ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1997Medizinethik – Letzte Instanz: Mein Gewissen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Medizinethik – Letzte Instanz: Mein Gewissen

Thomas, Hans; Hüntelmann, Rafael

Zu den Beiträgen "Keine Diagnose ,häppchenweise'" von Dr. med. Christian Hick, M. A., und "Integration des Patienten in die medizinethische Diskussion" von Dr. med. Christian Hick, M. A., et al. in Heft 4/1997
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LNSLNS . . . Ein Patient, den ich patientengerecht über seine infauste Prognose aufkläre, will auf diese Fragen jetzt eine Antwort, denn es ist höchste Zeit dafür. Der Bericht erweckt geradezu den Eindruck, als gehörten solche Fragen zur Krankheit und die "Selbstvergessenheit" (nämlich solche Fragen gar nicht zu stellen) zur Gesundheit. Könnte es nicht sein, daß die Diagnose weniger die Selbstvergessenheit "stört", als die existentielle Dimension der Frage nach dem Sinn des Lebens zum Durchbruch bringt?
Die Einbeziehung von Patienten in die Diskussion medizinethischer Fragen ist gewiß zu begrüßen. Ob allerdings, wie Kollege Hick et al. im Folgebeitrag plädieren, die Diskursethik und die ihr zugrundeliegende Konsenstheorie die richtigen Mittel sind, möchten wir bezweifeln. Die Diskursethik verteilt die Verantwortung des einzelnen auf alle, bekanntlich mit der Folge, daß niemand sie übernimmt. Es steht zu befürchten, daß im Angesicht des Todes der Patient das durchschaut. Es ist schwerlich ein Kriterium "moralisch richtiger" Entscheidung, daß alle von ihr Betroffenen in freiem und echtem Austausch (Diskurs) dieser zustimmen können. In jeder ethisch richtigen Handlung muß es mir primär darum gehen, dem Partner zu seiner Sinnerfüllung zu verhelfen. Sie muß nicht notwendigerweise dem entsprechen, was der Partner selbst dafür hält. Es kann auch verlangt sein, daß ich dem widerspreche und zuwiderhandle. Suizidgefährdete werde ich hindern, ihrem Suizidwunsch nachzukommen, weil sie dadurch ihrer eigenen Sinnerfüllung zuwiderhandeln. Dies ist glücklicherweise tägliche medizinische Praxis. Das letzte Urteil über die ethische Qualität meines Handelns sprechen nicht Diskurspartner, sondern mein Gewissen.
Dr. med. Hans Thomas, Rafael Hüntelmann, Friedrich-Schmidt-Straße 20 a, 50935 Köln
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