DEUTSCHER ÄRZTETAG

Organ- und Gewebetransplantation: Der menschliche Körper ist keine veräußerbare Ware

Dtsch Arztebl 2007; 104(21): A-1458 / B-1296 / C-1236

Klinkhammer, Gisela; Hibbeler, Birgit

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Gegen die Widerspruchsregelung: Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantationen, hält es für problematisch, Schweigen als Zustimmung zu interpretieren.
Gegen die Widerspruchsregelung: Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantationen, hält es für problematisch, Schweigen als Zustimmung zu interpretieren.
Die Ärztetagsdelegierten sprechen sich für die Beibehaltung der erweiterten Zustimmungslösung aus. Eine Kommerzialisierung von Organspenden lehnen sie strikt ab.

Dass die Zahl der Organspenden erhöht werden muss, darin ist man sich einig. Schließlich sterben in Deutschland täglich drei Menschen an akutem „Organspende-Versagen“. Rund 12 000 Menschen stehen auf den Wartelisten für ein neues Organ. Doch im Jahr 2006 wurden nur 4 600 Organe gespendet. Dabei erklären sich grundsätzlich etwa zwei Drittel aller Deutschen bereit, ihre Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen, nur jeder achte verfügt jedoch über einen Spenderausweis. Ob allerdings eine Änderung des 1997 in Kraft getretenen Transplantationsgesetzes (TPG) die richtige Lösung ist, ist umstritten.
„Genug Rechtssicherheit, aber noch nicht genug Organe“, lautet das Resümee nach zehn Jahren Transplantationsgesetz von Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Vorsitzendem der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer. Allerdings teilt Lilie nicht die Forderung des Nationalen Ethikrates nach einer Änderung des geltenden Rechts. Das Gremium hatte vor Kurzem ein Stufenmodell vorgeschlagen, das nach eigenen Angaben Elemente einer Erklärungsregelung mit Elementen einer Widerspruchsregelung verbindet. Danach soll der Staat verpflichtet werden, „dafür zu sorgen, dass die Bürger erstens in einem geregelten Verfahren zu einer persönlichen Erklärung darüber aufgefordert werden, ob sie zur Organspende bereit sind, und zweitens darüber informiert sind, dass die Organentnahme bei unterbliebener Erklärung gesetzlich erlaubt ist, sofern die Angehörigen ihr nicht widersprechen.“ Bisher gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungsregelung. Danach müssen Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich der Organentnahme zugestimmt haben. Wenn das nicht der Fall ist, können die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen entscheiden.
„Der nationale Ethikrat hat die zutreffende Diagnose gestellt. Die gewählte Therapie verspricht jedoch keine Heilung“, sagte Lilie. Er glaubt nicht, dass eine Widerspruchsregelung wirklich zu höheren Spenderraten führt. Darüber hinaus sei es problematisch, Schweigen als Zustimmung zu interpretieren. Zwar sehe der Vorschlag des Ethikrates ein Vetorecht für die Angehörigen vor, dennoch befürchtet Lilie, eine Diskussion über eine Widerspruchsregelung könne die Akzeptanz der Organspende verringern. „Wir kommen in eine Debatte, deren Risiken wir nicht abschätzen können“, warnte er.
Krankenhäuser kommen ihrer Meldepflicht nicht nach
Die Mehrheit der Delegierten des 110. Deutschen Ärztetages in Münster plädierte ebenfalls für eine Beibehaltung der Zustimmungsregelung. Unklar sei, ob eine Widerspruchslösung zu einer Förderung der postmortalen Organspende führen werde. Das Beispiel Schwe-den zeige, dass nach mehrmaligem Wechsel zwischen Zustimmungs- und Widerspruchslösung keine Veränderungen der Spenderaten festzustellen waren.
Die Ärztetagsdelegierten waren sich einig, dass die Rolle der Krankenhäuser mit Intensivstation im Hinblick auf die Mitteilung potenzieller Organspender dringend diskutiert werden müsse. Die Krankenhäuser seien zwar jetzt schon gesetzlich verpflichtet, Patienten, die nach ärztlicher Beurteilung als Spender in Betracht kämen, dem zuständigen Transplantationszentrum mitzuteilen. Dieser Verpflichtung müssten sie aber auch verstärkt nachkommen. Dabei könne eine flächendeckende Einführung von unabhängigen Transplantationsbeauftragten helfen. Das legten die Erfahrungen der europäischen Nachbarländer nahe. So wies Lilie darauf hin, die Steigerung der Spenderraten sei etwa in Spanien nicht in erster Linie durch die Einführung der Widerspruchsregelung erreicht worden, sondern durch eine verbesserte Organisation und den Einsatz von Transplantationskoodinatoren.
Um die Zahl der Transplantationen zu steigern, erscheint nach Meinung der Delegierten ebenfalls eine „behutsame Förderung der Lebendspende“ diskutabel. Dafür sprach sich auch Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel, Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation, aus. Es könne durchaus sinnvoll sein, Menschen darüber aufzuklären, dass eine solche möglich und unter Umständen auch wünschenswert sei. Inwieweit dabei eine persönliche Verbundenheit vorhanden sein sollte und dies von einer ungerichteten, aber altruistischen Empfindungen folgenden anonymen Spende abgegrenzt werden müsse, sei ethisch nicht entscheidbar. Vielmehr sei die Sorge um den potenziellen Missbrauch im Sinne einer Kommerzialisierung der Organspende ein wesentliches ethisches Argument, den Kreis der Lebendspender transparent und begrenzt zu halten.
