ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2007Engagement für Organspende: Gegen den Tod auf der Warteliste

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Engagement für Organspende: Gegen den Tod auf der Warteliste

Dtsch Arztebl 2007; 104(21): A-1463 / B-1299 / C-1239

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Was nützt Hightechmedizin, wenn die Organe fehlen? Ob und wann Hartmut Schmidt den „Wartelisten- Patienten“ Christian Keweloh und Rainer Lappe (von links) helfen kann, ist offen. Foto: Eberhard Hahne
Was nützt Hightechmedizin, wenn die Organe fehlen? Ob und wann Hartmut Schmidt den „Wartelisten- Patienten“ Christian Keweloh und Rainer Lappe (von links) helfen kann, ist offen. Foto: Eberhard Hahne
Die Transplantationsmedizin hat zwei Probleme: Die Melderate der Krankenhäuser ist zu gering, die Bevölkerung ist kaum über die Organspende informiert. In Münster geht man beide Punkte gezielt an – mit großem Erfolg.

Für Prof. Dr. med. Hartmut Schmidt sind die rund 12 000 Menschen, die in Deutschland auf ein Organ warten, keine abstrakte Zahl. Durch seine Arbeit als Transplantationsmediziner haben viele Patienten auf der Warteliste ein Gesicht bekommen. „Die Frustration, wenn man die Patienten sterben sieht, war der Motor für mein Engagement für die Organspende“, sagt der Transplantationsbeauftragte des Universitätsklinikums Münster. Christian Keweloh (45) und Rainer Lappe (50) sind zwei von Schmidts Patienten. So unterschiedlich ihre persönliche und medizinische Vorgeschichten – sie haben ein gemeinsames und existenzielles Problem: Ihre einzige Chance ist ein neues Organ.
Die Zeit läuft gegen
die Patienten
„Manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf“, sagt Keweloh, Landwirt aus Werl, der seit sieben Monaten auf der Warteliste steht. Er leidet unter hereditärer Amyloidose mit Leptomeningeose und braucht dringend eine neue Leber. „Seit 2002 bin ich von Doktor zu Doktor gelaufen“, berichtet er. Doch niemand
habe die richtige Diagnose gestellt. Mittlerweile weiß Keweloh zwar, an welcher Krankheit er leidet, doch die Zeit läuft gegen ihn. „Ich verliere im Moment mein Gedächtnis, muss mir alles aufschreiben“, sagt er.
Dieses Gefühl, „in der Warteschleife zu hängen“, teilt Lappe. Der Busfahrer aus Hörstel leidet seit Jahren an einer Colitis ulcerosa, vor drei Jahren stellten die Ärzte eine primär sklerosierende Cholangitis fest, seit acht Monaten steht er auf der Warteliste für eine neue Leber. Er habe mit vielen Leuten über Organspende gesprochen, berichtet Lappe. Seine Erfahrung: Wer auf eine Leber wartet, ist mit dem Vorurteil konfrontiert, sich selbst die Gesundheit ruiniert zu haben und nun ein neues Organ zu wollen. Wenn er dann seine Geschichte erzähle, reagierten viele Gesprächspartner etwa so: „Ach, so was gibt es auch?“ Wenige Tage bis Jahre – das ist die Wartezeit, mit der Patienten zu rechnen haben, die eine Leber brauchen, berichtet Schmidt. Eine seiner Patientinnen wartet seit zweieinhalb Jahren, sie musste von Dezember bis April stationär behandelt werden, mehrfach intensivmedizinisch.
Der Mangel an Spenderorganen ist in Deutschland seit Jahren ein Problem. Viele Krankenhäuser melden potenzielle Organspender nicht, denn für die Einrichtungen ist dies finanziell nicht attraktiv. Die Spender „blockieren“ Intensivbetten. Viele Ärztinnen und Ärzte scheuen zudem den Aufwand. Schmidt kennt die Probleme, die der Meldung von Organspenden im Wege stehen. Als Transplantationbeauftragter hat er dazu beigetragen, die Zahl der Spender am Universitätsklinikum Münster deutlich zu steigern – mit einer Vielzahl von Maßnahmen: Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte und Pfleger und eine Optimierung interner Abläufe. Darüber hinaus erfolgte eine „Dienstanweisung Organspende“. In der Folge stieg die Zahl der Spendermeldungen innerhalb eines Jahres von acht auf 14 (2006).
Schmidt ist jedoch davon überzeugt, dass all diese Maßnahmen kaum etwas bewirken, wenn es in der Bevölkerung Vorbehalte und Ängste gegenüber der Organspende gibt oder sich viele gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Bislang haben nur etwa zwölf Prozent der Menschen in Deutschland einen Organspenderausweis. Deshalb kooperiert die Universtitätsklinik Münster mit der Initiative „No panic for organic – Sag ja zur Organspende“. Das Ziel: Das Image der Organspende verbessern. Mit Veranstaltungen und Konzerten wird die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert. Schon 15 000 Organspendeausweise wurden verteilt.
Organspende braucht
ein positives Image
In Dieter Kemmerling, dem Begründer der Initiative, hat Schmidt einen engagierten Verbündeten gefunden. „Wir wollen das Thema Organspende positiv besetzen“, sagt Kemmerling, Inhaber einer Software-Firma und Musiker. Der 59-Jährige bekam vor sechs Jahren selbst ein neues Organ. Danach stand für ihn fest: „Wir müssen die Leute auf das Thema Organspende stoßen.“ Es soll ei-
ne „Mitmachstimmung“ entstehen. Auch Prominente konnte „No panic for organic“ schon für sich gewinnen, unter anderem den Schauspieler Leonard Lansink, Hauptdarsteller in der Krimi-Serie „Wilsberg“. Beteiligt ist die Initiative ebenfalls an der Aktion „TransDia – Radtour pro Organspende“.
Schmidt und Kemmerling sind davon überzeugt, dass sich schon vieles dadurch erreichen lässt, wenn die Organspende ein positives Image erhält. Doch auch die Rahmenbedingungen der Organspende in Deutschland gehören für die beiden auf den Prüfstand. „Spanien ist ein ideales Modell“, sagt Schmidt. Hier seien in den vergangenen Jahren hervorragende Strukturen geschaffen worden, die Finanzierung sei gesichert. Darüber hinaus gilt in Spanien die sogenannte erweiterte Widerspruchsregelung: Organe können entnommen werden, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat und auch die Angehörigen kein Veto einlegen. In Spanien haben sich außerdem die katholischen Bischöfe für die Organspende ausgesprochen. Für Schmidt steht fest: „Die Widerspruchsregelung wäre ein Schritt. Dennoch brauchen wir eine positive Stimmung im Land.“
Dr. med. Birgit Hibbeler
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema