitragen, die Gesundheit und damit die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter dauerhaft zu fördern.
Dokumentationsplattform
Ein drittes Anwendungsbeispiel zeigt, wie der Gesundheitstresor von Teilgemeinschaftspraxen für eine gemeinsame Dokumentation eingesetzt werden kann. Die rechtliche Situation der Teilgemeinschaftspraxen als eigenständige Institutionen bedingt die separate und gemeinsame kollegiale Befund- und Verlaufsdokumentation der dort behandelten Patienten. Vor allem innerhalb der Radiologie sind bei Patientenunterlagen verbindliche Aufbewahrungszeiten von 30 Jahren zu erücksichtigen (5). Für diese Anforderungen eignen sich insbesondere elektronische Gesundheits- beziehungsweise Krankenakten.
Im Auftrag eines Unternehmens für Präventionsmedizin wurde gemeinsam mit der PVS/Südwest eine global verfügbare elektronische Gesundheitsakte für gesundheitsbewusste Bürger in Verbindung mit einem Präventionsfahrplan definiert. Hierfür gibt es demnächst ein Zugangsportal für Teilgemeinschaftspraxen. Bei der Implementierung standen folgende Punkte im Vordergrund:
-Sicherheit, Übersichtlichkeit, einfache und intuitive Bedienung,
-Datenpflege durch behandelnde Ärzte oder ein medizinisches Behandlungszentrum,
-Möglichkeiten der Bilddokumentation und Archivierung, vor allem für die Radiologie, Sonographie und Verlaufsdokumentation bei ästhetischen Behandlungen,
-Dokumentationsmöglichkeiten insbesondere für IGeL-, Check-up- und Vorsorgeleistungen.
Da das System über das standardisierte Komponentensystem der Plattform entwickelt wurde, ist die Anpassung oder Ergänzung der Gesundheitsakte im Hinblick auf spezifische Anforderungen und das Layout anderer Systemhersteller, Ärztenetze und Gesundheitsdienstleister jederzeit möglich.
Die Daten der Gesundheitsakte werden in einem Hochsicherheitsrechenzentrum verwahrt. Datenpflege und -ansicht sind über einen Internetbrowser möglich. Die Daten werden verschlüsselt per nternet übermittelt. Der Zugang zur Akte erfolgt über einen elektronischen Schlüssel (Token). Die behandelnden/dokumentierenden Ärzte können über eine Signaturkarte (medisign) auf die Daten zugreifen. So bleiben die sensiblen personenbezogenen Informationen in einem geschützten Bereich und sind vor unbefugtem Zugriff sicher. Nur der berechtigte Besitzer kann die Ansicht der Daten erlauben und bei Bedarf diese kommunizieren. Die Möglichkeit der dauerhaften Archivierung der Datenbestände und die Kompatibilität mit der künftigen Telematikplattform sind dabei gewährleistet (6). Durch die modularen Standardkomponenten bleibt das System flexibel, kommunikations- und zukunftsfähig.
Resümee
Die Telemedizin ist längst keine Domäne der Wissenschaft und Innovatoren mehr. Sie ist insbesondere in der Radiologie „State of the Art“ und hat ihre rechtliche Legitimation unter anderem in der Röntgenverordnung. Telemedizin wird zunehmend zu einem wesentlichen Faktor für eine ökonomische Versorgung ländlicher Regionen und zu einem wichtigen Werkzeug für eine vernünftige und qualitativ hochwertige Arbeitsteilung, mit dem sich Personalengpässe überwinden und Hintergrunddienste optimieren lassen.
So hat sich auch der Nutzen des Gesundheitstresors für die Realisierung und den Betrieb spezifischer Gesundheitsakten im Auftrag von Ärztenetzen als funktional und sicher erwiesen. Die Akzeptanz bei den Patienten ist hoch. Darüber hinaus ist die Lösung sinnvoll einsetzbar im Rahmen der gemeinsamen Dokumentation, insbesondere bei Teilgemeinschaftspraxen. Claus Köster

Kontaktadresse: Dr. med. Claus Köster, Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck e.V., Otto-Beck-Str. 48, 68165 Mannheim, Gi Gesundheitsinformatik GmbH, Wattstraße 107, 67065 Ludwigshafen,
E-Mail: Claus.Koester@ginfo.de




Web-Adressen
- Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck: www.gn-rnd.de und
Kongressübersicht www.kongress-rnd.de
www.gesundheitsinformatik.de und
www.gesundheitsinformatik.de/forum
- Signaturkarte: www.medisign.de
- Teleradiologie Rhein-Neckar-Dreieck: www.teleradiologie-rnd.de
- Homepage der Arbeitsgemeinschaft IT der Deutschen Röntgengesellschaft:
www.tele-x-standard.de
- Die Telematik-Plattform der Kassenärztlichen Vereinigungen: www.d2d.de
- Heidelberger Gesundheitsakte:
www.hdga.de
- Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte GmbH: www.gematik.de
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1.
Köster C, Schertel B, Bremme HJ: Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck. Telemedizinführer, Ausgabe 2001.
2.
Köster C: Telemedizinische Dienste für den Patienten. Deutsches Ärzteblatt, PraxisComputer 2/2001.
3.
Köster C: Gesundheitstresor. Telemedizinführer, Ausgabe 2006: 326–35.
4.
Weisser G, Walz M, Köster C, Dinter D, Düber C: Neue Konzepte in der Teleradiologie mit DICOM E-Mail. Biomed Tech, Berlin, 2002; 47 Suppl 1 Pt 1: 356–9.
5.
Krüger-Brand HE: Elektronische Archivierung: Speichern mit System. Dtsch Arztebl 2006; 103(18): A 1209.
6.
Krüger-Brand HE: Gesundheitstelematik: In kleinen Schritten. Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A 832.
Abbildung 1: Gesundheitstresor
Abbildung 2: CORE-Modell des Gesundheitstresors
Abbildung 3: Der Gesundheitstresor als Baukastensystem
1. Köster C, Schertel B, Bremme HJ: Gesundheitsnetz Rhein-Neckar-Dreieck. Telemedizinführer, Ausgabe 2001.
2. Köster C: Telemedizinische Dienste für den Patienten. Deutsches Ärzteblatt, PraxisComputer 2/2001.
3. Köster C: Gesundheitstresor. Telemedizinführer, Ausgabe 2006: 326–35.
4. Weisser G, Walz M, Köster C, Dinter D, Düber C: Neue Konzepte in der Teleradiologie mit DICOM E-Mail. Biomed Tech, Berlin, 2002; 47 Suppl 1 Pt 1: 356–9.
5. Krüger-Brand HE: Elektronische Archivierung: Speichern mit System. Dtsch Arztebl 2006; 103(18): A 1209.
6. Krüger-Brand HE: Gesundheitstelematik: In kleinen Schritten. Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A 832.

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