Nagel äußerte allerdings auch Verständnis für den Vorschlag des Nationalen Ethikrates. Die „aufgeregten Stellungnahmen“ bezogen sich seiner Ansicht nach auf die Sorge, die bestehende Lücke könnte ohne Zustimmung des Einzelnen geschlossen werden. Doch davon sei nie die Rede gewesen. „Ganz im Gegenteil: Die Stellungnahme des Nationalen Ethikrates beschreibt es als eine ethisch relevante Aufgabe und Pflicht jedes Einzelnen in dieser Gemeinschaft, sich mit den Konsequenzen des Organmangels auseinanderzusetzen. Nicht nur mit den Konsequenzen des Organmangels, sondern auch mit dem medizinisch-technischen Fortschritt insgesamt, so wie er in das Leben von uns allen eingreift.“
Stellungnahme bei Erwerb des Führerscheins gefordert
Eine Auseinandersetzung mit der Thematik hält auch der Ärztetag für dringend erforderlich. Er schlägt deshalb vor, jeden Führerscheinbewerber zu einer Festlegung für oder gegen die Organspende zu bewegen. Auf diese Weise würde nicht nur der Anteil der Bevölkerung erhöht, der einen Organspendeausweis besitzt, sondern es würde bei den jungen Auto- und Motorradfahrern möglicherweise ein erhöhtes Bewusstsein für ihre Verantwortung geschaffen.
Wenn auf die Divergenz zwischen Utilitarismus und Nächstenliebe hingewiesen werde und wenn sich die Ärzteschaft nicht nur im Hinblick auf die historischen Gesichtspunkte ihres Behandlungsauftrages, sondern auch für eine bessere Zukunft positioniere, dann spiele es auch keine Rolle, ob hinter einem Erklärungmodell eine erweiterte Zustimmungs- oder eine Widerspruchsregelung stehe, glaubt Nagel. „Ohnehin wird von einer solchen gesetzlichen Regelung kein wesentlicher Input für den Bereich der Organspende zu erwarten sein“, befürchtet er.
Prof. Dr. med. Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, hält die Debatte über die Widerspruchlösung „für etwas künstlich“. Wenn jeder Fall gemeldet werde, könne auch die Zahl der Organspender erhöht werden. Nagel kritisierte ebenfalls, „dass nach der Todesursachenstatistik weit mehr potenzielle Organspender in unseren Krankenhäusern sterben, als zur Evaluation gemeldet werden“. Trotz aller gesetzlichen Grundlagen und Ausführungsgesetze in einer Reihe von Bundesländern bleibe dieses Manko bestehen. „Ist es nicht ein Teil des ärztlichen Behandlungsauftrages, eine Pflicht von uns handelnden Ärztinnen und Ärzten, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um potenzielle Organspender zu identifizieren oder zumindest zu eruieren, wie sie sich in dieser Situation hätten entscheiden wollen?“, fragte der Augsburger Transplantationsmediziner.
Für eine behutsame Förderung der Lebendspende plädierte Eckhard Nagel, Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation.
Für eine behutsame Förderung der Lebendspende plädierte Eckhard Nagel, Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation.
Transplantationsgesetz: Viele positive Errungenschaften
Trotz aller Probleme, mit denen die Transplantationsmedizin zu kämpfen hat: Das TPG hat viele positive Errungenschaften mit sich gebracht. Darauf wies Lilie hin. Dazu zähle an erster Stelle die Rechtssicherheit, die mit der Regelung geschaffen worden sei. Ein wichtiger Aspekt sei zudem die Chancengleichheit, ein Organ zu erhalten, sowie die organisatorische Trennung von Organspende und Vermittlung. Lilie hob zudem die im TPG festgelegte Richtlinienkompetenz der Bundes­ärzte­kammer für alle wichtigen Kriterien von Spende und Transplantation, einschließlich der Hirntoddiagnostik, hervor. Dank des Sachverstandes der Bundes­ärzte­kammer hätten sich in der Transplantationsmedizin Standards etabliert. Im TPG sei zudem klar die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit der Spende und ein Verbot des Organhandels geregelt.
Auch künftig muss eine Kommerzialisierung der Organ- und Gewebespende tabu bleiben. Darüber bestand beim Deutschen Ärztetag kein Zweifel. Kommerzialisierung als Schlüssel zur Verteilung von Gesundheitsleistungen widerspreche nicht nur dem Solidaritätsprinzip, sondern auch der ärztlichen Überzeugung, dass der menschliche Körper keine veräußerbare Ware sein könne und dürfe. Die Befürworter der Kommerzialisierung könnten nicht belegen, dass finanzielle Anreize eher zur Organspende motivierten als Appelle an die altruistische Einstellung potenzieller Spender. So wäre gesellschaftlich wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren: „Die ärztliche Überzeugung, dass der menschliche Körper keine veräußerbare Ware sein kann und sein darf.“ Unabdingbar sei deshalb das Aufwandserstattungsprinzip für alle beteiligten Institutionen als konsequenter Ausdruck des strikten Handelsverbots von Organen.

Gisela Klinkhammer,
Dr. med. Birgit Hibbeler


Organspende

Zustimmungsregelung
Nur wer zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat, ist potenzieller Organspender (Organspendeausweis). In Deutschland gilt die „erweiterte Zustimmungsregelung“: Die Angehörigen können nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden, wenn sich dieser nicht geäußert hat.
Widerspruchsregelung
Organe dürfen entnommen werden, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Bei der „erweiterten Wirderspruchsregelung“ haben die Angehörigen ein Vetorecht. Eine solche Regelung gilt unter anderem in Österreich und Spanien. BH
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