ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2007Doping: Mit dem Arztberuf unvereinbar

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Doping: Mit dem Arztberuf unvereinbar

Dtsch Arztebl 2007; 104(22): A-1537 / B-1365 / C-1305

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Überrascht ist wohl niemand von der Doping-Enthüllungswelle, nachdem viel zu viele Akteure und Mitwisser viel zu lange über ihre Methoden der „Leistungssteigerung“ geschwiegen haben. Doch nun bricht das Kartenhaus mafiöser Machenschaften zusammen und begräbt unter sich Sportler, Trainer, Funktionäre, Sponsoren, TV-Sender, Journalisten – und Ärzte. Als die Beweislast durch beichtende Sportler immer erdrückender wurde, haben die Freiburger Sportmediziner, Prof. Dr. med. Andreas Schmid und Dr. med. Lothar Heinrich, zugegeben, jahrelang Doping-Praktiken im Team Telekom und beim Nachfolger T-Mobile unterstützt zu haben. Laut Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier werde geprüft, ob Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz ab 2002 erfolgt seien. Damit wird wahrscheinlich nur ein Teil möglicher Vergehen erfasst, da eine fünfjährige Verjährungsfrist weitere Ahndungen unmöglich macht.
Vor einem Scherbenhaufen stehen jetzt nicht nur die beiden Sportmediziner, denen fristlos gekündigt wurde, sondern auch das Sportmedizinische Institut der Universität Freiburg, dessen Namen in den letzten Jahrzehnten immer wieder im Rahmen von Doping-Enthüllungen genannt wurde und das sich, wie die Neue Zürcher Zeitung (26./27. 5. 2007) titelt, „als Schule der Manipulation“ erwiesen hat. Letzter Beleg dafür ist das Geständnis eines weiteren Freiburger Sportmediziners: Mit Dr. med. Georg Huber wird die Riege der dopenden Ärzte um einen prominenten Namen erweitert. Er gab zu, von 1980 bis 1990 Amateurradfahrern das verbotene Testosteron-Präparat Audriol gespritzt zu haben.
Huber betreute seit 1972 deutsche Sportler bei zwölf Olympischen Spielen und war seit 1980 Ausstatter der deutschen Olympia-Apotheken, überdies Mannschaftsarzt im Deutschen Skiverband. 2005 wurde er zum „Sportarzt des Jahres“ gekürt. Die Pikanterie erfährt jedoch ihren Höhepunkt dadurch, dass Huber als Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Medizin und Analytik der deutschen Antidoping-Agentur (Nada) stets über alle Doping-Kontrollmaßnahmen Bescheid wusste, zumal er in der Bonner Nada-Arbeitsgruppe eng mit dem Kölner Doping-Analytiker, Prof. Dr. med. Wilhelm Schänzer, zusammengearbeitet hatte. Inwieweit er das Wissen missbraucht und Daten ihm anvertrauter Athleten zu deren Gunsten manipuliert hat, werden Fachverbände und Nada, die sich inzwischen von ihm distanziert haben, klären müssen.
Ärzte, die an Dopingmaßnahmen beteiligt sind, unterliegen dem Arzneimittelgesetz sowie der Berufsordnung der Ärztekammern, aber auch der Aufsicht der jeweiligen Bezirksregierung (des Regierungspräsidenten). Der Ärzteschaft und ihren offiziellen Gremien steht es gut zu Gesicht, sich von Medizinern, die nicht nach ärztlichem Ethos handeln (wo und wie auch immer), zu distanzieren. „Oberstes Gebot ärztlichen Handelns ist die Erhaltung und die Wiederherstellung der Gesundheit des Patienten; Doping aber ist vorsätzliche Körperverletzung und mit dem Arztberuf völlig unvereinbar, was bei besonderer Schwere den Widerruf der Approbation zur Folge haben kann“, so Dr. med. Udo Wolter, Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg. Die Geständnisse der drei dopenden Ärzte sind möglicherweise nur die Spitze eines Eisbergs, denn Fachleute schätzen, dass der medizinische Bedarf an EPO und Wachstumshormonen wesentlich geringer ist als die Menge der hergestellten Präparate. Was wohl mit dem Rest dieser verschreibungspflichtigen Präparate geschieht?

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
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