ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2007Kommentar: Alfons Stauder – Hier irrt die Ministerin

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Kommentar: Alfons Stauder – Hier irrt die Ministerin

Dtsch Arztebl 2007; 104(21): A-1444 / B-1287 / C-1227

Gerst, Thomas

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Man könnte glauben, Ulla Schmidt habe beim 110. Deutschen Ärztetag persönlich demonstrieren wollen, dass es mit der historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Ärzteschaft nicht zum Besten bestellt ist. Bei der Preisverleihung für verdienstvolle Forschungsarbeiten zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus unterlief ihr wieder dieser kleine Fehler. Der „Hartmannbund-Funktionär Stauder“ habe 1954 das Große Verdienstkreuz für seine Verdienste um die Gesunderhaltung des deutschen Volkes erhalten. Dies hatte Schmidt bereits am 5. November 2006 öffentlich bei einer Gedenkveranstaltung für die vertriebenen und ermordeten jüdischen Ärzte Berlins verkündet – für die Ministerin ein deutlicher Beleg dafür, dass viele Mediziner, die nach 1933 Schuld auf sich geladen hatten, nach 1945 ungebrochen ihre Karrieren fortsetzen konnten.
Nun hatte das Redemanuskript vom November den Weg auf das Vortragspult in der Halle Münsterland gefunden. Aber durch Wiederholen wird Falsches nicht wahrer. Alfons Stauder war zum Zeitpunkt der angeblichen Ehrung schon mehr als 16 Jahre tot. Anders als von Ulla Schmidt angedeutet, kann man in Alfons Stauder, seit 1929 in Personalunion Vorsitzender des Deutschen Ärztevereinsbundes und des Hartmannbundes, keinen aktiven Propagandisten für die Gleichschaltung der ärztlichen Organisationen durch die Nationalsozialisten sehen. Richtig ist, dass er der Machtübernahme keinen aktiven Widerstand entgegensetzte. Er war aber nach 1933 nicht mehr in Füh-rungsgremien der Ärzteschaft vertreten.
Richtig ist auch, dass Stauder als führender Repräsentant der deutschen Ärzteschaft nach den Märzwahlen 1933 ein Glückwunschtelegramm mit dem Gelöbnis „treuester Pflichterfüllung als Diener der Volksgesundheit“ an Reichskanzler Adolf Hitler unterzeichnete. Zwei Tage danach wurden die beiden ärztlichen Spitzenorganisationen der kommissarischen Führung Gerhard Wagners unterstellt. Nach Differenzen mit der neuen NS-Ärzteführung trat Alfons Stauder am 7. Juni 1933 von seinen Ämtern zurück. Er hielt die „Situation für den Vorstand, der nicht einfach nachträglich Beschlüssen zustimmen könne, an deren Zustandekommen er nicht mitgewirkt habe, für unerträglich“. So steht es im Protokoll der Vorstandssitzung des Ärztevereinsbundes aus dem Jahr 1933. Unter den herrschenden Umständen sah Stauder aber keine andere Möglichkeit, als die Machtübertragung auf Wagner reibungslos abzuwickeln.
August de Bary, ein alter Weggefährte Stauders, berichtete 1949, dass Stauder in der Folgezeit Kränkungen und Ehrverletzungen zu erleiden hatte. Frühzeitig habe er den psychopathischen Fanatismus Hitlers erkannt und am Bestand seiner Regierung gezweifelt. Bitter enttäuscht worden sei er dadurch, dass er so gut wie keine Kollegen gefunden habe, die seine Befürchtungen geteilt und sich dem Begeisterungsrummel widersetzt oder ferngehalten hätten. Alfons Stauder starb am 18. Dezember 1937. Einen Nachruf in der Standes- und Fachpresse habe die NS-Ärzteführung verboten, schreibt de Bary.
Alfons Stauder (1878–1937), seit 1926 Vorsitzender des Deutschen Ärztevereinsbundes und seit 1929 in Personalunion auch des Hartmannbundes. Foto: Archiv
Alfons Stauder (1878–1937), seit 1926 Vorsitzender des Deutschen Ärztevereinsbundes und seit 1929 in Personalunion auch des Hartmannbundes. Foto: Archiv
Dem ärztlichen Berufsstand kann man sicherlich vorhalten, sich in den Nachkriegsjahrzehnten kaum mit seiner schuldhaften Verstrickung in das NS-Unrechtsregime auseinandergesetzt zu haben. Die aber seit spätestens Ende der 80er-Jahre zu verzeichnende Aufarbeitung dieser Vergangenheit auch durch die Ärzteschaft selbst sollte von der Ge­sund­heits­mi­nis­terin zur Kenntnis genommen werden, bevor sie sich öffentlich dazu äußert.
In dem Zusammenhang noch ein Tipp für Ulla Schmidt, sollte sie das Redemanuskript noch einmal verwenden wollen. Lohnenswert wäre ein Blick in die „Geschichte der deutschen Ärzteschaft“. Das Buch erschien 1997 zum 100. Deutschen Ärztetag im Auftrag der Bundes­ärzte­kammer. Dort würde sie auch erfahren, welcher „Hartmannbund-Funktionär“ nach 1933 einen verachtenswerten Opportunismus an den Tag legte und gleichwohl 1954 mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet wurde.
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