ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2007Kippenberger: Nichts ist peinlich, nichts banal

KULTUR

Kippenberger: Nichts ist peinlich, nichts banal

Dtsch Arztebl 2007; 104(20): A-1415 / B-1264

Stecker, Heidi

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Bis jetzt wurden die biografischen Daten des 1953 in Dortmund geborenen Martin Kippenberger eher tabellarisch resümiert. Nun legt seine Schwester eine Biografie vor. Kippenbergers enorme künstlerische Produktivität war durch ein radikales, schnelles, sich selbst und andere ausbeutendes Leben möglich. Er war vielfacher (Mit-)Begründer: des „Kippenberger Büros“, der Punkband „Die Grugas“, der „Lord Jim Loge“ (mit dem Motto „Keiner hilft keinem“), des „MOMAS“ (Museum of Modern Art, Syros). Er war Betreiber des Clubs „SO 36“ in Berlin-Kreuzberg und richtete eine U-Bahn-Station auf der griechischen Insel Syros ein, wo es keine U-Bahn gibt. Seine Werke sind heute weltweit in Museen und Ausstellungen präsent.
Martin Kippenberger arbeitete mit beinahe sämtlichen künstlerischen Medien. Er kreierte für ihn typische Bildmotive und Objekte: Der Weihnachtsmann, der betrunkene Laternenpfahl, das Ei und der Eiermann bilden eine eigene Ikonografie. Nudeln, ein Lieblingsessen, der hässliche Frosch, der zum Prinzen werden kann – nichts ist zu peinlich, nichts zu banal. Nichts aus der mitunter dunklen Breite des Lebens sollte abgewertet und kunstuntauglich sein, der Alltag in die – deutsche – Kunst gebracht werden. Kippenberger ist häufig selbst oder durch ein Alter Ego Protagonist seiner Gemälde und Skulpturen. Er konfrontiert mit Stereotypen künstlerischer Existenz, dem Christus gleich Leidenden, Wahnsinnigen und Außenseiter. Bissig reflektierte er den Kunstbetrieb und die Erwartungen, die an Kunst gestellt werden. Sarkastisch und selbstzerstörerisch ging er mit seiner Position um und lebte die Bohemien-Attitüde in einer andauernden Live-Performance, inklusive der gesundheitsschädlichen Konsequenzen.
Susanne Kippenberger, die jüngste der vier Schwestern, hat Freunde, Kollegen, Familienmitglieder, Wegbegleiter befragt, und das waren bei Kippenberger ziemlich viele. Ihr Buch ist keine kunsthistorische Darstellung, keine Künstlerbiografie, die die Wechselwirkungen von Person und Werk, historischem Kontext und Gesellschaft auslotet. Es informiert dennoch aufschlussreich über Kippenbergers Leben als Grundlage seiner Werke und die Kunstszene der 70er-, 80er- und der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Man erfährt auch, wie Kippenbergers Produktivität möglich war: Er ließ andere Ideen ausführen, griff auch Ideen anderer auf, ließ lesen und sich zuarbeiten. Die Gruppenarbeit mit verteilten Rollen erlaubte so einen exzessiven „Ausstoß“.
Susanne Kippenberger vermeidet die Plauderei aus dem Nähkästchen und die Schlüssellochperspektive. Es bereitet indes nahezu Pein zu lesen, wie Kippenberger mit Menschen, insbesondere Frauen, umging. Erwähnt wird auch, dass ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen wurden.
Aber was macht man mit solchem Wissen? Findet man nun die Kunst schlecht, weil man den Menschen ablehnt? Immerhin legte Kippenberger wie kaum ein anderer in der zeitgenössischen deutschen Kunst den Finger auf die wunden Punkte der deutschen Gesellschaft. Das ist sicher ein Grund, warum er heute gerade für Ausstellungen, die solche Brennpunkte thematisieren, interessant ist.
Heidi Stecker
Susanne Kippenberger: Kippenberger.
Der Künstler und seine Familien. Berlin Verlag, Berlin, 2007, 576 Seiten, gebunden, 22 Euro
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