ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2007Haussen sterben in der Euphorie

GELDANLAGE

Haussen sterben in der Euphorie

Dtsch Arztebl 2007; 104(20): A-1418 / B-1266 / C-1206

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Sind deutsche Aktien jetzt noch günstig oder nicht? Wer sich der großen Schar von Experten anschließt, die tagtäglich in den Medien für Dividendentitel trommeln, kann sich des Eindrucks wohl kaum entziehen, dass die Börsenwelt nach wie vor voller Geigen hängt, und wer jetzt nicht einsteigt, am Ende der Dumme ist. Dabei wird viel zu oft übersehen, dass die jubilierenden Stimmen meist interessengeleitet sind, da sie die Lieder ihrer Herren singen, deren Brot sie essen, also ihrer arbeitgebenden Banken oder Fonds. Haben Sie jemals einen Banker erlebt, der zum Ausstieg aus Aktien geraten hat? Im letzten Vierteljahrhundert ist mir persönlich so etwas kaum zu Ohren gekommen, Kaufempfehlungen jedoch zuhauf, bei welchem Indexstand auch immer.
Bei der Frage nach dem Bewertungsniveau wird unter Fachleuten häufig das sogenannte KGV herangezogen. Ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis hoch, sind Aktien überteuert, ein niedriges KGV signalisiert dagegen Steigerungspotenzial. Theoretisch wenigstens. Derzeit liegt das DAX-KGV, also die durchschnittliche Richtgröße für alle großen börsennotierten deutschen AGs, bei etwa 14. Die meisten Experten finden dieses KGV angemessen bis attraktiv, was für meinen Geschmack auf den Holzweg führen kann.
Es kommt vielmehr auf die Gewinndynamik bei dem betrachteten Unternehmen an. Beispiel: Ihre Praxis wirft einen Jahresgewinn von 100 000 Euro ab. Ein KGV von 14 reflektiert dann einen Unternehmenswert (Kurs) von 1,4 Millionen Euro. Ein möglicher Käufer findet dieses KGV von 14 vermutlich nur dann attraktiv, wenn die Gewinne in den Folgejahren weiter steigen, während die Erwartung eines abnehmendes Gewinns eher ein KGV von etwa acht oder neun rechtfertigte. Nicht anders verhält es sich an der Börse. Ich habe schon Fälle erlebt, die können sich die Jungspunde heute gar nicht mehr vorstellen, da war ein KGV von fünf oder sechs schon zu hoch. Es gibt keinen Grund, auch mal wieder mit solchen Situationen konfrontiert zu werden. In einer Phase, in der deutsche Unternehmen mit historisch hohen Gewinnen nur so um sich werfen, mag dieses Vorbringen als Rufer eines Einsamen in der Wüste eingestuft werden, einfach abhaken, weiter Aktien kaufen, die aktuellen KGVs gäben eine negative Einschätzung einfach nicht her.
Vorsicht, kann ich da nur sagen. Wer sich den aktuellen Quartalsbericht der Deutschen Bank anschaut, sieht einerseits einen (erwarteten) Rekordgewinn, kann aber bei genauem Hinsehen feststellen, dass die operativen Kosten schneller als der Ertrag steigen. Also, die Gewinnzuwächse drohen in absehbarer Zeit abzubrechen. Ähnliche Effekte sind auch bei anderen Unternehmen zu erwarten (Metalltarif). All das spiegelt die heutige Euphorie bei Weitem nicht wider. Fazit: An der Börse wird zum Ausstieg nicht geklingelt. Höchstens ganz leise.
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