ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2007Parvovirus-B19-Infektion in der Schwangerschaft: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Parvovirus-B19-Infektion in der Schwangerschaft: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(20): A-1410 / B-1259 / C-1200

Modrow, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es freut uns, dass unser Artikel auf Interesse gestoßen ist. In den bei der Redaktion oder bei uns eingegangenen Antwortschreiben wurden wir wiederholt um eine Aussage zur Dauer der Virusausscheidung und Infektiosität nach B19-Infektionen gebeten.
Aufgrund des Tropismus für Erythroblasten existiert bisher kein Zellkultursystem zur In-vitro-Vermehrung von Parvovirus B19. Daher ist es unmöglich, die in Biopsiematerialien vorhandenen Infektionserreger direkt zu bestimmen. Die einzig praktikable Methode ist die quantitative Bestimmung der Virusgenome mittels Polymerasekettenreaktion (PCR); die Genomzahl gilt als identisch mit der Partikelzahl. Das heißt aber nicht, dass alle Partikel noch infektiös sind. Einschlägige Veröffentlichungen und eigene Untersuchungen zeigen, dass die Virämie und daher Virusausscheidung mit 1012 bis 1014 Partikel/mL Blut oder Speichel vor Auftreten des Ringelröteln-Exanthems am größten ist.
Das Exanthem gilt als Zeichen der einsetzenden Antikörperantwort. Es wird vermutlich durch Virus-Antikörper-Komplexe, die sich am Endothel der Hautkapillaren ablagern, verursacht. Immunsupprimierte mit eingeschränkter Antikörperbildung entwickeln daher kein Exanthem. Eine ähnliche Pathogenese gilt für die Exanthembildung der Röteln- und Masernvirusinfektionen, bei diesen nehmen die Virusmengen ab Exanthembildung ebenfalls deutlich ab. Jedoch sind auch bei unkomplizierten B19-Infektionen mehr als 3 bis 4 Wochen nach Exanthembeginn die Erreger in Blut wie Speichel (103 bis 104 Partikeln/mL) nachweisbar, ihre Mengen unterscheiden sich kaum. Dies zeigen die Werte in der Grafik 2 unseres Artikels. Sie repräsentieren die durchschnittlichen Virusmengen, die ab Fieberbeginn, dem ersten Anzeichen der Infektion, in eigenen Analysen bestimmt wurden. Proben, die den Infektionsverlauf vom Früh- bis Rekonvaleszenzstadium darstellen, sind sehr selten. Systematische prospektive Studien sind praktisch unmöglich.
In älteren Veröffentlichungen, überwiegend basierend auf epidemiologischen Studien, ging man davon aus, dass B19-Infizierte ab Auftreten des Exanthems nicht mehr infektiös sind. Die Daten zeigen, dass ab diesem Zeitpunkt der beginnenden IgM-Antikörperproduktion die Virusausscheidung deutlich, aber nicht komplett zurückgeht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass große Virusmengen mit 1012 bis 1014 Partikeln/mL Blut – so viele sind bei Exanthembeginn im Organismus vorhanden – innerhalb eines oder weniger Tage mit Antikörpern komplexiert und somit immunologisch kontrolliert werden können. Bei Masern, einer Infektionserkrankung mit ähnlicher Pathogenese, aber deutlich geringeren Viruslast, empfiehlt man, Kinder 5 Tage nach Exanthembeginn wieder in Gemeinschaftseinrichtungen zuzulassen, um Übertragungen zu vermeiden (1). Erst dann ist davon auszugehen, dass die Patienten keine Viren mehr übertragen.
Wir empfehlen eine ähnliche Vorgehensweise bei Parvovirus-B19-Infektionen. Weiterhin sollte nicht übersehen werden, dass B19-Infektionen gelegentlich auch bei Kindern schwer verlaufen und mit Myokarditis und Enzephalitis verbunden sind. Auch dies sollte man bei der Frage der Wiederzulassung zum Schul- oder Kindergartenbesuch mitberücksichtigen.

Literatur
1. Masern. RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten: Merkblätter für Ärzte vom 25. 8. 2006

Prof. Dr. rer. nat. Susanne Modrow
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene
Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige